Heiße Liebe im Advent

Predigt vom 2. Advent 2022 in Eisenach in der Nikolaikirche – Hoheslied 2,8-13

Liebe Gemeinde!

Weihnachten kommt heran, der zweite Advent ist heute. Wenn einem nichts weiter einfällt, dann sagt man: „Weihnachten ist das Fest der Liebe“, da kommt die ganze Familie zusammen, da gibt es Geschenke. Ganz dichte Weihnachtserinnerungen haben die meisten aus der Kindheit: Das Hinfiebern auf den 24. hin, die Adventskalender, hinter deren Türchen immer wieder etwas Neues steckt, und natürlich die Geschenke. Oft höre ich, dass die Weihnachtsgeschenke nur modernes Konsumdenken sind und dass die Kinder heute verdorben sind von den Geschenken — aber auch wenn ich alte Weihnachtsgeschichten von vor 100 Jahren oder aus dem 19. Jahrhundert lese, dann sind darin die Kinder immer gierig auf Geschenke.

Ja, ist denn Weihnachten nur ein Fest für die Kinder? Muss ich ein Kind sein, um die Vorfreude richtig zu spüren? Kann nur ein Kind solche Aufregung erfahren, wenn es „aufs Christkind wartet“? Bekommen wir als Erwachsene nur einen Abglanz von der Weihnachtsfreude, nämlich wenn wir die Kinder beobachten, wie sie sