Warum soll Maria Jesus nicht anfassen?

Noch haben wir Osterzeit, da kann ich noch ein bisschen Nachlese betreiben. In diesem Jahr war der Monatsspruch zum Osterfest der Vers 20,18 aus dem Johannesevangelium: „Maria aus Magdala geht und sagt zu den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und berichtet ihnen, was er gesagt hat.“ Maria Magdalena ist diejenige, die die Apostel erst zu Aposteln macht. Sie berichtet ihnen das, was sie der Welt verkünden sollen.

Ich wäre kein evangelischer Theologe, wenn ich den Satz über Maria nicht im Zusammenhang lesen wollte – und als ich das tat, kam eins zum andern:

11Maria aber stand draussen vor dem Grab und weinte. Während sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein. 12Und sie sieht zwei Engel sitzen in weissen Gewändern, einen zu Häupten und einen zu Füssen, dort, wo der Leib Jesu gelegen hatte. 13Und sie sagen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie sagt zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiss nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 14Das sagte sie und wandte sich um, und sie sieht Jesus dastehen, weiss aber nicht, dass es Jesus ist.
15Jesus sagt zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Da sie meint, es sei der Gärtner, sagt sie zu ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sag mir, wo du ihn hingelegt hast, und ich will ihn holen.
16Jesus sagt zu ihr: Maria! Da wendet sie sich um und sagt auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni! Das heisst ‹Meister›. 17Jesus sagt zu ihr: Fass mich nicht an! Denn noch bin ich nicht hinaufgegangen zum Vater. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. 18Maria aus Magdala geht und sagt zu den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und berichtet ihnen, was er ihr gesagt hat.

Übersetzung: Zürcher Bibel

Die Szene ist spannend und gleitet in der Mitte fast in Komische ab. Als Lesende werden wir zuerst Wort für Wort in die Situation hineingezogen, dann schließlich ins Grab, wo die Engel sitzen. Als der mysteriöse „Gärtner“ auftritt, wissen wir schon, dass es Jesus ist, denn Johannes schiebt uns diese entscheidende Information diskret rüber. So können wir zwischen Bangen und wissendem Lächeln beobachten, wie Maria Jesus nicht mit ihren Augen, aber mit ihren Ohren erkennt. Nicht sein Anblick, sondern seine Stimme macht ihr deutlich, dass es Jesus ist.

Das Berührungsverbot und seine Aufhebung

Zu jedem Vers könnte man viel kommentieren, aber ich bin hängengeblieben an den legendären Worten „Fass mich nicht an!“ Sie verursachen Verwunderung. Warum soll sie ihn nicht anfassen?

Der Erklärungen sind schon viele gegeben worden. Diejenigen, die in Jesus und Maria gerne ein Liebes- oder gar Ehepaar sehen wollten, haben hier immer reichlich Stoff gefunden. Wie soll Maria Jesus jetzt nicht mehr anfassen, und wie hat sie ihn denn früher angefasst?

Andere haben in neuerer Zeit anders übersetzt: „Halte mich nicht fest!“, schreibt die neue Einheitsübersetzung. Jesus kann nicht wieder wie früher bei seinen JüngerInnen bleiben, er muss zum Vater gehen, so wie er es vorher schon angekündigt hat (Joh 16,7). Es hat keinen Zweck, ihn festhalten zu wollen. Schließlich sagt Jesus als Begründung zu Maria: „Denn noch bin ich nicht hinaufgegangen zum Vater.“

Wenn man nur eine Seite weiterblättert, dann erscheint Jesus unter den Jüngern, die sich verbarrikadiert haben „aus Furcht vor den Juden“. Und bei der nächsten Erscheinung, als auch der berühmte „ungläubige Thomas“ unter ihnen ist, der nicht glauben will, dass Jesus auferstanden ist, da bietet Jesus freimütig Berührungen an!

Leg deinen Finger hierher und schau meine Hände an, und streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!

Joh 20,27

Als Jesus vor Maria erscheint und sie ihn berühren will, verbietet er es, weil er noch nicht zum Vater hinaufgegangen ist – und als er den Thomas trifft, gilt das nicht mehr.

Nun wage ich ein Gedankenexperiment. Ich stelle mir vor, Jesus ist auferstanden, heraus aus dem Grab. Die Engel setzen sich an die Stelle. Maria kommt hinzu, und sie trifft den frisch Auferweckten. Nach dieser Begegnung muss er wohl zum Vater gegangen sein, und erst dann hat er die anderen Jünger getroffen – jetzt ist nämlich das Berührungsverbot aufgehoben.

Von Null auf Hundert nach der Auferstehung?

Mathis Gothart Grünewald: Die Auferstehung am Isenheimer Altar (Wikipedia, gemeinfrei)

Die Evangelisten der Bibel halten sich ja mit Beschreibungen der eigentlichen Auferstehung weise zurück. Als die Zeuginnen ans Grab kommen, ist alles schon geschehen – das Grab ist leer. Matthäus wagt sich am weitesten vor, wenn er erzählt, wie die Wächter vor dem Grab erstarren, wenn der Stein weggerollt wird (Mt 28,2-4).

Die christliche Kunst hat diese Lücke ausgefüllt. Man betrachte nur den Auferstandenen auf dem Isenheimer Altar. Ein strahlendes Wesen erscheint voller Macht und Kraft und schwebt über dem geöffneten Grab.

Ich möchte gerne, dass, wenn großes Leid geschehen ist, die Spuren sofort wieder verschwunden sind. Ein Jesus, der sofort von Null auf Hundert fährt, wäre der deutlichste Sieg über den Tod. Das widerspricht aber der menschlichen Erfahrung.

Was ist, wenn Jesus nach der Kreuzigung noch nicht so ausgesehen hat? Wenn er noch verletzt und verletzlich war? Ein Mensch, der eine schwere Krankheit überstanden hat, vielleicht im Koma lag, verträgt es nicht, wenn alle auf ihn zustürzen und ihn umarmen wollen. Wenn ein Samenkorn aufgebrochen ist, und der frische Trieb ans Licht kommt, ist es auch nicht klug, gleich daran herumzufingern.

Ich könnte es mir vorstellen, dass Jesus, als er der Maria aus Magdala begegnet ist, noch verletzt und verletzlich gewesen ist. Genauso wie auch sie noch verletzlich und verletzt war von all dem, was geschehen ist. Sie hat ihn nicht erkannt, weil er nach der Kreuzigung und nach seinem Tod natürlich anders ausgesehen hat. Sie hat den immer noch verwundeten Jesus gesehen, den Kraftlosen. Den Jesus, der noch sagt: Leute, bleibt auf Abstand!

Quelle: Image by Famifranquoi from Pixabay

Jesus musste zum Vater gehen, um bei ihm Kraft und Energie zu tanken für die Szenen, die danach kamen: Der Besuch bei den Jüngern, das plötzliche Erscheinen im Raum, das kraftvolle Auftreten und Segnen der Jünger – auch das selbstbewusste Auftreten Thomas gegenüber. Da ist er wieder ganz der Alte.

So stelle ich mir vor, dass Maria Jesus auf eine Weise gesehen hat und ihm begegnet ist, wie kein anderer Mensch jemals später. Jesus hat sich nicht gescheut, ihr gegenüber auch ohne Glanz und Gloria aufzutreten. Es muss wohl doch eine besondere Beziehung gewesen sein.

Elia, der Eiferer

Predigt zum Sonntag Okuli 2022, Nikolaikirche Eisenach — 1. Kön 19,1-13a

Liebe Gemeinde!

Religion und Toleranz — geht das zusammen? Oder ist das ein schwieriges Paar? Wenn ich meinen Glauben und meinen Gott habe, kann ich dann einem anderen auch seinen Glauben und seinen Gott lassen? Darf ich Mittel anwenden, vielleicht sogar Gewalt, um eine andere Religion zu bekämpfen? „In der Religion gibt es keinen Zwang“, so lautet ein islamischer Grundsatz aus dem Koran. Und Luther meinte, dass allein das Wort benutzt werden dürfte, um andere Menschen zum christlichen Glauben zu bringen. Und trotzdem haben beide Religionen eine lange Gewaltgeschichte. Aber nicht nur die, sondern sogar die ewig friedlichen Buddhisten in Myanmar verfolgen Muslime gewaltsam, und sogar Mönche beteiligen sich an Prügeleien.

Alle großen Religionen haben eine Gewaltgeschichte — und vielleicht gerade deshalb verurteilen sie alle die Gewalt. Ist unser Gott nicht ein friedliebender Gott? Sind nicht die Friedensstifter selig? Die Geschichte des Volkes Israel, wie sie in der Bibel steht, ist voller Gewalt. Daraus können wir lernen.

Elia, der Eiferer

Im ersten Buch der Könige lesen wir von einem religiösen Konflikt um den wahren Glauben, der sich hochschaukelt, in eine Gewaltspirale hinein. Im Nordreich Israel wird Ahab König, und seine Frau Isebel bringt aus ihrer Heimat den Kult des Gottes Baal nach Israel — oder vielleicht hat es ihn schon vorher dort gegeben. In Israel fängt der Prophet Elia an zu wirken und er kämpft gegen den fremden Gott. Jahwe, der HERR, der Gott Israels allein, soll im Land angebetet werden. Ahab und Isebel meinen, dass beide Götter ja gut nebeneinander existieren können — Elia ist ein Eiferer, so beschreibt er sich selbst, er eifert für Gott. So kommt es zur Gewalt. Isebel lässt die Propheten des HERRN verfolgen und töten, Elia reagiert mit einem großen Schauspiel vor allem Volk: Er lässt die Menschen sich versammeln und führt eine Art Gottesbeweis durch. Er stellt einen Brandaltar auf dem Berg Karmel auf, die Priester des Baal tun dasselbe — und dann soll der wahre Gott sein Brandopfer selbst anzünden. Am Baalsaltar tut sich nichts — der Altar für den HERRN wird nach einem Gebet Elias durch einen Blitz vom Himmel in Brand gesetzt. Aber der Beweis genügt nicht. Die Priester des Baal werden von der Menge ergriffen, und Elia bringt sie alle um, Hunderte, mit dem Schwert. Er eifert, und er greift zur Gewalt, um Gott durchzusetzen.

Heute, am Sonntag Okuli, geht es um Nachfolge. Wie folgen wir Gott nach, wie folgen wir Jesus nach? Wie wandeln wir in seinen Spuren? Elia ist ein Nachfolger Gottes, Gottes treu ergebener Diener in schwerer Zeit — aber ist er ein Vorbild der Nachfolge? Soll die Nachfolge in Eifer und Radikalität erfolgen? Und wenn ja, in welcher Form?

Elia macht eine Erfahrung, nachdem all das geschehen ist, was ich erzählt habe. Sie steht im 1. Königebuch im 19. Kapitel. König Ahab kommt nach Hause, er hat mit angesehen, wie Elia die Baalspriester umgebracht hat:

Und Ahab erzählte [seiner Frau] Isebel alles, was Elia getan und wie er alle Propheten mit dem Schwert getötet hatte. Da sandte Isebel einen Boten an Elia und ließ ihm sagen: „Bist du Elia, so bin ich Isebel! Die Götter sollen mir dies und das antun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir [dasselbe] antue, wie [das, was] du ihnen getan hast!“

Da fürchtete er sich, machte sich auf und ging fort, sein Leben zu retten. Als er nach Beerscheba in Juda kam, ließ er seinen Diener dort; er selbst aber ging in die Wüste, eine Tagereise weit, und als er hingekommen, setzte er sich unter einen Ginsterstrauch. Da wünschte er sich den Tod und sprach: „Es ist genug! So nimm nun, HERR, mein Leben hin, denn ich bin nicht besser als meine Väter.“ Dann legte er sich unter dem Ginsterstrauche schlafen.

Auf einmal aber berührte ihn ein Bote und sprach zu ihm: „Steh auf und iss!“ Als er sich umschaute, siehe, da fand sich zu seinen Häupten ein geröstetes Brot nebst einem Krug mit Wasser. Da aß er und trank und legte sich wieder schlafen.

Und der Bote des HERRN kam zum zweiten Mal, berührte ihn und sprach: „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg für dich zu weit.“ Da stand er auf, aß und trank und wanderte dann kraft dieser Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis an den Gottesberg Horeb.

Erschöpft

Ohne groß psychologisieren zu wollen — Elia kommt mir fast manisch-depressiv vor. Ein großer Triumph, Gottes Macht bewiesen, die Feinde getötet — da schickt ihm seine Feindin Isebel einen Boten und bedroht ihn — und er knickt sofort ein. Vor Angst läuft er in die Wüste, anscheinend ziellos, und als er nicht mehr kann, setzt er sich hin und will sterben. „Es ist genug! So nimm nun, HERR, mein Leben hin.“

Ein Bote Gottes weckt ihn aus dem Schlaf. Er sagt: „Steh auf und iss!“ Mit einem Mal findet er neben sich Brot und Wasser. Er stärkt sich, dann schläft er wieder. Gott will nicht, dass Elia stirbt. Er soll weiterleben. Er hat noch viel zu tun, aber erst muss etwas geklärt werden. Wieder weckt ihn der Bote Gottes auf. „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg für dich zu weit.“ Welcher Weg? So möchte man fragen. Wohin soll es denn gehen? Es muss erst etwas geklärt werden, und anscheinend wissen beide, Elia und Gott, was das ist. Es geht fast automatisch weiter: Elia isst und trinkt, und dann läuft er weiter. Die Ziellosigkeit hat mit einem Mal ein Ende. Er geht vierzig Tage lang durch die Wüste und erreicht den Berg Horeb.

Am Horeb

Der Sinai/Horeb (Bild: StockSnap auf Pixabay)

Am Berg Horeb, so weiß Elia, ist einmal etwas ganz Großes geschehen. Mose und das Volk Israel waren am Berg auf ihrem langen Zug durch die Wüste. Das Volk Israel war wieder einmal widerspenstig gewesen gegen Gott — und Mose hatte für das Volk gebetet. Er hatte Gott daran erinnert, dass Gott dieses Volk ausgewählt hatte, und da sollte er es doch schonen und nicht immerzu bestrafen. Da hat Mose ein einzigartiges Erlebnis gehabt: Er durfte Gott sehen. Er hat sich in eine Höhle gestellt und Gott ist an der Höhle vorbeigegangen — und Mose konnte ihn im Weggehen sehen. Kein Wort ist da beschrieben, wie Gott ausgesehen hat — Gott ist unbeschreiblich.

Elia kommt nun an diesen selben Berg. Es kommt mir so vor, als ob er Gott herausfordern will. Er sucht das direkte Wort. Und da sucht er diesen Platz auf, die Höhle, in der einst Mose gestanden hatte:

Dort [am Berg Horeb] ging er in eine Höhle hinein und blieb darin übernacht. Und siehe, da erging an ihn das Wort des HERRN: „Was tust du hier, Elia?“

Er antwortete: „Geeifert habe ich für den HERRN, den Gott der Heerscharen! Denn Israel hat dich verlassen; deine Altäre haben sie niedergerissen und deine Propheten mit dem Schwert getötet. Ich allein bin übriggeblieben, und sie trachten darnach, mir das Leben zu nehmen.“

Eifer und Blindheit

Das Treffen mit Gott kommt zustande. Gott ruft Elia, er fragt, was er hier tue. Die Antwort Elias ist lang. Er berichtet, dass das Volk seinen Gott verlassen habe. Die Altäre seien niedergerissen, die Propheten ermordet, er sei der einzig übrige Treue. Das ist die Antwort eines Menschen, der sich vollkommen verrannt hat. Es kann nicht die Rede davon sein, dass ganz Israel Gott verlassen habe, von niedergerissenen Altären lesen wir nichts — und mit dem Schwert getötet hat Elia ebenso eifrig. Er sieht die ganze Welt, alle Menschen nur noch als Feinde an, und sogar wenn er mit Gott spricht, klingt das wie ein einziger Vorwurf. Sein gewaltsamer religiöser Eifer hat ihn in die Blindheit geführt. Er kann die Realität nicht mehr sehen — als ob er in seiner eigenen Welt lebt. Und wenn man es modern und hart ausdrücken will: Es ist die Welt eines religiösen Terroristen.

Mose hatte einst an derselben Stelle für sein Volk gebetet — Elia klagt es an.

Wie antwortet Gott? Wie reagiert er auf diese Art von Glauben an ihn? Bisher hat er das Spiel mitgespielt. Er hat auf dem Karmel den Gottesbeweis erlaubt, er hat Elia vor der Königin Isebel gerettet. Was kommt nun? Er schenkt ihm die Gnade, die er einmal Mose gegeben hat: Elia soll Gott sehen dürfen. Ich lese weiter, das letzte Stück:

Er aber sprach: „Geh hinaus und tritt auf den Berg vor dem HERRN! Gib acht, der HERR wird vorübergehen!“

Und ein großer, gewaltiger Sturm, der Berge zerriss und Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; aber der HERR war nicht im Sturm. Nach dem Sturm ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Nach dem Erdbeben ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer.

Nach dem Feuer das Flüstern eines leisen Wehens.

Als Elia dieses hörte, verhüllte er sein Angesicht mit dem Mantel, ging hinaus und trat an den Eingang der Höhle.

Elia hatte bisher eine bestimmte Vorstellung von Gott. Gott ist der Gewaltige, der Starke. Gott zeigt sich in gewaltigen Katastrophen. Im Sturm, im Erdbeben, im Feuer. All das donnert an der Höhle vorbei. Aber Gott ist nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer. Die Gottesvorstellung der Gewalt und der Zerstörung, die Elia bisher vertreten hat: Gott zeigt sich bewusst nicht so. Wach auf, Elia, berausch dich nicht an der Zerstörung. Gott ist nicht der Zerstörer, der Gewalttätige.

Als Sturm, Erdbeben, Feuer vorbei sind, hört Elia „das Flüstern eines leisen Wehens“ — und da weiß er, dass Gott jetzt gekommen ist. Ohne Eifer, ohne Gewalt, ohne Zerstörung. Wer Gott wahrnehmen will, der darf sich nicht blind und taub vor Eifer machen, der muss sehen und hören können auf die kleinen und leisen Töne. Das scheint Elia nun zu begreifen. Er begreift, dass nun Gott gekommen ist, im „Flüstern eines leisen Wehens“. Er tritt aus der Höhle und begegnet Gott.

Es mag sein, dass es immer wieder Unfrieden und Gewalt gibt um den Gott der Bibel — auch die Bibel ist voll davon. Gott selbst zeigt sich aber als der Leise und der Gewaltlose. Als das Kind in der Krippe. Als der, der am Kreuz stirbt. Das ist die Radikalität Gottes: Nicht der kompromisslose Eifer um den rechten Glauben, sondern die kompromisslose Liebe zu den Menschen.

Amen.

Titelbild: kieutruongphoto auf Pixabay. Vielen Dank für das freie Bild!

Identitti

Mal wieder eine Buchvorstellung

„Geschlecht“ ist ein schillerndes deutsches Wort. Denken wir heute und angesichts der laufenden Diskussionen gewöhnlich an „gender“/Genus/männlich/weiblich, kann Geschlecht doch auch auf die Menschen eines Zeitalters, das ganze „Menschengeschlecht“ oder eben auch auf die Ahnenreihe („das Geschlecht der Merowinger“) und die ethnische Herkunft verweisen – blicken wir nur auf die biblischen „Geschlechtertafeln“, in denen die ganze Völkerwelt als eine große Familie organisiert erscheint.

Geschlecht im Sinne von männlich/weiblich scheint fluide geworden, aber wie ist es mit dem Geschlecht im Sinne der ethnischen Herkunft? Kann ich eine ethnische Herkunft annehmen, mir eine Herkunft aneignen, oder muss sie mir von Geburt gegeben sein?

Das Cover macht was her. Ich habe natürlich mal wieder „nur“ das ebook gekauft. Quelle: Hanser.

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal hat einen ersten Roman geschrieben. Der Titel Identitti gibt das Thema an – es geht um Identität. Es ist ein furioses Debüt, soviel sei gesagt, und es setzt bei den LeserInnen einiges voraus. Die Geschichte ist erzählt aus der Perspektive der Studentin Nivedita, die einen Blog unter dem Titel Identitti schreibt. Seit ihrer Kindheit setzt sie sich mit mit der Frage auseinander, wer sie eigentlich ist – ein Kind einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters, aufgewachsen in NRW. Darf sie sich Inderin nennen, oder ist sie eine „Kokosnuss“, wie ihre Cousine spöttisch befindet, außen braun, aber innen weiß?

Eine Offenbarung wird für sie das Studium bei der indischen Professorin Saraswati im Fach Postcolonial Studies. Saraswati ist das Idol der multikulturellen und der People-of-Colour-Gemeinde und wird Ikone und Rollenmodell für Nivedita. Sie bietet Vorlesungen „nur für Nicht-Weiße“ an und mischt die Identitätsdiskurse und die postkoloniale Theorie auf. Bis zu jenem denkwürdigen Tag, an dem enthüllt wird, dass sie keine Inderin ist, sondern eine waschechte weiße Deutsche ohne jeglichen Migrationshintergrund. Ein Kesseltreiben beginnt in den sozialen Medien, in der Presse und an der Universität. Die StudentInnen fühlen sich betrogen von der Weißen, die sich als Person of Colour ausgegeben hat. Hat die Professorin über ihre Identität gelogen, um sich Vorteile zu verschaffen? Ist es ein Vorteil in einer weißen Gesellschaft, „of Colour“ zu sein? Kann man die ethnische Identität wechseln, so wie es beim Geschlecht schon als möglich vorausgesetzt wird? Oder ist es nicht vielmehr rassistisch, von der Professorin Saraswati zu verlangen, eine rassische Inderin zu sein? Hat sie nicht vielmehr größte Courage bewiesen, als transracial von der privilegierten weißen Identität zu einer Identität als Person of Colour zu wechseln?

Trotz dieser so weit gespannten Debatte ist die Geschichte ein Kammerspiel. Eine Handvoll Figuren agiert und bleibt dabei die meiste Zeit räumlich auf Saraswatis Wohnung beschränkt. In teichoskopischer Manier des klassischen Theaters können sie das, was draußen passiert, in den sozialen Medien lesen. Das Aufkochen und Überkochen des Skandals wird lebendig durch immer längere Twittertiraden, die in den Text eingeflochten sind. Derweilen findet in Saraswatis Haus die Identitätssuche der Heldinnen (und eines männlichen Helden) statt. Und das ganze ist unheimlich witzig geschrieben! Jede, jeder und jedes wird auf die Schippe genommen.

Fasziniert hat mich an dem Buch, dass es die Grenze zwischen Satire und ernster Behandlung des Themas so leicht in beide Richtungen überschreiten kann. Die ganze Klaviatur der postkolonialen Identitätsdebatte über Rassismus, Hautfarben, White Supremacy usw. wird durchgespielt, bis in die absurdesten Verästelungen hinein, sodass man streckenweise denkt, hier werde all das nur ad absurdum geführt zum Amüsement der LeserInnen. Das sind die Strecken, die auch bei eben diesen LeserInnen einiges an Vorwissen und Fachbegriffen voraussetzen. Durch den Ringeltanz der Twittergewitter und der Worthülsen der Identitätspolitik scheint aber immer wieder auf, dass es sehr wohl eine tiefere Substanz und tiefere Fragen gibt. Berührend sind die Stellen, an denen Nivedita versucht, ihrer verehrten Lehrerin die Antwort auf die Frage abzupressen, warum sie sich in eine Inderin verwandelt hat – sie selbst, Nivedita, hat doch selbst die meiste Zeit ihres Lebens versucht, indischer zu sein, als sie in Wirklichkeit ist. Satire, Phantasie, Tiefgang, postkoloniale Reflexion gehen Hand in Hand, machen das Buch witzig und nachdenklich zugleich. In der auftretenden Gestalt der Göttin Kali gibt es sogar Übergänge in den magischen Realismus hinein – wofür ich eine Vorliebe habe.

Mithu Sanyal hat in ihrem Roman viele Elemente ihres eigenen Lebens und bisherigen Schaffens verarbeitet. Sie ist wie ihr Alter Ego Nivedita, wenn Wikipedia zuverlässig ist, ebenfalls polnisch-indischer Abstammung, sie hat einen Shitstorm mitmachen müssen voller Hetze und übler Nachrede. Als Kulturwissenschaftlerin hat sie an kulturellen Fragen und an Sexualgeschichte gearbeitet. Sie muss sich selbst mit der Frage herumschlagen, ob sie sich als PoC verstehen will und kennt Rassismus aus eigener Erfahrung. Die reale Debatte um die Weiße Dozentin Rachel Dolezal, die sich in den USA als Schwarze ausgegeben hat und enttarnt wurde, ist Inspiration für Saraswati und wird im Roman auch zitiert. Das alles kann Sanyal kreativ zusammenrühren und uns als furiose und spannende, witzige und tiefsinnige Geschichte auftischen.

In den Roman hinein dringt auch der rassistische Massenmord von Hanau, der während der Abfassungszeit stattgefunden hat. Die Figuren lesen und hören davon und reagieren darauf, sodass der Roman dadurch eine neue Wendung nimmt. An dieser Stelle bin ich mir nicht sicher in der Bewertung. Die Geschichte beginnt in der Mitte des Romans auf der Stelle zu treten. Das Maximum der Eskalation ist erreicht, die Argumente wiederholen sich. Man fragt sich: Was soll jetzt noch passieren? Alles schon geredet, aber noch so viel Roman übrig? Dann passiert Hanau, und die Wende in der Erzählung kann einsetzen und zum Schluss führen. Hätte Mithu Sanyal das retardierende Moment ihrer Konstruktion auch ohne Hanau überwinden können? Das ist schwer zu sagen und bleibt als Schwäche bestehen.

Am Ende bleibt die Professorin Saraswati viele Antworten schuldig. Warum hat sie sich in eine Inderin verwandelt? Wie konnte sie Inderin werden und sogar noch den Anspruch stellen, dabei völlig authentisch zu sein? Sie flüchtet sich immer wieder in die ihr eigene Überlegenheitspose und gibt nur wenige Einblicke in die Motivationen ihres Transfers. Ob diese Einblicke ihre innere Wahrheit zeigen, bleibt offen. Am Ende fällt sie wieder auf die Füße und führt ihre Karriere weiter, nachdem sie durch das Sturmgewitter gegangen ist. Das ist im Rahmen der Erzählung glaubhaft. Aber hinter die Fassade Saraswatis zu blicken, ist uns nicht erlaubt.

Mata Hari, eine andere rätselhafte Transinderin. Quelle: Wikipedia, gemeinfrei.

Ich, als weißer Mann, frage mich: Ob eine Geschichte derer, die ihre ethnische Identität verändert haben, schon geschrieben ist? Mir fallen da vor allem KünstlerInnen ein wie Mata Hari oder Os-ko-mon[(2)], die ihre Rollen so authentisch lebten, dass die Grenzen zwischen Betrug und Identität verschwammen. Genau wie bei Saraswati können wir nicht durch den Schleier dringen. Ist es Spiel? Ist es die Entdeckung einer tieferen, „inneren“ Identität?

Fazit: Der Roman Identitti hat großen Spaß gemacht, zum Lachen gebracht, zum Nachdenken angeregt und einiges Hirnschmalz beansprucht. Viele Fragen werden aufgeworfen und bleiben noch eine Weile im Raum stehen. Man bekommt das Gefühl, dass auch ethnische Identität ein Fass ohne Boden ist, genauso unbestimmt wie so manches andere, das wir als gesichert glaubten.

[(1)] Ich frage mich seit einiger Zeit, ob das Wort „Geschlecht“ nicht deshalb eine inhaltliche Verwandtschaft zum Begriff race aufweist. Der Ausdruck human race ist zumindest mit „das Menschengeschlecht“ gut zu übersetzen.

[(2)] Os-ko-mon, bürgerlich Charles Oskoman, schlüpfte so glaubwürdig in die Rolle eines Yakima-Häuptlings, dass er bei den Karl-May-Festspielen der 30er Jahre zur großen Attraktion wurde. Seinen wahren Ursprung als Mitglied einer Schauspielertruppe hat Albrecht Götz von Olenhusen im Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 2019 jüngst enthüllt.

Brahms‘ Ernste Gesänge

Am Buß- und Bettag 2021 haben wir in der Nikolaikirche eine besondere Andacht gefeiert. Mein Bruder Thorsten Pöhlmann und ich haben gemeinsam die Ernsten Gesänge von Johannes Brahms interpretiert. Mein Bruder ist Opernsänger und hat die Stücke gesungen, ich habe zu den gesungenen Bibeltexten jeweils eine kurze Auslegung gebracht.

Die ganze Aufnahme der Vor- und Nachspiele und der Gesänge in Eisenach hat mein Bruder hier auf Youtube eingestellt. Unten habe ich alles so arrangiert, dass man mit Klick auf den Youtube-Link gleich den entsprechenden Gesang hören kann. Dafür habe ich eine frühere Studio-Aufnahme meines Bruders verlinkt, die akustisch und aufnahmetechnisch besser ist.

1. Gesang – Prediger Salomos 3,19-22

Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh,
wie dies stirbt, so stirbt er auch;
und haben alle einerlei Odem;
und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh:
denn es ist alles eitel, denn es ist alles eitel.
Es fährt alles an einen Ort;
es ist alles von Staub gemacht,
und wird wieder zu Staub.
Wer weiß, ob der Geist des Menschen aufwärts fahre,
und der Odem des Viehes unterwärts unter die Erde?
Darum sahe ich, daß nichts bessers ist,
denn daß der Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit;
denn das ist sein Teil.
Denn wer will ihn dahin bringen, daß er sehe,
was nach ihm geschehen wird?

Der Buß- und Bettag ruft die Gläubigen dazu auf, Buße zu tun und um die Vergebung ihrer Sünden zu beten. Das Reden von Sünde und Buße ist vielen Menschen fremd geworden. Viele fragen sich, was sie alles so Böses getan haben sollen in ihrem Leben, dass sie verdient hätten, von Gott gestraft zu werden.

Aber das, was die deutschen Bibeln als Sünde übersetzen, ist keine Auflistung von bösen Taten, sondern eine tiefe Verlorenheit des Menschen. Das Buch des Predigers im Alten Testament geht dieser Verlorenheit nach. Man hat gemeint, dass der König Salomo dieses Buch geschrieben habe. Ich will ihn heute Salomo nennen, den, der da schreibt und nachdenkt, auch wenn es der historische König wohl eher nicht gewesen ist.

Salomo sieht sich um in der Welt und entdeckt nichts als Sinnlosigkeit. „Es geht dem Menschen wie dem Vieh.“ So sagt er. Damit meint er aber nicht, dass auch der Mensch ein Tier unter den Mitgeschöpfen ist im Zusammenhang der herrlichen Schöpfung Gottes, sondern dass das Leben des Menschen genauso sinnlos ist wie das der Tiere. Die Zukunft ist nur Tod.

Die Übersetzung, die wir gehört haben, trifft noch eine gnädige Unterscheidung: Der Mensch hat einen Geist, das Tier nur einen Lebensatem. Aber im Urtext steht dasselbe Wort. Menschen und Tiere haben Lebensatem – wohin er geht, wenn das Lebewesen stirbt, weiß niemand. So ernüchternd schreibt Salomo. Er weiß nichts von einem Himmel, in dem die Toten leben. Er hat noch keine Seele aufsteigen sehen, sagt er. Ein moderner Gedanke oder ein jahrtausendealter Zweifel?

Nun, so kann man vielleicht einwenden, es muss doch einen Unterschied geben zwischen Mensch und Tier. Das Tier ist vom Instinkt getrieben, der Mensch ist aber fähig zum Guten! Er kann in seinem Leben etwas Sinnvolles tun. Aber Salomo sieht sich wieder um in der Welt und sucht nach diesem Guten. Wo ist es?

2. Gesang – Prediger Salomos 4,1-3

Ich wandte mich und sahe an alle, die Unrecht leiden unter der Sonne;
und siehe, siehe, da waren Tränen derer, die Unrecht litten und hatten keinen Tröster,
und die ihnen Unrecht täten waren zu mächtig, daß sie keinen Tröster haben konnten.
Da lobte ich die Toten, die schon gestorben waren
mehr als die Lebendigen, die noch das Leben hatten;
und der noch nicht ist, ist besser als alle beide,
und des Bösen nicht inne wird, das unter der Sonne geschieht.

Das Buch Salomos ist durchzogen von Resignation. Im Leben gibt es keine Gerechtigkeit, so sagt er. So viele Menschen leiden Unrecht, und niemand hilft ihnen. Niemand tröstet sie. Ich denke dabei zuerst an das wirkliche Unrecht, das von Menschen verursacht wird. Die Millionen von Flüchtlingen, die unsere Welt heimatlos durchziehen, die am Ende noch von Staatslenkern als strategische Masse hin und her geschoben werden. Die Unschuldigen, die in Kriegen sterben – Frauen, Männer, Kinder, Alte, Junge. Ich denke auch an die Menschen, die im letzten Jahr in Kliniken und Heimen gestorben sind, und die eingesperrt waren aufgrund der Verordnungen, und zu denen selbst die Angehörigen und Seelsorger nicht zugelassen wurden. Unrecht wird nicht immer nur von Bösen angerichtet, sondern auch von Überforderten, Ängstlichen und denen, die alles richtig machen wollen.

Salomo schaut auf dieses Leid, und er kommt zu einem erschreckenden Schluss: Am besten wäre man schon tot. Und noch besser wäre es, wenn man gar nicht geboren wäre: „Da lobte ich die Toten, die schon gestorben waren mehr als die Lebendigen, die noch das Leben hatten; und der noch nicht ist, ist besser als alle beide.“ – Erschreckend habe ich diese Logik genannt – aber vielleicht ist es schon fast wieder buddhistische Weisheit: Alles Leben ist Leiden, und es wäre besser, wenn nichts wäre.

Der Prediger Salomo steigt mit uns tief hinein in das Gefühl der Sinnlosigkeit. In den Bibelstellen, die Johannes Brahms für seine Ernsten Gesänge ausgewählt hat, übernimmt nun eine andere Stimme. Der weise Jesus Sirach aus den Schriften zwischen Altem und Neuem Testament ist es, der nun spricht:

3. Gesang – Jesus Sirach 41,1-2

O Tod, wie bitter bist du,
wenn an dich gedenket ein Mensch der gute Tage und genug hat und ohne Sorge lebet,
und dem es wohl geht in allen Dingen und noch wohl essen mag!
O Tod, wie wohl tust du dem Dürftigen, der da schwach und alt ist,
der in allen Sorge steckt, und nichts Bessers zu hoffen noch zu erwarten hat

Widerspricht er dem Salomo, oder ergänzt er? Der Tod ist gut, wenn der Mensch alt oder sterbenskrank ist, so schreibt Sirach. Aber wenn er den jungen Menschen trifft, plötzlich und mitten im Leben, dann ist er bitter.

Auch in diesem Jahr lesen wir am Sonntag die Verstorbenen vor. Die Jüngste ist ein Kind, das noch kein Jahr alt war, die Älteste war 99 Jahre. Schwer kranke Unheilbare waren darunter und andere, die plötzlich aus dem Leben gerissen wurden und eigentlich gesund gewesen sind.

Widerspricht der weise Sirach dem Salomo? Ich spüre einen Protest in seinen Worten, da wo Salomo resigniert hat. Nicht jeder Tod ist gut, und das Leben kann auch schön sein. Protestieren gegen den Tod ist der Kern des christlichen Glaubens, so hat der kluge Christoph Blumhardt formuliert: „Wir sind Protestleute gegen den Tod.“

Die Bibel ist kein Werk einer einzelnen Person. Wenn jemand behauptet: „Die Bibel sagt“, dann wundere ich mich immer, wer denn das gesagt hat. Die Bibel ist eine große Diskussion verschiedener Stimmen. Und so kommt im letzten Gesang wieder eine neue Stimme hinzu, nämlich der Apostel Paulus.

4. Gesang – 1 Korinther 13,1-3.12-13

Wenn ich mit Menschen und mit Engelszungen redete, und hätte der Liebe nicht,
so wär ich ein tönend Erz, oder eine klingende Schelle.
Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis,
und hätte allen Glauben, also, daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht,
so wäre ich nichts.
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen;
und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Worte,
dann aber von Angesicht zu Angesichte.
Jetzt erkenne ich’s stückweise,
dann aber werd ich’s erkennen, gleich wie ich erkennet bin.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei,
aber die Liebe ist die größeste unter ihnen.

In diesem letzten Gesang kommt Paulus zu Wort, und er scheint auf die weise Trostlosigkeit von Salomo und Sirach zu schauen. Sie sind überwältigt von dem, was sie im Leben als sinnlos erfahren. Paulus aber lenkt ihre Blicke auf die Liebe, den Glauben und die Hoffnung. Salomo hatte gerätselt: „Wer weiß, ob der Geist des Menschen aufwärts fahre, und der Odem des Viehes unterwärts unter die Erde?“ Paulus antwortet ihm: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Worte, dann aber von Angesicht zu Angesichte. Jetzt erkenne ich’s stückweise, dann aber werd ich’s erkennen, gleich wie ich erkennet bin.“ Das heißt: Jetzt, lieber Salomo, kannst du es noch nicht erkennen. Nur dunkle und geheimnisvolle Worte und Zeichen sehen wir in unserem irdischen Leben. Aber dann, im Tod, können wir doch hoffen, dass wir Gott sehen und dass er uns sieht. Und diese Hoffnung soll uns niemand nehmen!

Paulus ist getragen von der Hoffnung auf die Auferstehung, denn die Jüngerinnen und Jünger Jesu haben gesehen, wie Jesus auferstanden ist. Sie haben die Hoffnungslosigkeit erlebt und durchgemacht, nachdem er gekreuzigt war – und dann wurden sie an Ostern herausgerissen aus dieser Trauer.

Alle Geheimnisse des menschlichen Lebens zu wissen, alle Erkenntnis und Weisheit zu haben, es nützt nichts, wenn ich nicht auch die Liebe erkenne. Ein Leben in Liebe zu leben, macht es sinnvoll, auch wenn der Tod am Ende kommt. Ein Leben zu leben in dem Wissen, dass Gott mich liebt, das überwindet auch den Tod.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größeste unter ihnen.

Armin H. Pöhlmann.

Sayed Ahmad Khan: Die Weisen aus dem Morgenland

Am 4. Dezember fand der letzte Gottesdienst unserer Reihe „Die Bibel der Anderen“ statt. Diesmal stand der indische Muslim Sayed Ahmad Khan mit seiner Auslegung der Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland im Mittelpunkt – passend zur Adventszeit. Ibrahim Bajo, der schon den Gottesdienst über Navid Kermani musikalisch begleitet hatte, war mit seinem Kanun wieder da, und Christoph Seestern-Pauly an Orgel und Klavier.

Sayed Ahmad Khan (auf einem Gemälde in der Alighar Muslim University)

Sayed Ahmad Khan (1817-1898) war ein indischer Muslim, der bis heute in Indien und Pakistan für seine Schriften zu Politik, Gesellschaft und Religion bekannt ist. Er ist Mitbegründer der Alighar Muslim University, und Universitäten und Hochschulgebäude tragen seinen Namen. Er stammte aus einer angesehenen Familie in Delhi.

In seine Zeit fiel der Untergang des Moghulreiches. Der letzte Moghul wurde nach dem großen Aufstand gegen die Briten 1857 abgesetzt und die früheren einflussreichen Schichten, zu denen auch Khans Familie gehörte, verloren ihre Macht. Khan gehörte zu denjenigen, die sich über ein neues Zusammenleben unter britischer Kolonialherrschaft Gedanken machten. Eine Reform des Islam gehörte für ihn dazu.

Der Koran, die heilige Schrift der Muslime, nennt zwei andere Heilige Schriften, nämlich die „Tora“ (die fünf Bücher Mose) und das „Evangelium“. Damit sind Kernteile der Bibel im Koran anerkannt. Muslime verwenden traditionell die Bibel als zusätzliche Quelle bei ihren Korankommentierungen, aber mit Vorsicht: Die meisten muslimischen Gelehrten nehmen an, dass die Bibel nicht mehr im Original vorliege, sondern verändert oder verfälscht sei. Sayed Ahmad Khan gehörte jedoch zu denjenigen Muslimen, die die Bibel nach wie vor eine zuverlässige Quelle des göttlichen Wortes betrachten.

In den 50er Jahren begann er mit einem Projekt, das bis dahin noch niemand in der islamischen Welt versucht hatte: Er wollte einen Bibelkommentar schreiben und dabei die Bibel aus muslimischer Sicht betrachten. Er konnte leider nur Teile des 1. Buches Mose und des Matthäusevangeliums fertigstellen. Der Matthäuskommentar ist ursprünglich auf Urdu geschrieben und erst vor kurzem ins Englische übersetzt worden. Er ist ganz ähnlich wie ein christlicher Kommentar aufgebaut: Zuerst steht ein Stück Bibeltext, dann folgt der Kommentar dazu, dann das nächste Stück Bibeltext. Aus diesem Mathäuskommentar hören wir im Gottesdienst einen Auszug.

Khan schöpft aus der traditionellen islamischen Überlieferung und Koranauslegung und gleichzeitig aus christlichen Kommentaren. In seinem Kommentar zur Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland kann man sehen, wie er immer wieder verschiedene Möglichkeiten abwägt und daran arbeitet, den besten Sinn aus dem Text herauszuarbeiten. Für christliche LeserInnen mag es faszinierend sein, wie er jüdische, christliche und islamische Heilsgeschichte ineinander webt: So wird Salomo ohne Zögern zum ersten Erbauer der al-Aqsa-Moschee in Jerusalem, und nebenher erklärt Khan, dass die Christen natürlich Zugang zum ewigen Heil haben, weil sie an einen von Gott gesandten Propheten, nämlich Jesus, glauben.

In Sayed Ahmad Khans Kommentar und auch in seinem sonstigen Denken gehören die drei abrahamischen Religionen zusammen und sind untrennbar miteinander verbunden.

Zu der Geschichte der Weisen aus dem Morgenland gehören seit Kirchenvater Origenes (185-253) Spekulationen, was das für ein Stern gewesen sein könnte. Die älteste Theorie ist die von einem Kometen (deshalb hat der Weihnachtsstern auf Bildern meist einen Schweif), dann folgten Theorien über Planetenkonjunktionen und Supernovae. Oft hat man auch versucht, genau zu berechnen, wann welche Himmelserscheinungen um das Jahr 1 herum erschienen sind, und was die Weisen aus dem Morgenland gesehen haben könnten. Sayed Ahmad Khan schlägt dagegen eine Erklärung vor, die Sufismus und christlicher Herzensfrömmigkeit gleichermaßen entsprechen könnte:

Dieses Licht war das Licht der Göttlichen Herrlichkeit. Nicht jeder Beliebige konnte dieses Licht sehen, sondern nur solche Personen, deren Herz von geistlichem Glanz erleuchtet die Fähigkeit gewonnen hatte, eine solch reine Erscheinung wahrzunehmen. Das ist nicht überraschend, denn Gott der Höchste kann nur von den Verdienstvollen gesehen werden.

Literatur: Troll/Ramsey/Mughal (Hrsg.), The Gospel According to Sayyid Ahmad Khan (1817-1898), 2020

Die Weisen aus dem Morgenland

Der Kommentar zum Matthäusevangelium lag bisher nur auf Urdu vor und wurde 2020 ins Englische übersetzt. Ich habe ihn für den Gottesdienst übertragen und bearbeitet.

1 Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: 2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihm zu huldigen.

[Wer sind diese Weisen aus dem Morgenland? Es waren] gelehrte Männer, vom lateinischen magi, woher auch das Wort Magier kommt. Magier hat heutzutage einen abfälligen Beigeschmack, weil man an Zauberer oder Geisterbeschwörer denken mag, aber diese Leute, die da gekommen waren, trugen keinen solch verächtlichen Titel. Sie gehörten vielmehr zu einer uralten Magierklasse. Sie waren Anführer und Vorbilder in ihrer Religion und beschäftigten sich mit Wissenschaft und Sternkunde. Wahrscheinlich waren sie Anhänger von Zarathustra und der Religion der Zoroastrier. Aber Gott, in seiner Gnade, hat ihre Herzen diesen besonderen Weg gelenkt, und deshalb erreichten sie Jerusalem auf der Suche nach dem Erhabenen Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn).

Manche Leute meinen fälschlicherweise, dass diese Weisen aus Arabien gekommen sein. Sie belegen das mit Prophezeiungen aus Psalm 72, Vers 10 –

[Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Gaben, mit Tribut nahen die Könige von Scheba und Saba.]

und Jesajah 60, Vers 6. –

[Eine Menge von Kamelen bedeckt dich, / Hengste aus Midian und Efa. / Aus Saba kommen sie alle, / Gold und Weihrauch bringen sie / und verkünden die Ruhmestaten des HERRN.]

Aber das stimmt nicht, denn dann hätte Matthäus selbst wohl auf diese Prophezeiungen verwiesen. In Wirklichkeit waren diese Leute Magoi, Altiraner, und sie waren aus dem Iran gekommen, der exakt im Osten Judäas liegt. Von ältester Zeit her waren Philosophie, Astronomie und Mathematik im Iran hoch geschätzt und die Menschen dort sehr bekannt für diese Wissenschaften. Deshalb kannte man gerade sie als Magoi.

Jerusalem ist der Name einer Stadt, in der der Erhabene David und der Erhabene Salomo eine Moschee gebaut haben, die wir Muslime al-Aqsa-Moschee nennen. Der Erhabene David (Allahs Segen und Frieden über ihn) eroberte die Stadt von den Jebusitern, die Ungläubige waren. Er machte sie zur Hauptstadt und brachte die Bundeslade dorthin. Diese Moschee ist hochgesegnet. Dorthin richtete sich die Gebetsrichtung aller Schriftbesitzer, und am Anfang war es auch die Gebetsrichtung der Muslime.

[Dass die Weisen davon sprechen, dass sie den Stern des Königs der Juden haben aufgehen sehen,] bedeutet nicht, dass sie den Stern bei sich im Osten gesehen hätten, sondern dass sie im Osten Judäas gelebt haben. Sie hatten den Stern von ihrem Land aus gesehen, also von ihnen aus gesehen im Westen. In Wirklichkeit war dieser Stern dasselbe Licht der Göttlichen Herrlichkeit, das der Höchste Gott erscheinen hatte lassen, um sie zu leiten. Als die Kinder Israels aus Ägypten auszogen, bewegte sich eine Wolkensäule am Tag und eine Feuersäule bei Nacht vor ihnen her und zeigte den Weg. Und so kann es nicht verwundern, dass dieses Licht dasselbe gewesen ist, das auch auf die Hirten geschienen hat in der Nacht der Geburt des Erhabenen Messias. Aus der Entfernung war es für sie wie ein kleiner Stern anzusehen.

Die Weisen waren große Kenner auf dem Feld der Mathematik und Astronomie. Deswegen wussten sie genau, dass dieses Licht, das wie ein Stern aussah, weder ein Stern am Himmel war, noch etwas, dessen Ursprung auf der Erde oder in der Atmosphäre lag, sondern dass es vielmehr ein wunderbares Licht war. Durch ihre Berechnungen hatten sie erkannt, dass dieses Licht über dem Land Juda und alle östlichen Lande scheine. Die Prophezeiungen der früheren Propheten waren wohlbekannt, nämlich dass aus Judäa ein König geboren würde, der über die Kinder Israels regieren solle. Deshalb erkannten diese Weisen, dass das göttliche Licht über Judäa die Geburt des Verheißenen anzeigte.

Wörtlich genommen müsste dieses Licht kontinuierlich zwei Jahre lang geschienen haben, denn als diese Weisen nach Jerusalem kamen, war es immer noch vorhanden. Manche haben eingewandt, dass dieser Stern auch in den Ländern Europas, Asiens und Afrikas sichtbar hätte sein müssen, und dass die dortigen Historiker und Mathematiker das in ihrer Geschichtsschreibung und astronomischen Tabellen hätten vermerken müssen, besonders die Iraner, unter denen die Astronomie weit verbreitet war. Dennoch gibt es kein Zeugnis dieser Begebenheit in irgend einem Lande.

Aber diese Idee, [dass man den Stern auf der ganzen Welt hätte sehen müssen,] ist absurd. Dieses Licht war das Licht der Göttlichen Herrlichkeit. Nicht jeder Beliebige konnte dieses Licht sehen, sondern nur solche Personen, deren Herz von geistlichem Glanz erleuchtet die Fähigkeit gewonnen hatte, eine solch reine Erscheinung wahrzunehmen. Das ist nicht überraschend, denn Gott der Höchste kann nur von den Verdienstvollen gesehen werden. [. . .]

3 Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, 4 und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. 5 Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): 6 „Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.“

Herodes konnte sich nicht vorstellen, dass die Geburt des Königs der Juden mit dem geistlichen Königreich des Erhabenen Messias zu tun haben könnte. Er verstand ihn als weltlichen Rivalen, und deshalb war er erschrocken vor Furcht.

Die Einwohner Jerusalems waren in Aufruhr, entweder wegen ihrer Freude ob dieser Nachricht, oder erschrocken, weil sie sich fragten: „Was wird wohl herauskommen bei dieser Geburt?“ Dann waren sie wahrscheinlich erschrocken, weil sie Herodes’ grausame und tyrannische Art kannten. Es dämmerte ihnen, dass der Tyrann alle Arten der Unterdrückung anwenden würde, wenn er sicher war, dass ein Rivale unter den Juden geboren sei.

[Dass Jesus König der Juden war und über Israel regieren solle,] soll sagen, dass er eine geistliche Herrschaft über die Kinder Israels ausüben würde. Wir Muslime haben aus dieser Prophezeiung geschlossen, dass der Erhabene Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn) gekommen ist, um ausschließlich den Kindern Israels Weisung zu bringen, und nicht den Menschen der ganzen Welt. Aber trotzdem lehrt unsere Religion, dass alle Nichtjuden, die dem Erhabenen Messias glaubten (Allahs Segen und Frieden über ihn), auch das ewige Heil empfangen würden. Denn in unserem muslimischen Glauben kann, auch wenn ein Prophet zu einem bestimmten Volk gesandt wurde, jedermann das ewige Heil empfangen, der ihm glaubt, egal ob er zu diesem speziellen Volk gehört, zu dem der Prophet gesandt wurde, oder zu einem anderen Volk. Wir Muslime glauben fest daran, dass alle Propheten, die seit dem Anbeginn der Welt bis zum Siegel der Propheten gekommen sind, einer Religion angehörten. Demgemäß hat Gott im glorreichen Koran gesagt in der Sure der Beratung: „Er hat euch an Religion verordnet, was er Noach anbefohlen hat, was wir dir offenbart und Abraham, Mose und Jesus anbefohlen haben: Haltet die Religion und spaltet euch nicht in ihr!“[(1)]

Auf dieser Grundlage, gemäß unserer muslimischen Religion, hat der Erhabene Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn), bei seiner Himmelfahrt die Apostel angewiesen: „Machet zu Jüngern alle Völker und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“[(2)]

7 Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, 8 und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und ihm huldige. 9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.

Aus Herodes’ Frage an die Weisen, wann der Stern erschienen sei, wird es deutlich, dass der Tyrann beschlossen hatte, die Neugeborenen zu töten. Er übersah dabei freilich, dass weder Herodes noch irgend jemand anders, sei er auch noch so grausam, diejenigen töten kann, die Gott retten will. Obwohl Betlehem von Jerusalem nicht weit entfernt liegt, versäumte es Herodes, einen seiner Handlanger mit den Weisen zu senden, um nach dem Erhabenen Messias zu suchen. Der Grund dafür scheint zu sein, dass er fürchtete, dass die Juden, wenn sie von seinen dunklen Plänen erführen, Schwierigkeiten machen oder den Jungen verstecken könnten. Dennoch war es ein Wunder durch den Erhabenen Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn), dass so ein mächtiger und starker Feind von solch extremer Dummheit umnachtet wurde.

Es ist natürlich klar, dass Herodes niemals die Absicht hatte, dem Erhabenen Messias zu huldigen. Er war ein Betrüger und belog die Juden. Er suchte Menschen zu betrügen, aber in Wirklichkeit versuchte er, Gott zu belügen. Aber Gott der Höchste kennt die Herzen aller Lügner.

10 Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut 11 und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und huldigten ihm und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Die Führung durch den Stern machte es den Weisen möglich, Jerusalem zu erreichen, den Thronsitz Judäas. Aber als sie das Haus des Jungen nicht fanden, ließ Gott in seiner Güte den Stern vor ihnen herziehen, um ihnen den Weg zum Erhabenen Messias zu zeigen. Er ließ das Licht so weit herabsteigen, dass es vor ihnen herzog, genauso wie die Feuersäule, die den Kindern Israels vorangegangen war, um sie den Weg zu leiten.

Einige Christen behaupten, dass der Erhabene Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn) ein Gott sein müsse, weil sich die Weisen vor ihm niederwarfen [und ihn damit angebetet hätten]. Aber dieses Argument ist weder in den Augen von uns Muslimen stechend, noch in den Augen der kritischen christlichen Wissenschaftler. Wenn der Begriff Niederwerfung genau genommen wird, dann bedeutet er eine respektvolle Niederwerfung, wie sie auch in der frühen Scharia nicht verboten ist. Falls das Wort bedeuten soll „zu den Füßen niederfallen“, wie es in östlichen Ländern vor großen Königen üblich ist, gibt es auch keinen Raum für Zweifel. [. . .] Man kann daraus nicht ableiten, dass die Weisen Jesu Göttlichkeit im Sinne hatten, wie manche früher meinten.

Es ist bekannt, dass nach den altehrwürdigen Bräuchen der östlichen Welt niemand eine wichtige Person besucht, ohne eine Gabe zu bringen. Deshalb haben die Weisen Geschenke für den Erhabenen Messias gebracht. Christliche Gelehrte haben in ihren Kommentaren geschrieben, dass die Weisen Gold und andere Geschenke brachten, und dass dies die Prophezeiungen erfülle, die vom Erhabenen David und vom Erhabenen Jesaja gemacht wurden (Allahs Segen und Frieden über sie). [. . .] Aber in Wirklichkeit haben diese Prophezeiungen keine Verbindung mit dem Erhabenen Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn). Wenn dem so wäre, hätte es Matthäus angezeigt. [. . .] Gibt es denn einem Mangel an Verheißungen durch den Heiligen Geist, die genau auf den Erhabenen Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn) hinweisen, sodass man noch weitere suchen müsste, die sich vielleicht auf ihn beziehen lassen?

12 Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Gott der Höchste war genau vertraut mit der Lüge und der Böswilligkeit in Herodes’ Herzen. Er teilte den Weisen durch Engel Herodes’ Betrug und seine bösen Pläne mit und wies sie an, nicht zu Herodes zurückzukehren oder ihm Botschaft vom Erhabenen Messias zu bringen. Deshalb gingen die Weisen nicht nach Jerusalem, sondern kehrten stattdessen auf einem anderen Wege in ihre Heimat zurück.

[(1)]Sure 42,13 (Übersetzung: Zirker); [(2)]Mt 28,18.

Audiodateien

Das Audio gibt den Vortrag wieder, von Klaus Schulz im Gottesdienst gelesen, und den Bibeltext, von mir selbst gelesen. Diesen Bibeltext musste ich nachträglich neu einsprechen und in den Vortrag hineinschneiden, weil die Live-Aufnahme des Gottesdienstes so nicht zu gebrauchen war.

Sayed Ahmad Khan: Die Weisen aus dem Morgenland, gelesen von Klaus Schulz und Armin Pöhlmann.

Nachlese und Nachgespräch

Baklava gemischt 🙂 (Foto: Konditorei Darwish)

Nach dem Gottesdienst versammelten wir uns noch im Seitenschiff. Es gab diesmal eine Süßigkeit: Baklava aus der Kölner Konditorei Darwish. Sie werden in Windeseile geliefert und schmecken köstlich. Der Hauptbestandteil sind Nüsse (Pistazien, Mandeln, Haselnuss u. ä.).

Im Gespräch blieben wir hängen an Sayed Ahmad Khans Erklärung darüber, wie die Weisen sich vor dem neugeborenen Jesuskind „niederwerfen“. Die Lutherübersetzung schreibt tatsächlich an all diesen Stellen „anbeten“: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Oder später: „Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete.“ Und: „Sie sagen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an.“ Es ist tief in unser christliches Weihnachtsliedgut eingedrungen, dass die Besucher das Jesuskind angebetet hätten, auch die Hirten: „O beugt wie die Hirten anbetend die Knie“ (EG 43). Khan verweist darauf, dass im Urtext nur proskyneo steht, also „sich (auf den Boden) niederwerfen“. Das kann Anbetung bedeuten, aber auch das Niederwerfen vor einem Herrscher. Die Lutherübersetzung und die christliche Tradition unterstellen, dass die Weisen und die Hirten das Jesuskind schon als inkarnierten und anzubetenden Gott in der Krippe erkannt hätten, was exegetisch völlig unsinnig ist.[(1)]

Dieser letzte Gottesdienst wurde auch als Anlass genommen, die vergangenen Revue passieren zu lassen. Wir haben uns den Bibeltexten wirklich intensiv gewidmet, auch aus sehr kritischer Perspektive – und das wird vielen im Gedächtnis bleiben.

Wird es eine Fortsetzung oder eine neue Reihe geben? Wir schauen einmal, was das nächste Jahr bringt. Das Jahr 2021 war mit Bibelverkostung, Aperitif-Gottesdiensen, Lebeworten so voll, dass jedes einzelne gar nicht so zur Geltung kam, wie man es gewünscht hätte.

[(1)] Wir können noch weiter gehen: Auch Herodes erklärt in der Lutherübersetzung ganz selbstverständlich, dass er das Kind anbeten wolle. Das unterstellt, dass es im Judentum damals bekannt war, dass der kommende Messias angebetet werden müsse, also Gott sei. Christliche Theologen haben noch im 19. Jahrhundert fleißig behauptet, dass die Gottheit des kommenden Messias zu alttestamentlichen Zeiten selbstverständlich gewesen sei, aber dass die Juden das nach der Erscheinung Jesu geleugnet hätten. Hier geht diese Annahme in den Text unserer Bibelübersetzungen ein. In Mt 28,17 ist die Lutherübersetzung vorsichtiger: Die Jünger „fielen“ vor dem Auferstandenen „nieder“, statt ihn anzubeten – obwohl im Griechischen dasselbe Wort proskyneo steht.

Reichweite Frieden

Bittgottesdienst für den Frieden am 14. November 2021 zur Ökumenischen Friedensdekade

„Dein Reich komme.“ Eine Zeile aus dem Vaterunser, die wie so viele Zeilen, die wir immer wieder sprechen und hören, uns kaum in ihrer Bedeutung bewusst ist. Einmal war ich in einem Gottesdienst einer Studentengemeinde, und es ging ums Vaterunser. Es wurden Gesprächsgruppen gebildet, und ich landete in derjenigen Gruppe, die sich über die Zeile „Dein Reich komme“ Gedanken machen sollte. Da saßen wir dann und überlegten uns, was denn passiert, wenn Gottes Reich kommt. Mehreren war das doch etwas unheimlich. „Eigentlich habe ich ja noch viel vor im Leben,“ sagten sie, „wenn jetzt plötzlich Gottes Reich kommt, und irgendwie ist alles aus, das würde mir vielleicht gar nicht gefallen.“

Was ist denn, wenn das Reich Gottes kommt? Wir sagen auf Lutherdeutsch immer „Reich Gottes“ — eigentlich ist es Gottes Königsherrschaft, also eine Zeit oder Situation, in der Gott wirklich auf Erden bestimmt, was passieren soll.

Wir haben die alttestamentliche Lesung gehört, die in diesem Jahr für die Friedensdekade und für unseren Bittgottesdienst im Zentrum steht. Der Prophet schaut in die Zukunft, und er sieht das Friedensreich Gottes. Er sieht Frieden unter den Menschen und Frieden unter den Tieren. Aus einem abgehauenen Baumstumpf wächst ein neuer Spross hervor, und dieser Spross steht symbolisch für einen Friedensherrscher, der im Sinne und im Geiste Gottes zu regieren beginnt. Er schafft Recht und Gerechtigkeit und bringt damit Frieden.

Wie weit kann Friede reichen?

„Reichweite Frieden.“ Wie weit kann Friede reichen? Diese Frage stellt uns die Friedensdekade in diesem Jahr. Krieg reicht weit. Das wissen wir. Syrien ist bestimmt kein großes und mächtiges Land, aber der Krieg in diesem Land reicht in Zeit und Raum weit über dieses Land hinaus. Dieser hat 2011 mit einem Aufstand gegen den Diktator Assad begonnen, und nun reicht er schon 10 Jahre lang. Und räumlich reicht er viele tausend Kilometer — so weit wie die Menschen vor ihm fliehen, bis zu uns. Oder gehen wir noch weiter zurück: 81 Jahre ist es her, dass Coventry bombardiert wurde — heute wieder der Jahrestag — und die Erinnerung hört nicht auf. Krieg reicht weit, in Zeit und Raum. Wie weit reicht der Friede?

Wir sehen das Bild zur Friedensdekade in diesem Jahr. Ein Globus ist darauf abgebildet, und er ist von Linien umzogen. Im ersten Moment möchte man an Satelliten denken — Rundfunk- oder Spionagesatelliten, die da ihre Bahnen ziehen, immer und immer wieder um die Erde. Aber es sind keine Satelliten, sondern Friedenstauben, die ein großes Netz über den Himmel ziehen und die ganze Welt erreichen. Wie mit einer Schutzhülle ist diese Welt eingesponnen, sodass kein Platz mehr ist für Kriegsflugzeuge und Drohnen und ähnliches Mordwerkzeug. Eine weltumspannende Friedensvision, die da in einem einfachen Bild dargestellt ist.

In der Vision des Propheten Jesaja gibt es eine Entwicklung. Es beginnt mit dem Baumstumpf: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor.“ Der abgehauene Baum steht für Krieg und Vernichtung in dieser Bilderwelt. Es war im alten Orient üblich, wenn man ein Land angriff und die Städte belagerte, dass man die Wälder und besonders auch die Obst- und Olivenbäume rodete. Man wollte dem Feind möglichst großen Schaden zufügen, damit er nach dem Krieg nicht mehr auf die Beine käme, und man wollte denen, die da belagert wurden, vor Augen führen, dass ihr Widerstand zwecklos war. Im Alten Testament ist diese Kriegsmethode, die dem Gegner seine Lebensgrundlagen zerstören sollte, übrigens verboten. Das göttliche Gebot versuchte schon damals, die Grausamkeit des Krieges einzudämmen.

Das Bild des Propheten geht weiter, ein Reisig schießt aus dem abgehauenen Baum heraus. Das kennt man, es gehört eigentlich zum Todeskampf der übriggebliebenen Wurzeln des Baumes. Sie schießen noch einmal auf, aber sie können niemals wieder ein Baum werden. Dann kommt die Überraschung: Das Reisig wird groß und mächtig, ein gerechter König, der den Frieden bringt. „Der Geist des HERRN ruht auf ihm: / der Geist der Weisheit und der Einsicht, / der Geist des Rates und der Stärke, / der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. / Und er hat sein Wohlgefallen an der Furcht des HERRN. / Er richtet nicht nach dem Augenschein / und nach dem Hörensagen entscheidet er nicht, / sondern er richtet die Geringen in Gerechtigkeit / und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. / Er schlägt das Land / mit dem Stock seines Mundes / und tötet den Frevler / mit dem Hauch seiner Lippen. / Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften / und die Treue der Gürtel um seine Lenden.“

Manche dieser Bilder klingen zunächst gewaltsam: „Er tötet den Frevler mit dem Hauch seiner Lippen“, aber das soll uns nicht in die Irre führen. Er tötet nicht mit dem Schwert, sondern mit dem Wort, mit seiner Überzeugungskraft und der Macht seiner Rede besiegt er das Böse und löscht es aus.

So kommt aus den Ruinen, die der Krieg hinterlassen hat, der Friede hervor. In der Weltgeschichte sieht man zumeist das Gegenteil: ein Krieg gebiert den nächsten. Wer besiegt ist, will Rache und nicht Frieden. Hier wächst aus der Zerstörung des Krieges ein Friedensreich. Man sieht zumeist das Gegenteil, aber das, was uns hier vom Propheten erzählt wird, ist vorstellbar. Aus den Schrecken des zweiten Weltkrieges ist Versöhnung hervorgegangen. So viele Nationen, die untereinander verfeindet waren, haben gelernt, im Frieden zu leben.

Jesaja hat aber noch eine Überraschung, und das ist die Art, wie er den Frieden beschreibt: „Der Wolf findet Schutz beim Lamm, / der Panther liegt beim Böcklein. / Kalb und Löwe weiden zusammen, / ein kleiner Junge leitet sie. / Kuh und Bärin nähren sich zusammen, / ihre Jungen liegen beieinander. / Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. / Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter / und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus.“ Eigentlich reiht der Prophet eine Absurdität an die andere. Die Löwen fressen Stroh wie das Rind, und sie werden von Kindern auf die Weide geführt. Soll ich das glauben? Wird der Friede im Reich Gottes tatsächlich so weit reichen, dass die schrecklichen Raubtiere Vegetarier werden?

Da zucke ich gedanklich zurück. Man kann die Prophezeiung auf eine bestimmte Weise verstehen. Man kann sagen: „Jesaja beschreibt eine ganz andere Welt, die mit unserer nichts gemein hat. Einen solchen Frieden kann es in unserer Welt nicht geben. Sowenig wie der Löwe Stroh frisst, genauso wenig wird jemals vollkommener Friede sein. Das, was da beschrieben ist, das ist das Reich Gottes, und das kommt am Ende der Welt, oder nach dem Tod im Himmel. Da mag es solche Löwen geben. Aber hier ist die Regel: Fressen und gefressen werden.“

Man kann die Prophezeiung aber auch auf eine andere Weise verstehen: Der wirkliche Friede kommt dann, wenn wir unsere jetzigen Vorstellungen hinter uns lassen. Wenn wir uns nicht an dem festhalten, von dem wir denken, dass es möglich ist. Zwischen Frankreich und Deutschland ist jede Feindschaft ausgelöscht. Wir haben ganz selbstverständlichen kulturellen Austausch und Zusammenleben, Grenzen gibt es nicht mehr, und kein Mensch kann sich Franzosenhass auch nur vorstellen. Sogar deutsche und französische Rechtsextremisten arbeiten Hand in Hand zusammen. Vor hundert Jahren war das undenkbar.

Was ist heute undenkbar? Russland als Teil der Europäischen Union? Die Umwandlung der Bundeswehr in ein großes Technisches Hilfswerk? Friede und Einigkeit im Nahen Osten? Kann der Löwe Stroh fressen?

Friede hat ganz viel damit zu tun, dass ich meine gewohnten Denkweisen, die Selbstverständlichkeiten, die Dinge, die „immer schon so waren“, vergesse. Menschen können innerhalb von zwei Generationen vergessen, wie Friede funktioniert. Ich bin überzeugt: Sie könnten auch innerhalb derselben Zeit vergessen, wie Krieg geht!

Jesus, das Reis

Liebe Gemeinde, wir kennen die Prophezeiung aus Jesaja vom Reis aus dem Stamme Isais als Advents- und Weihnachtstext. Dann ist Jesus das Reis, und die Prophezeiung ist an Weihnachten in Erfüllung gegangen. Das ist alte christliche Auslegung — aber zu oft ist die großartige Vision des Friedensreiches, die Jesaja beschreibt, zum inneren Weihnachtsfrieden bei Kerzenschein und Tannenbaum geschrumpft. Aber Friede reicht weiter als nur bis Weihnachten. Der Friede Gottes reicht weiter, er reicht über die ganze Welt, er will alle Menschen umfassen, ob sie nun Weihnachten feiern oder nicht. Auch Christus ist größer als ich es mir vorstellen kann. Christus ist unser Friede, und er ist größer als unsere beschränkten Möglichkeiten.

„Dein Reich komme“, so sollen wir beten, so hat Jesus uns gelehrt. Wie sieht es aus? Das kann ich mir nicht vorstellen, wie es dann sein wird, wenn Gottes Reich kommt. Muss ich Angst davor haben? Nein, denn es wird ein Reich des Friedens sein. Wie weit reicht Friede? Weiter als wir denken können. Das müsste die richtige Antwort sein.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsre Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Was Jesus wirklich sagen wollte

Der sechste Gottesdienst der Reihe Die Bibel der Anderen lässt Rammohan Roy sprechen, mit dem mich eine längere Geschichte verbindet. Seine Debatte mit den Missionaren von Serampore und mit Joshua Marshman im Besonderen ist das Thema meiner Doktorarbeit, die hoffentlich demnächst einmal erscheinen wird. Deshalb habe ich auch dieses Mal die Lesung selbst übernommen.

Nepalropa (Foto privat)

Zu Gast im Gottesdienst war natürlich wieder eine besondere Musik, nämlich das Ensemble Nepalropa, in Zweierbesetzung. Eigentlich sind es drei, die sich einst in Nepal getroffen haben, und beschlossen, miteinander nepalesisch-indische-hinduistische Musik zu machen. Und als besonderes Schmankerl haben die beiden auch noch originales indisches Teegewürz mitgebracht, sodass wir nach dem Gottesdienst wieder etwas zum Probieren hatten. Genau abgewogen wurde das Masala dem Assam-Tee aus dem Bioladen hinzugefügt und von Dirk Bärenklau in dem mittlerweile bewährten Kessel gebraut.

Das Datum des Gottesdienstes, der Vorabend des Reformationstages, war bewusst gewählt: Rammohan, von den Missionaren als „indischer Luther“ bezeichnet, wollte die Religion Indiens reformieren.

Das „Evangelium nach Rammohan Roy“

Rammohan Roy lebte an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde Indien immer weiter von der britischen Ostindien-Gesellschaft besetzt und unterworfen, und die Inder waren mit einer ganz neuen Kultur und der europäischen Form des Christentums konfrontiert. Mehrere indische Denker begannen damals, das zu verarbeiten, und Rammohan war einer, der die indische Religion von Grund auf reformieren wollte. Damals nannten ihn die Missionare den „indischen Luther“, heute trägt er den Ehrentitel „Vater des modernen Indiens“.

Rammohan suchte seine Landsleute davon zu überzeugen, dass es nur einen Gott und Schöpfer des Universums gibt, und dass die Verehrung dieses einen Gottes der Ursprung des Hinduismus sei.

Bald wurden die Missionare auf ihn aufmerksam. Die ersten Missionare im Kalkutta waren Baptisten, und sie legten damals besonderen Wert darauf, dass der Mensch ein Sünder ist, nicht fähig, das Gute zu tun und Gottes Gebote zu befolgen. Er ist von Gott zur Hölle verdammt. Nur weil Jesus als blutiges Opfer stellvertretend anstelle der sündigen Menschen am Kreuz gestorben ist, kann Gott gnädig sein. Wer diese Wahrheit annimmt und glaubt, allein der kann gerettet werden. Wer diese Lehre nicht annimmt, ist verdammt, egal wie sehr er sich bemüht, Gottes Willen zu erfüllen. Es ist ein Eckpfeiler der lutherischen Rechtfertigungslehre, dass der Mensch aus sich heraus nichts tun kann, um Gott zufrieden zu stellen. So lässt sich kurz zusammenfassen, was die Missionare den Menschen in Indien predigten. Mit ihren dogmatischen Formeln trafen sie auf große Unverständnis.

Rammohan Roy, Titel der Londoner Ausgabe 1823.

Rammohan Roy wollte allen Religionen auf den Grund gehen. Als er begann, das Neue Testament zu lesen, war er erstaunt darüber, dass der Jesus, der in den Evangelien auftrat, gar nicht von diesen Dingen sprach, von denen die Missionare sprachen. Es war keine Predigt Jesu zu finden, in der er sich selbst als stellvertretendes Sühnopfer für die Sünden der Menschen darstellt. Und es war auch in Jesu Worten nicht zu finden, dass er sich selbst als Gott dargestellt hätte. Rammohan Roy fand stattdessen einen Jesus, der die Menschen aufforderte, Gott und ihre Nächsten zu lieben. Wenn der Mensch dabei scheitert, kann Gott vergeben, ohne ein blutiges Opfer zu verlangen. Diese Verbindung von Gottes- und Menschenliebe und göttlichem Erbarmen sollte ihn sein Leben lang beschäftigen.

Er begann, Jesus als göttlichen Lehrer und Sohn Gottes zu verehren. Begeistert nahm er das Neue Testament zur Hand und suchte die seiner Meinung nach wichtigsten Jesusworte heraus. Er veröffentlichte sie unter dem Titel Die Gebote Jesu. Eine Anleitung zu Frieden und Glück und verteilte sie kostenlos in Kalkutta.

Die Missionare kritisierten ihn hart. Sie behaupteten: Jesu Gebot zur Gottes- und Nächstenliebe kann kein Mensch erfüllen, denn es dient nur dazu, dass der Mensch seine Sündhaftigkeit erkennt — und der Weg zu Frieden und Glück geht allein über den Glauben an den Gekreuzigten. Rammohan schädigt das Evangelium, wenn er die Gebote Jesu als Weg zum Heil ausgibt.

Rammohan verteidigte sich, und er lieferte sich mit dem Baptisten Joshua Marshman eine fünf Jahre andauernde publizistische Schlacht über die Auslegung der Bibel. Im Gottesdienst wurde ein Stück aus seinem Buch Der zweite Appell an die christliche Öffentlichkeit verlesen. Zwei Themen stecken darin. Es geht um das Leiden Jesu und seinen Sinn und um das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe.

Rammohan Roy: Der zweite Appell an die christliche Öffentlichkeit

Der vorgetragene Text von Rammohan Roy ist wieder einer, der mittlerweile urheberrechtsfrei ist. Ich habe aus den Kapiteln I und IV des Second Appeal to the Christian Public Auszüge ausgewählt und zusammengestellt. Ein Absatz, mit Fußnote markiert, stammt aus dem Final Appeal, weil er Rammohans Ansicht und ihre volle Entwicklung noch besser zusammenfasst. Dieser Zusammenschnitt und die Übersetzung, die auch von mir angefertigt wurde, sind nicht wissenschaftlich, sondern als Text für die gottesdienstliche Lesung zu betrachten.

Der Inhalt der folgenden Abhandlung steht unter diesen zwei Voraussetzungen:

1. Die Gebote Jesu lehren: Die Liebe zu Gott zeigt sich in der Barmherzigkeit gegenüber unseren Mitgeschöpfen, und diese Gebote Jesu sind eine vollständige Anleitung zu Frieden und Glück.

Und 2. dieser allgegenwärtige Gott, der als Einziger religiös verehrt werden darf, ist Einer und ungeteilt in seiner Person.

Ich glaube, dass diese beiden Lehren gleichermaßen auf Vernunft und Offenbarung beruhen, und sie erscheinen mir so offensichtlich wahr, wie eine Geisteslehre überhaupt sein kann – und dennoch stellt sich eine große Menge von Autoren und Gelehrten dagegen. Ich muss also die Entscheidung denjenigen überlassen, die ihre nüchterne und offene Aufmerksamkeit auf meine Argumente lenken, die ich in den folgenden Blättern niedergeschrieben habe. Und ich vertraue auf ihr unvoreingenommenes Urteil. […]

Der verehrte Herr Missionar will die sogenannte Lehre vom Kreuz beweisen. Das ist die Lehre, dass Jesus sich selbst als stellvertretendes Sühnopfer für die Sünden der Menschheit dargebracht habe. Und er zählt folgende Worte Jesu auf, die er in seiner göttlichen Vollmacht gesprochen hat:

  • „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer dieses Brot isst, lebt für immer.“
  • Dass Jesus sein „Fleisch für das Leben der Welt“ gegeben hat.
  • „Ich gebe mein Leben für die Schafe.“
  • „Der Menschensohn ist gekommen, sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“

Hat auch nur einer dieser Sätze, so frage ich, die Form eines Gebotes, oder sind sie nicht viel eher Aussagen, die bildhaft verstanden werden müssen? Es ist ja offensichtlich, dass ein Versuch, sie wörtlich zu verstehen, vollkommen unsinnig wäre, vor allem der erste – „Ich bin das lebendige Brot“. […]

Jesus war mit der göttlichen Sendung beauftragt, eine Anleitung zur ewigen Seligkeit zu bringen, und wer auch immer sie annimmt, soll auf ewig leben. Und der Heiland konnte voraussehen, dass die Verkündigung dieser Botschaft sein Leben kosten würde, weil sie die Wut und die Feindschaft der abergläubischen Juden hervorrief, aber er hat trotzdem nicht gezögert, sie zu verkünden. […]

Diese Auslegung, [dass Jesus vor allem eine Botschaft für die Menschen bringen wollte und verkündigt hat,] ist vollkommen bestätigt durch die folgenden Zitate:

Lukas 4, Vers 43: „Er sagte zu ihnen: Ich muss auch den anderen Städten das Evangelium vom Reich Gottes verkünden; denn dazu bin ich gesandt worden.“ Kapitel 2, Verse 47-49: „Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten. Als seine Eltern ihn sahen, waren sie voll Staunen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich meines Vaters Aufgabe tun muss?

Damit erklärt Jesus, dass es das einzige Ziel seiner Mission war, zu predigen und göttliche Lebensanleitung zu bringen. […] So erklärt Jesus auch in seinem Gebet [vor seiner Kreuzigung], dass er das Ziel seiner Mission dadurch erfüllt hat, dass er die göttlichen Gebote an die Menschheit überbracht hat: „Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast.“ Wenn der Tod am Kreuz sein eigentliches Werk gewesen wäre, oder [ein wichtiger] Teil seines Werkes, für das Jesus in die Welt gesandt war, hätte er, der der Quell der Wahrheit ist, nicht vor seinem Tod schon behauptet, dass sein Werk schon beendet sei.

Dass Jesus auf einem Esel reiten würde, Essig angeboten bekäme, mit einem Speer in die Seite gestochen würde, nachdem er den Geist aufgegeben hatte, waren alles Ereignisse, die im Alten Testament vorhergesagt waren und also von Jesus erfüllt wurden. Siehe Lukas 24, die Verse 26 und 27: „Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.“ Leider ist es mir nicht möglich, irgend einen anderen Sinn in diesen Ereignissen zu erblicken, die Jesus vor seiner Himmelfahrt zugestoßen sind. […]

Wenn ein Feldherr seine Soldaten darüber informiert, dass der König von ihm erwartet, dass er sein Leben riskiert, um seinen Auftrag zu erfüllen – können wir denn daraus schließen, dass der König den General mit seinem Tod beauftragt hat? Oder ist sein Auftrag nicht viel mehr der, die aufrührerischen Menschen mit dem gnädigen König zu versöhnen und ihnen Vergebung anzubieten, wie [Jesus] es ja auch wirklich getan hat.1

Dass Jesus Tod und Leid erfahren haben soll […] als Sühne für die Verbrechen anderer Menschen, wäre völlig unvereinbar mit Gottes Gerechtigkeit, und auch gegen die Prinzipien menschlicher Gerechtigkeit. Es wäre doch ein Stück schlimmster Ungerechtigkeit, ein unschuldiges, menschlich fühlendes Leben, das niemals den Willen Gottes übertreten hat, mit dem Tod am Kreuz zu bestrafen für die Verbrechen anderer – besonders wenn es gegen seinen Willen geschieht, wie es in den folgenden Passagen heißt:

[…] Mk 14,36: „Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst.“ Lk 22,42 und 44: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen. […] 44 Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.“ […]

Zeigen diese Worte nicht eindeutig, dass Jesus als Mensch Tod und Pein erfahren hat, und dass er flehend darum gebetet hat, dass er dem nicht unterworfen werde? Jesus wusste dennoch, dass dieser Tod unvermeidbar war, weil der Vater es wollte, und er hat sich ihm unterworfen. […]

Dass es eine Ungerechtigkeit ist, wenn jemand zum Tod verurteilt wird als Sühne für Verbrechen, die jemand anders begangen hat, ist doch völlig offensichtlich. Auch wenn es in vielen Ländern üblich ist, Menschen in Schuldhaft zu sperren, wenn andere ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, würden auch dort jedem gerecht denkenden Menschen die Haare zu Berge stehen bei der Vorstellung, dass jemand für die Verbrechen eines anderen getötet werden solle – auch wenn der Unschuldige sein Leben freiwillig opfern würde. […]

Nun zum zweiten Punkt, den der geschätzte Herr Missionar nennt, nämlich dass die Gebote Jesu nicht genug seien, um zur Erlösung zu führen. Der Herr Missionar hat anscheinend die vielen Stellen übersehen, die vollmächtigen Zitate des gütigen Stifters dieser Religion, die ich in meiner Schrift zitiert habe. Damit wollte ich über allen Zweifel zu beweisen, dass die fraglichen Gebote ewiges Leben verschaffen. Es ist kaum möglich, so viele Zitate zu übersehen, die sich über den größten Teil [meiner vorherigen Schrift] erstrecken. […] Ich muss deshalb dennoch einige Passagen erneut zitieren, um zu zeigen, dass die Gebote Jesu genug sind, um die Menschheit zum Glück zu führen, und ich frage demütig: Wenn ich überzeugt bin, dass diese Passagen von göttlichem Ursprung sind und von ihrem Autor wahrhaft gemeint sind – wie kann ich sie zusammenbringen mit dem Standpunkt des gelehrten Herrn Missionars, der behauptet, dass die Gebote Jesu nicht zu Frieden und Glück führen?

Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. 38 Das ist das wichtigste und erste Gebot. 39 Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 40 An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Mk 12,29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. 30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. 31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.

Matthäus 7, 12: Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.

Lukas 10,25 Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? 26 Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. 28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben! […]

Ich habe mich an diesen beiden Geboten orientiert, die der Heiland ausgewählt hat als Zusammenfassung des Gesetzes und der Propheten, und als ausreichendes Mittel, um Frieden und Glück der Menschheit zu bringen, und habe mich nicht gescheut, dieser Anleitung Jesu zu folgen. […]

Wenn es praktisch unmöglich wäre, Gott Liebe zu erweisen mit all unserer Kraft, und unserem Nächsten wie uns selbst, so wie der Herr Missionar behauptet, oder wenn andere Lehrsätze nötig wären, um das ewige Leben zu erlangen, dann hätte Jesus von Nazareth, von dessen Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Vollkommenheit wir überzeugt sind, niemals den Gesetzeslehrer dazu auffordern können, diese zwei Gebote zu befolgen. Er hätte ihm nicht das ewige Leben versprechen können als Lohn für diesen Gehorsam – so wie er sagt: Tu das, und du wirst leben – denn niemand mit gesundem Menschenverstand und Menschlichkeit würde jemand anders dazu bringen, sich umsonst abzumühen mit etwas, was praktisch unmöglich ist, oder ihn mit falschen Versprechungen betrügen, dass er eine Belohnung erlangen könne, die aber gar nicht zu erreichen ist. Noch viel weniger würde ein Wesen, in dem alle Wahrheit ist, und das mit einem Göttlichen Gesetz gesandt wurde, und das die Menschheit mit seiner Verkündigung und seinem Beispiel führen soll, Gebote verkündigen, die unmöglich zu befolgen sind.

Jegliches Gebot, das den Menschen auffordert, Gott mit ganzem Herzen und aller Kraft zu lieben, bringt uns dazu, unsere Liebe auf den alleinigen Vater des Universums zu richten – aber es führt nicht dazu, dass wir die nötigen Dinge des Lebens nicht mehr ausführen können oder nichts anderes mehr lieben könnten. Denn solche Liebe zum Nächsten ist ja im folgenden Gebot gleich gefordert. Die folgenden Passagen [zeigen es]:

Joh 14,21 „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“

Joh 15,10: „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.“

und Vers 14: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.“ Usw.

Diese und viele andere Passagen zeigen ganz deutlich, dass Liebe und Treue zu Jesus sich nur zeigen kann in Gehorsam der göttlichen Gebote. Aber wenn die Befolgung dieser Gebote als praktisch unmöglich dargestellt wird, dann müsste die Liebe zu Jesus und die Treue zu ihm ebenso unmöglich sein – und christlicher Glaube insgesamt nur in der Theorie existieren.

Deshalb habe ich ein völlig reines Gewissen, wenn ich die Gebote der [christlichen] Religion als Quelle von Frieden und Glückseligkeit [in meinem Buch] veröffentlicht habe.

Rammohan Roy, Auszüge aus dem Second Appeal to the Christian Public
Übersetzt, ediert und zusammengestellt durch Pfr. Armin Pöhlmann.

1Dieser Absatz ist aus dem Final Appeal eingefügt, weil er die weitergehende Reflexion Rammohans zum Tod Jesu deutlicher herausstellt.

Die Audiomitschnitte aus dem Gottesdienst

Wie immer gibt es hier Audiomitschnitte zu hören. Weil das Ensemble Nepalropa direkt neben dem Aufnahmegerät stand, soll auch einmal ein musikalischer Mitschnitt dabei sein. Der ganze Gottesdienst kann auf Anfrage zur Verfügung gestellt werden.

Einführung in den Vortrag (Armin Pöhlmann)
Vortrag: Der zweite Appell an die christliche Öffentlichkeit von Rammohan Roy (Armin Pöhlmann)
Ensemble Nepalropa: Tihar Geet – ein traditionelles Lied zum hinduistischen Lichterfest

Nachgedanken und Teerunde

Leider kann man Gerüche nicht über das Internet übertragen…

Nach dem Gottesdienst saßen wir wie immer noch eine Weile beisammen, um uns eine Tasse Tee schmecken zu lassen und über das Gehörte und Erlebte zu sprechen. Es zeigte sich doch schnell, dass in vielen Menschen die Lehre vom stellvertretenden und blutigen Sühnopfer Widerspruch erregt. Viele am Tisch kannten und kennen diese Lehre als christliche Standarderklärung des Todes Jesu. Rammohans klare und einfach begründete Ablehnung dieser (vor allem) mittelalterlichen Vorstellung wurde von ihnen als befreiend und wohltuend wahrgenommen. Da hatte jemand vor 200 Jahren schon so offen seine Kritik an Lehren ausgesprochen, mit denen wir in der Kirche heute noch ringen.

Dass die Lehre vom stellvertretenden Sühnopfer in den letzten Jahrzehnten in der evangelischen Theologie ins Hintertreffen geraten ist und dass es mittlerweile andere Erklärungen gibt, den Tod Jesu zu verstehen, ist in den Gemeinden noch kaum angekommen. Jahrhundertelange Predigtpraxis wird nicht so schnell in fünfzig Jahren aufgeräumt.

Wir redeten darüber hinaus auch überhaupt über das Bedürfnis, Dogmatiken zu kritisieren und offen zu sprechen über die vielen Dinge in Bibel und christlichem Glauben, die uns nicht in den Kopf wollen. Fast jeder kannte Gemeindezusammenhänge, wo Fragen nicht erwünscht und Fragende schnell in die Ketzerecke gestellt wurden.

„Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Am 26. September fand der dritte Nagelkreuzsonntag der weltweiten Versöhnungsarbeit statt. Wir haben ihn auch in Eisenach begangen, nunmehr das zweite Mal. Es war ein reicher Gottesdienst mit vielen Beteiligten. Unsere Eisenacher Gruppe der Nagelkreuzfreunde war dabei und wir konnten auch den Landesjugendkonvent begrüßen, der an diesem Wochenende Tagung in Eisenach hatte. Die Jugendlichen haben das Versöhnungsgebet von Coventry mit uns gemeinsam gesprochen.

Auch musikalisch war etwas sehr Schönes geboten: Die Violinistin Franziska König aus Grebenstein war nach Eisenach gekommen und gestaltete den Gottesdienst musikalisch aus. Ein großer Gewinn!

Ich stelle hier die Predigt ein zum Nachlesen und zur Dokumentation:

Also kennen wir von jetzt an niemanden mehr dem Fleische nach; auch wenn wir früher Christus dem Fleische nach gekannt haben, jetzt kennen wir ihn nicht mehr so. Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er ihnen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet hat. Wir sind also Gesandte an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!

2. Korinther 5,16-20

Liebe Gemeinde!

„Wir sind also Gesandte an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!“ So schreibt Paulus der Gemeinde in Korinth. „Lasst euch mit Gott versöhnen!“ Der mennonitische Friedensforscher John Paul Lederach ist einmal von Leuten gefragt worden: „Warum beschäftigt sich die mennonitische Kirche immer nur mit diesen Friedens- und Versöhnungsthemen, und wann fangen sie wieder an, über das Evangelium zu reden?“ Seine Antwort war einfach und bündig: Das Evangelium ist Versöhnung.

Darüber musste ich nachdenken. Das Evangelium ist Versöhnung. Gerade in der lutherischen Tradition haben wir oft den Eindruck: Zuerst muss ich die rechte Lehre verstanden haben, und dann geschieht, so als Nebenprodukt und Folge gewissermaßen, auch die Versöhnung. Das ist wohl ein Missverständnis. Die Versöhnung mit Gott und mit Menschen ist der eigentliche Inhalt des Evangeliums — oder wie Paulus eben das Evangelium, die gute Nachricht ausformulieren kann: „Lasst euch versöhnen mit Gott“. Das ist die Botschaft, die Christinnen und Christen der Welt zu bringen haben.

Und wenn ich in die Welt schaue, dann gibt es da viel zu tun und auszurichten. „Lasst euch mit Gott versöhnen!“

Im letzten Jahr, das war der erste Nagelkreuzsonntag, den wir hier in der Nikolaikirche gefeiert haben, stand die Ursprungsgeschichte der Versöhnungsbewegung vom Nagelkreuz im Vordergrund. Die geplante und gezielte Zerstörung von Coventry und die Gründung der Gemeinschaft aus dem Geist der Versöhnung.

In diesem Jahr jährte sich das Gedenken des Mauerbaus zum 60. Male. Wir schauen heute zurück und können sagen: fast 30 Jahre war Deutschland durch die Mauer geteilt, nun ist es über 30 Jahre wieder vereint — aber die Nachwirkungen dieser Mauer sind bis heute zu spüren. Als vor einigen Jahren unsere damalige Bischöfin Ilse Junckermann über Versöhnung sprach mit denjenigen, die sich zu DDR-Zeiten schuldig gemacht hatten, war das ein hoch emotionales Thema. Die Wunden sitzen immer noch tief.

Drei Nagelkreuze gibt es in Berlin, die ganz eng mit der Geschichte der Teilung verbunden sind, und ich möchte Ihnen diese Geschichten erzählen. 1961 wurde die Grenze geschlossen — wir reden für gewöhnlich vom „Mauerbau“, aber zuerst war es eine Grenzschließung mit Stacheldraht und Zäunen, dann wurde Stück für Stück die unselige Betonwand errichtet.

Es gab eine Kirche in der Bernauer Straße, die stand genau in der Häuserzeile, an der die Mauer verlaufen sollte. Sie war frisch renoviert und hieß Versöhnungskirche. Gerade vor der Kirchentür wurde die Grenze gezogen, und diese Grenze ging auch mitten durch den Gemeindebezirk. Die Gemeindeglieder im Westen waren sofort ausgesperrt, die im Osten konnten nur noch einige Monate Gottesdienst feiern, dann umschloss der „Todesstreifen“ das Gotteshaus. Über zwanzig Jahre stand sie da, wie ein Mahnmal der Versöhnung, leer und unzugänglich. 1985 wurde sie gesprengt. In den Filmaufnahmen kann man sehen, dass es eine sprengtechnische Meisterleistung war, eine Kirche mit teilweise vier Meter dicken Mauern so genau zu sprengen, dass sie in sich zusammenfiel, ohne auf die Grenzmauer zu fallen.

Bevor ich diese Geschichte weiter erzähle, lassen Sie uns auf zwei andere Kirchen schauen. Die erste ist die alte Pfarrkirche von Pankow. Nach dem Mauerbau kam der Dompropst aus Coventry, damals war das Harold Williams, zum DDR-Staatssekretär Hans Seigewasser. Er wollte ihn überreden, einen Gottesdienst in Pankow feiern zu dürfen, um dort ein Nagelkreuz zu übergeben. Williams war ein großer Diplomat. Als sich herausstellte, dass sie beide im spanischen Bürgerkrieg gewesen waren, kamen sie ins Reden, und Seigewasser erlaubte tatsächlich diesen Gottesdienst, und er erlaubte auch, dass englische Jugendliche nach Dresden kommen durften, um einen Flügel des Diakonissen-Krankenhauses wieder aufzubauen, im Stil der Aktion Sühnezeichen.

Im Herbst 1962 kam Williams also wieder nach Berlin, fuhr nach Pankow und feierte dort Gottesdienst. Er ließ es sich nicht nehmen, über das Thema „Mauern“ zu predigen. Gleichzeitig hatte er ein zweites Nagelkreuz nach Westberlin gebracht, und es wurde in Tempelhof zur selben Stunde in die Gemeinde eingeführt. So waren durch das Nagelkreuz zwei Gemeinden über die Mauer hinweg verbunden. Das Kreuz in Pankow existiert noch und dort wird zweimal im Monat zum Abendmahlsgottesdienst das Versöhnungsgebet gesprochen.

Das andere Nagelkreuz ist heute in der Martin-Luther-Gedächtniskirche. Diese Kirche wurde 1933 nach Plänen der Deutschen Christen gebaut und ist ein Paradebeispiel nationalsozialistischer Kirchenarchitektur. Das Versöhnungszeichen des Nagelkreuzes hat hier also noch tiefere Dimensionen. Wöchentlich feiert die Gemeinde das Versöhnungsgebet.

Die Gemeinden in der DDR, die ein Nagelkreuz hatten — Stück für Stück kamen andere dazu — sagen heute, dass das Nagelkreuz ihnen geholfen hat. Die DDR-Regierung war in dieser Frage innerlich gespalten. Auf der einen Seite wollte man die Verbindungen zum Westen kappen — aber das Nagelkreuz war ein solch starkes Zeichen gegen den Krieg und für die Völkerfreundschaft, dass man es nicht unterbinden konnte, ohne sich selbst zu widersprechen.

Die Versöhnungskirche hingegen war 1985 ja gesprengt worden. Als der Turm umkippte, brach das goldene Turmkreuz ab und wurde im hohen Bogen in einen alten Friedhof geschleudert. Man fand es nicht mehr, weil am nächsten Tag Friedhofsmitarbeiter es in einem Schuppen verbargen. 1999 wurde anstelle der früheren Kirche eine kleine Kapelle gebaut, die Kapelle der Versöhnung, und das alte Turmkreuz wurde davor aufgestellt. Auch in dieser Versöhnungskapelle gibt es ein Nagelkreuz. Um die Kapelle wächst ein Roggenfeld, das der Pfarrer angesät hat — und wenn der Roggen geerntet wird, wird Brot daraus gebacken. Es ist Friedensbrot, aus dem Gelände des früheren Todesstreifens.

Warum erzähle ich Ihnen diese alten Geschichten? Haben wir nicht andere Probleme heute? Die Mauer ist weg, und die Welt hat mit der Klimakatastrophe eine Sache vor der Haustür, die weit schlimmer ist als die Teilung eines Landes.

Ich meine, dass Deutschland bis heute noch nicht wirklich versöhnt ist. Die zwei Seiten von Deutschlands Geschichte sind in unserer kollektiven Erinnerung noch nicht wirklich zusammengeflossen. Ich war einmal auf einem 60. Geburtstag. Die Enkel hatten der Jubilarin ein Heft gekauft: Was war im Geburtsjahr 1955 in der Welt los? Da waren Erfindungen und kulturelle Ereignisse aufgelistet, politische Begebenheiten, Bücher, die damals erschienen waren, Berühmtheiten, die geboren oder verstorben waren. Die Großmutter schaute sich das an und sagte: „Das kenne ich alles nicht. Das hat alles nichts mit mir zu tun.“ Warum? In diesem Heft, das man am Kiosk kaufen konnte, waren ausschließlich Ereignisse und Daten der westlichen Welt zu finden.

Zu oft stoße ich noch darauf, dass die westdeutsche Geschichte die Geschichte des „normalen“ Deutschlands ist, und die ostdeutsche Geschichte ein Seitenzweig, den die einen gar nicht kennen, und die anderen streiten sich ohne Ende darum, was davon gut gewesen ist oder nicht, und was Recht oder Unrecht. Ob der DDR-Kommunismus schuld ist an den heutigen Problemen oder die Treuhand. Die Geschichte der Teilung und der Vereinigung ist noch nicht auserzählt, und so viele Geschichten gibt es noch zu hören.

Die Unversöhntheit der deutschen Gesellschaft hindert uns an vielem. Wie gehen wir mit Migration und mit Flüchtlingen um? Wie wollen wir Integration möglich machen, wenn wir unsere eigene Geschichte noch nicht geordnet haben? Wenn wir immer noch Deutsche unter uns haben, die in diesem heutigen Deutschland noch nicht angekommen sind, und zwar Junge wie Alte? Wenn Projekte zum Klimaschutz von dem einen oder der anderen als Kampagnen von „Westparteien“ wahrgenommen werden? Wenn man den Medien misstraut und meint, die lügen alle, weil man in der DDR gelernt hat, dass das offizielle Fernsehen lügt?

Wir brauchen Versöhnung. Ein erster Schritt zur Versöhnung ist es, die Geschichten zu erzählen und zu hören. Im letzten Jahr zum Achava-Festival, gab es ein Erzählcafé, wo jeder über seine Wende-Erlebnisse erzählen konnte. Ich habe das als sehr heilsam empfunden. Wir müssen mehr erzählen. Die Menschen aus Süddeutschland, aus dem Rheinland, aus dem Norden, aus dem Osten. Auch die Menschen aus Syrien sollen erzählen, wie sie mit Schlauchbooten über die Ägäis gefahren sind, oder die Afghaninnen, die durch den Iran gelaufen sind, um nach Europa zu kommen — und wenn die sich dann austauschen mit denen, die aus der DDR geflüchtet sind, oder denen, denen es nie in den Sinn gekommen wäre zu flüchten, weil sie zufrieden waren, oder denen, die am liebsten geflüchtet wären, als sie arbeitslos zuschauen konnten, wie ihre Fabrik abgerissen wurde. Wenn wir alle dann anfangen, die Geschichten der anderen zu hören und beginnen, einander zu verstehen, dann geschieht Versöhnung. Nicht, weil wir dann nachher alle einer Meinung sind, sondern weil wir einander kennenlernen. Wie es im Koran heißt: Gott hat alle Menschen verschieden erschaffen, „damit ihr einander kennenlernt.“ (Sure 49,13)

Lasst euch mit Gott versöhnen und lasst euch mit den Menschen versöhnen! Das ist das Evangelium, die gute Botschaft. Im kommenden Jahr, so Gott will, wird es hier in dieser Kirche ein Nagelkreuz geben, aus Coventry. Wir laden dann alle ein, sich um dieses Kreuz zu versammeln und ihre Geschichte mitzubringen. Ich bin gespannt darauf.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsre Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Nachrichten aus Konfusionopolis: Benno Jacob zum Turmbau zu Babel

Am 2. Oktober war der fünfte Teil unserer Gottesdienstreihe. Er gehörte auch zum Programm der in dieser Woche stattfindenden Achava-Festspiele, und so kam das zweite Mal eine jüdische Stimme zu Wort, nämlich Benno Jacob.

Ich selbst wurde leider in der Woche vorher krank und musste das Bett hüten – eine liebe Kollegin und ein lieber Kollege, Gabriele Phieler und Manfred Hilsemer, konnten kurzfristig einspringen. Die Musik war dieses Mal wieder ein besonderer Höhepunkt: Die Eisenacher Gruppe Hinz&Kunz’t spielte alles – von nachdenklichen Tönen über gemeinsamem Gesang bis dahin, dass die Tanzbeine in der Gemeinde zu zucken anfingen.

Über Benno Jacob

Benno Jacob wurde 1862 in der Nähe von Breslau geboren. Er ist einer der bedeutendsten deutschen jüdischen Bibelwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. In seiner Familie gab es etliche Gelehrte und Rabbiner, und so studierte er selbst am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau, arbeitete eine kurze Zeit als Religionslehrer und wurde 1891 Rabbiner in Göttingen. 1906 wechselte er nach Dortmund. Während seiner Arbeit in der Gemeinde trug er stets eine Taschenbibel und ein Notizbuch bei sich, um jederzeit Ideen für seine Forschung festhalten zu können. 1929 trat er in den Ruhestand. Noch 1934 konnte er seinen großen Genesis-Kommentar veröffentlichen. 1938/39 emigrierte er mit seiner Familie nach London, ein Schritt, der ihm als deutschem Patrioten sehr schwer gefallen ist. Auch befürchtete er, dass nach der Auslöschung des deutschen Judentums niemand seine Veröffentlichungen in deutscher Sprache mehr brauchen würde. 1945 starb er in London, noch vor Ende des Krieges.

Benno Jacob war ein streitbarer Bibelgelehrter. In seiner Zeit gewann die Quellenforschung die Oberhand in der kritischen Bibelwissenschaft. Christliche und auch einige jüdische Kritiker zerlegten die alttestamentlichen Schriften in immer kleinere Bruchstücke. Dabei ging nur zu oft der Blick für das Ganze verloren. Was früher als göttlich inspiriertes sinnvolles Ganze gesehen wurde, war nun Produkt von Sammlern und Redaktoren, die verschiedenste Materialien zusammengesetzt hatten. In den Werken christlicher Alttestamentler begegneten darüber hinaus antijüdische Stereotype. Altes Testament und Judentum wurden als Negativfolie benutzt, vor der sich Neues Testament und Christentum hell abheben sollten. Das Judentum schien rückständig und archaisch, während das Christentum als „Religion der Freiheit“ gefeiert wurde.

In den 1870er Jahren entstand mit dem sog. Antisemitismus eine pseudowissenschaftlich begründete neue Version des alten Judenhasses. Als jüdische Studenten aus universitären Vereinen ausgeschlossen wurden, wurde Jacob Mitbegründer der ersten schlagenden jüdischen Verbindung. Später trat Jacob dann als Gegenredner bei antisemitischen Wahlkampfveranstaltungen auf. Gewitzt und schlagkräftig bot er seinen Gegnern Paroli und wurde dadurch über Göttingen hinaus im deutschen Judentum bekannt.

Durch seine Bibelauslegung begegnete er den antijüdischen Stereotypen in christlichen Kommentaren. Jacob interpretierte die biblischen Bücher als vollkommene Einheit und setzte damit ein Gegengewicht gegen ihre „quellenkritische Zerstückelung“. Jacob schöpfte dabei vielfach aus der reichen jüdischen Auslegungstradition und arbeitete verborgene Zusammenhänge heraus. Sein Ziel war es, die Tora „zu ihrem alten Glanz“ zurückzubringen.

Oft wurde Jacob, der sich selbst als liberal und wissenschaftlich begriff, als „orthodox“ oder „konservativ“ bezeichnet, weil er die Quellenkritik angriff. Aber es ging es ihm nicht darum, die Unantastbarkeit und Inspiriertheit der Hebräischen Bibel zu beweisen. Sein Verhältnis zur Bibel war komplexer, wie das folgende Zitat zeigt:

Der Satz: „du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ ist wahr und verbindlich, wer immer ihn zuerst verkündet habe. Er ist wahr, nicht weil er in der Thora steht, sondern sie ist wahr, weil er in ihr steht.

In den letzten Jahren wurde das vergessene Werk Benno Jacobs wieder entdeckt und mehrere Schriften von ihm neu- oder erstveröffentlicht.

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist eine der bekanntesten Geschichten der Thora (der fünf Bücher Mose). Die traditionelle christliche Auslegung sagt, dass Gott den Hochmut der Menschheit dadurch gestraft habe, dass er ihre Sprache verwirrt und sie also gezwungen habe, verschiedene Völker zu bilden. Im Pfingstwunder sei die Sprachverwirrung aufgelöst worden, und das Christentum als Einigungsbewegung der Völker sei damit die Aufhebung dieser Strafe: In Christus vereinigt sich folglich, was in Babel getrennt wurde. Bis heute ist die Turmbaugeschichte Predigttext für das Pfingstfest – als dunkle Folie für das leuchtende Pfingstwunder.

Während in der christlichen Auslegung der Turmbaugeschichte Vielfalt in Sprache und Völkerwelt also als Strafe Gottes erscheinen, behauptet Benno Jacob das gerade Gegenteil. Ansatzpunkt ist bei ihm die Auskunft der Turmerbauer selber: Sie wollen eine Stadt und einen Turm bauen, damit sie sich nicht über die ganze Erde zerstreuen! In Jacobs Kommentar ist deutlich die Auseinandersetzung mit den Visionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu spüren: Der Traum von der futuristischen Zukunftsstadt Metropolis, die Megafabriken, in denen die Arbeiterinnen und Arbeiter kleine Zahnräder sind, die Weltreiche der Kolonisatoren und die Weltbürgerträume der Intellektuellen. Das Thema, das er angeht, ist jedoch bis heute aktuelle, denn auch heute stellen wir Menschen uns die Frage: Wie viel Einheit und wie viel Verschiedenheit und Vielfalt ist richtig? Was ist Gemeinsinn, was ist Uniformierung, was ist Orientierungslosigkeit und was ist gewollte Vielfalt?

Literatur:

  • Benno Jacob, Einführungen in das Erste Buch Mose, in: Der Morgen. Monatsschrift der Juden in Deutschland, Heft 4 (Oktober 1925)
  • Benno Jacob, Das Buch Genesis (1934, neu 2000)
  • Hans-Christoph Aurin, Benno Jacob zu Levitikus (Veröffentlichung erfolgt in näherer Zeit)

Der Turmbau zu Babel

Wir haben wieder einen urheberrechtsfreien Text, den ich hier veröffentlichen kann. Die Quelle sind die digitalisierten Ausgaben der Zeitschrift „Der Morgen“.

Aber die Zerstreuung war keineswegs im Sinne jener Menschheit „Es war aber“, so fährt die Bibel fort, „die ganze Erde Eine Sprache und Einerlei Rede. Als sie nun vom Osten fortzogen, da fanden sie eine Ebene im Lande Sinear und ließen sich daselbst nieder. Und sie sprachen einer zum anderen: Wohlan, lasset uns Ziegel streichen und brennen, und es diente ihnen der Ziegel als Stein und das Erdpech als Mörtel. Und sie sprachen: Wohlan, lasset uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis in den Himmel reicht, und lasset uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Da schickte sich der Herr an, die Stadt und den Turm anzusehen, den die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: „Siehe, sie sind Ein Volk und alle haben Eine Sprache, dies ist der Anfang ihres Tuns und bald wird ihnen nichts zu schwer dünken. Wohlan, wir wollen hinabfahren und ihre Sprache an Ort und Stelle verwirren, daß keiner die Sprache des andren verstehe.“ Da verstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde und sie ließen ab, die Stadt zu bauen. Darum nannte man ihren Namen „Babel“, denn dort hat der Herr die Sprache der ganzen Erde verwirrt und dort verstreute sie der Herr über die ganze Erde.“

So kurz diese Erzählung ist, so ist doch unverkennbar die Ähnlichkeit mit der Paradiesgeschichte, sowohl in ihrer Tiefe bei scheinbarer Schlichtheit, als auch in der verborgenen Schalkhaftigkeit und Ironie. Es war vielleicht die für die Kultur folgenreichste Erfindung, als der Mensch den ersten Ziegel formte Damit entstand das von der zufälligen Bodengestaltung unabhängige Haus, die Stadt, der Zusammenschluß vieler Menschen mit allen Kulturbedürfnissen und ihrer Befriedigung, der Staat.

Vorher war die Behausung des Menschen das flüchtige Zelt, die Hütte des Waldes, die Erd- und Steinhöhle. Der Ziegel machte den Nomaden, Waldmenschen und Troglodyten zum Städter.

Die Erfindung war so berauschend, daß sie sogleich die ausschweifendsten Pläne und Hoffnungen hervorrief. Sollte es mit ihrer Hilfe nicht möglich sein, die ganze Menschheit zu einer einzigen Stadt zu vereinigen? Und als Zeichen solch vollkommener Zentralisation und stolzester Triumph dieser höchsten Kulturerrungenschaft erhebe sich ein Turm bis in den Himmel.

Was die Menschen vorhaben, ist anscheinend der kühnste imperialistische Traum, der noch weit über den Plan eines Weltreiches geht Es gibt keine Völker, keine Staaten mehr, es gibt nur noch eine „Weltstadt“ im vollsten Sinne des Wortes, ein einziges Stadtbürgertum. Diesen Plan vereitelt Gott. Nicht weil er gleich den griechischen Göttern fürchtet, daß sie seinen Himmel stürmen werden, wie die Giganten der Sage, die den Ossa auf den Olymp türmten und schließlich in der großen Weltschlacht besiegt wurden.

Das Unternehmen dieses Geschlechtes ist gewaltig nur an Maßen und an Ausdehnung, der Gesinnung nach ist es armselig und klein. Es ist geboren nicht aus Kraftgefühl, sondern aus Furchtsamkeit und Schwäche, gepaart mit kindischer Prahlerei: „damit wir uns einen Namen machen und uns nicht über die ganze Erde zerstreuen“. Es ist der Herdensinn, der sich nur in der Masse und Zusammendrängung geborgen fühlt, und die lehrhafte Unnatur, die Vervielfältigung für Größe und riesige Anhäufung für Stärke hält, und die glücklich ist, wenn dem Turm wieder ein Stockwerk aufgesetzt ist und das Ideal der Menschheit und die Vollendung der Kultur in mechanischer Einheitlichkeit und Organisation sieht. Das entspricht nicht den göttlichen Absichten. Der Glaube an die Einheit des Menschengeschlechtes darf nicht zum Fanatismus uniformierender Gleichmacherei werden. Das Wesen des Lebendigen ist die Unterschiedenheit, die bunte Fülle der Gestaltungen und Begabungen, und die Ordnung darf nicht zu dem Götzen werden, dem die Freiheit und die Mannigfaltigkeit geopfert werden. Organisation schafft Einheit und Übersichtlichkeit und scheinbar vereinfacht sie, aber in Wahrheit kompliziert sie und, was der schlimmste Schaden ist, sie entseelt. Sie ist die ideen- und gemütlose Schwärmerei der Mittelmäßigkeit. Sie möchte schließlich das Ganze zu einem Mechanismus machen, bei dem man nur auf den Knopf zu drücken braucht, daß alle Räder laufen. Wie aber, wenn die Leitung oder gar schon der Knopf einmal versagt? Der „Turmbau zu Babel“ ist der Götzendienst der Technik, die Anbetung des Wolkenkratzers, des „biggest building of the world“ (riesigsten Bauwerkes der Welt). Aber die Überstadt und der Überstaat sind Gott ebenso mißfällig wie der Übermensch, sie werden unweigerlich dessen schlimmere Spielart erzeugen: den Genußmenschen und den Despoten. Wozu hätte denn Gott die Erde so weiträumig geschaffen, wenn die Menschen sich alle auf einen Fleck zusammendrängen sollten?

„Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde!“

Daß wir uns auf ihr zerstreuen, darum ist die Welt so groß. Die Thora macht kein Hehl daraus, an welches Beispiel sie bei dieser Erzählung gedacht hat: es war die Weltstadt Babylon, eine der größten, die die Erde je getragen hat, ein riesiges Häusermeer, wimmelnd von Menschen aus allerlei Völkerschaften mit vielen Sprachen, eine Metropole des Handels und Weltverkehrs, und ihr Wahrzeichen war ein zum Himmel strebender Turmbau.

Wie mancher ihrer Lobredner mag solche weltbeherrschenden Träume gehabt haben. „Aber der im Himmel thront, lacht, der Herr spottet ihrer.“

Sie sagen: Wohlan! So sagt denn Gott auch: Wohlan! Er „steigt hinab“, denn wenn sie auch meinten, sie bauten bis in den Himmel, so ist es bis dahin doch noch recht weit, und von der Höhe gesehen ist das Riesenwerk der Menschenkindlein nur ein Spielzeug und die Weltstadt nur ein Ameisenhaufen.

Und wie vereitelt Gott ihre Unternehmung? Er läßt den Bau nicht – etwa durch ein Erdbeben – zusammenstürzen, sendet auch kein Verderben über die Menschen, ja bestraft sie überhaupt nicht. Er „verwirrt ihre Sprache“, die vordem Eine war. Und dazu brauchen wir uns gar nicht ein plötzlich eintretendes Wunder zu denken. Gott will, daß sich die Menschheit über die ganze Erde zerstreue, also ist es auch sein Wille, daß sie sich in Völker und das bedeutet: auch in Sprachen scheide. Eben der Versuch, eine Einheit künstlich herzustellen, bringt die Verschiedenheit an den Tag. Der Turmbau selbst ist es, der ihre Sprache verwirrt. Es wird sich immer als unausführbar erweisen, alle Menschen um einen Turm zu sammeln, will sagen, unter einen Hut zu bringen. Ein solcher Turm wird immer unvollendet bleiben und so mag er stehen bleiben als ein Zeugnis seiner Vergeblichkeit, und eine solche Stadt – so spottet die Thora – heißt mit Recht Babel, „Durcheinander“, Konfusionopolis.

Und es wäre anders auch nicht gut. Das ist keine Musik, wo alle Saiten der Harfe denselben Ton geben, sondern um die große Symphonie der Menschheit zu bilden, soll jedes Volk eine andere Stimme führen. Niemals sehen die Propheten das messianische Heil darin, daß es nur Ein Volk und Eine Sprache geben wird. Die Erzählung vom Turmbau nach der Völkertafel soll – und das ist der gesunde Wirklichkeitssinn der Thora – das ewige Recht der Nationen gegenüber dem Enthusiasmus für die Eine Menschheit wahren. Nicht im Einerlei und in der Einstimmigkeit besteht der Völkerbund, sondern in der Übereinstimmung, in vielstimmiger Harmonie. Und geschaffen wird sie nicht durch Kulturerrungenschaften, Institutionen und Organisationen, sondern durch hervorragende Persönlichkeiten. Sie sind die Türme, die in den Himmel reichen. Zu ihnen aufschauend „werden sich segnen alle Geschlechter der Erde“. Es sind die Gottesmänner gleich einem Abraham, zu dem Gott gesprochen hat: „Sei ein Segen!“ So führt uns die Urgeschichte von dem natürlichen Menschen, Adam, über den moralischen, Noah, zu dem religiösen, Abraham, zu welchem nunmehr mit abermals zehn Geschlechtern übergeleitet wird.

Benno Jacob, Einführungen in das Erste Buch Mose, in: Der Morgen. Monatsschrift der Juden in Deutschland, Heft 4 (Oktober 1925)

Die Audioaufnahmen aus dem Gottesdienst

Wieder stelle ich hier den Vortrag aus dem Gottesdienst zur Verfügung. Der ganze Gottesdienstmitschnitt kann auf Anfrage zugänglich gemacht werden, ist aber aufgrund der schlechten Qualität nicht zur Veröffentlichung geeignet.

Einleitung, gelesen von Pfrin. i. R. Gabriele Phieler
Benno Jacob, Der Turmbau zu Babel, gelesen von Pfr. Manfred Hilsemer

Robert Allen Warrior: Kanaanäer, Cowboys und Indianer

Der vierte Gottesdienst der Gottesdienstreihe Die Bibel der Anderen führte uns über den großen Teich nach Amerika. Robert A. Warrior trat als Vertreter der amerikanischen Ureinwohner auf, gelesen von Dr. Ulrike Rieger. Auch die Musik war ganz amerikanisch. Christoph Seestern-Pauly bot auf Orgel und Klavier Werke von Philip Wesley, Philip Glass, John Cage und George Gershwin und ließ den Gottesdienst mit Summertime ausklingen.

Robert Allen Warrior

Robert Allen Warrior ist ein amerikanischer Kultur- und Literaturwissenschaftler an der Universität von Kansas. Er hat auch Theologie und Religionswissenschaft studiert. Gleichzeitig ist er Mitglied der Nation der Osage, einer der großen indianischen Nationen, die es heute in den USA gibt.

Warrior hat sich in seiner Arbeit intensiv mit indianischer Literatur beschäftigt, sowohl mit alten, traditionellen Erzählungen als auch mit modernen Texten. Wichtig ist ihm dabei, dass diese Texte am besten durch die Augen der indianischen Tradition wahrgenommen werden und nicht durch fremde Ansätze verzerrt.

Der „Marsch der Tränen“, die Deportation der Cherokee durch die Armee 1838, dargestellt 1942 auf dem klassischen Gemälde von Robert Lindneux.

1838 wurden die letzten indianischen Völker aus dem Osten der USA gewaltsam umgesiedelt. Der Maler Robert Lindneux, der 1942 das klassische Gemälde geschaffen hat, zeigt sie traurig, aber auch stolz und geordnet — wir müssen uns diesen Marsch weitaus gewaltsamer und opferreicher vorstellen. Auch die Osage, zu denen Robert Warrior gehört, wurden im Laufe der Geschichte immer weiter nach Osten verdrängt und schließlich durch die US-Regierung im 19. Jahrhundert in das sogenannte Indianerterritorium deportiert. Heute leben sie als anerkannte Minderheitennationen innerhalb der USA mit Autonomierechten. In den USA haben gerade auch christliche Gruppen begonnen, das Unrecht, das den Ureinwohnern angetan wurde, zu bedenken und zu bearbeiten.

1989 veröffentlichte Warrior den Aufsatz „Eine indigene amerikanische Perspektive: Kanaanäer, Cowboys und Indianer.“ Darin setzt er sich mit der Geschichte vom Auszug aus Ägypten auseinander, die in den Büchern Mose und im Josuabuch berichtet ist.

In der Geschichte der USA spielte die Erzählung vom Auszug aus Ägypten und vom Einzug in das Gelobte Land oft eine wichtige Rolle. Die afroamerikanischen Sklaven lasen die Geschichte, wie Mose zum Pharao geht und ihn im Namen Gottes auffordert, das versklavte Volk freizulassen. Sie identifizierten sich damit. Den europäischen Einwanderern hingegen kam Amerika wie das gelobte Land vor, das ihnen von Gott geschenkt war, und das sie in Gottes Auftrag und in seinem Namen in Besitz nehmen sollten für sich und ihre Nachkommen. Gibt es in diesem Geschehen einen Platz für die Ureinwohner Amerikas? Wo kämen sie in dieser Geschichte vor? Das ist die Frage, die Robert Warrior stellt.

Vielleicht noch eine Anmerkung zu den Bezeichnungen. Der Aufsatz von Warrior ist schon etwas älter und er benutzt das Wort „Indians“ selbstverständlich für die amerikanischen Ureinwohner, das wir mit „Indianer“ übersetzen. Aber auch bis heute ist der Begriff „American Indians“ unter den Osage und den anderen Nationen als kollektive Selbstbezeichnung gebräuchlich, vielleicht auch in Ermangelung eines überzeugenden anderen Wortes. So habe ich es dann auch in der Übersetzung so belassen, auch wenn es um die Begriffe „Indians“ und „Indianer“ heute Diskussionen und Zweifel gibt.

Das Audiomaterial aus dem Gottesdienst

Hier gibt es wieder die beiden Lesungen aus dem Gottesdienst zum Nachhören. Wie bei den vorangegangenen Gottesdiensten auch habe ich den Text von Warrior übersetzt und stark kürzen müssen für die gottesdienstliche Lesung. Der gesamte Text findet sich in dem Buch Voices from the Margin, herausgegeben von R.S. Sugirtharajah. Dieses Buch enthält mannigfaltige in Europa vorher unbekannte Auslegungen der Bibel aus der ganzen Welt und ist mittlerweile ein mehrfach aufgelegter Klassiker. Ich habe den Text übersetzt und bearbeitet, und Ulrike Rieger hat ihn durchgesehen für die Lesung. Die geschriebene Übersetzung kann ich hier nicht anbieten, weil sie nicht autorisiert ist, sondern nur für den gottesdienstlichen Zweck erfolgte.

Die alttestamentliche Lesung Neh 9,6-11.15, gelesen von Dr. Ulrike Rieger
„Kanaanäer, Cowboys und Indianer“, gelesen von Dr. Ulrike Rieger

Wie immer kann auf Anfrage der gesamte Gottesdienstmitschnitt zugänglich gemacht werden.

Nachgespräche und Nachgedanken

Der Kakaoschalentee, den ich im Bioladen besorgt hatte, um ein „original“ aztekisches Getränk anbieten zu können, hielt seine Versprechen nicht – er wurde sogar mit dem Kakao aus der DDR-Schulspeisung verglichen. (Schnitt allerdings bei dem Vergleich besser ab.)

Das Gespräch an den verschiedenen Tischen im Mutterhausgarten war umso intensiver. Was sollte man mit Robert Warriors Beitrag anfangen, der einen Frontalangriff auf die Auszug- und Landnahmegeschichten fährt?

Solange Menschen an den Gott der Befreiung glauben, wird die Welt nicht sicher sein vor dem Gott der Eroberung.

An mehr als einem Tisch habe ich gehört: „Das war starker Tobak!“ Aber bald kamen die Menschen im Mutterhausgarten ins Gespräch über Religionskriege und ethnische Säuberungen. Darüber, dass diese Wucht der gewaltsamen Eroberung und Ausrottung der Ureinwohner in der Bibel zu finden ist. Menschen stellen schon seit langem dazu Fragen oder wenden sich mit Grausen ab.

Ist Warriors Kritik „israelkritisch“ oder kann sie unter den Bann des Antisemitismus fallen? Auch diese Frage wurde gestellt. Die Palästinenser sind keine „Ureinwohner“, sondern selbst ein Volk im langen Strom der Völkerschaften, die im Nahen Osten gelebt haben und leben. Überhaupt geht Warriors Blick auf die Eroberungswut des Christentums, das sich weltweit von u. a. von den Landnahmegeschichten inspirieren ließ, Ureinwohner zu vertreiben und auszurotten.

Dennoch kann man, wenn man die Landnahmegeschichten auf eine bestimmte Weise liest, sich ermutigt fühlen, die Palästinenser aus Israel/Palästina zu vertreiben. Auch das Stichwort „Gaza“ fällt in Warriors Vortrag. Man muss ihn aber in einem größeren Zusammenhang lesen: Ein befreites Volk sucht eine neue Heimat und findet sie dort, wo bereits andere Menschen leben. Was passiert dann? Hängen Befreiung und Unterdrückung zusammen? Warum muss der, der gerade erst Befreiung erfahren hat, anderen seine Freiheit nehmen, um sich sicher zu fühlen? Viele Beispiele in der Geschichte ließen sich in unseren Gesprächen im Mutterhausgarten finden, in denen solches geschehen ist – bis hin zu den Wende-Erlebnissen in Ostdeutschland. Kann dieser Zusammenhang durchbrochen werden?

Robert Warrior, Quelle

Vielleicht, wenn sie sich treu bleiben, können Menschen erreichen, was Gottes erwähltes Volk in der Vergangenheit nicht erreicht hat: Eine Gesellschaft, in der Menschen von Unterdrückung befreit sind und nicht so ängstlich vor erneuter Unterdrückung sind, dass sie selbst Unterdrücker werden. Eine Gesellschaft, wo die ursprünglichen Einwohner etwas anderes sein können als Objekte der Bekehrung zu einem besseren Lebensstil, oder Feinde, die Kanonenfutter für den nationalen militärischen Stolz werden.

Warrior lehnt den biblischen Gott der Befreiung und Eroberung – fürs Erste? – ab, aber er hat einen konstruktiven Vorschlag zu machen, das soll nicht übersehen werden:

Was muss getan werden? Zuerst müssten die Kanaanäer in das Zentrum christlichen theologischen Nachdenkens und politischen Engagements gestellt werden. Sie sind die letzte Stimme im Text, die ungehört ist. Die Eroberungsgeschichten mit all ihrer Gewalt und Ungerechtigkeit müssen ernst genommen werden von jenen, die an den Gott des Alten Testaments glauben.

Die Bibel zu lesen aus der Perspektive derer, die normalerweise nicht im Mittelpunkt stehen. Wie haben die Kanaanäer den Einzug erlebt, die Menschen von Jericho das Fallen ihrer Mauer? Vielleicht ist das ein Thema für narrative Theologie und biblische Nacherzählungen.

Die ökumenische Bibelwoche beschäftigte sich im Jahrgang 2019/20 mit dem Buch Deuteronomium/5. Mose. Hier wurde von Dominik Markl in einer der Textmeditationen schon versucht, einen Abschnitt, der von der Ausrottung der Urbevölkerung handelt, neu und aus der Perspektive der Auszurottenden zu betrachten. Die Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit dieser Auslegung hat mich im letzten Jahr überrascht, als ich eine Predigt vorbereitete (die ich hier auch zur Verfügung stellt, siehe Download unten). Es besteht also Hoffnung.

Zu guter Letzt noch ein Versprechen für alle, denen der Tobak zu stark war: Wir haben noch drei Gottesdienste vor uns. Jeweils einmal Judentum, Hinduismus und Islam. Benno Jacob, Rammohan Roy und Sayed Ahmad Khan sind der Bibel gegenüber vollkommen positiv zugewandt.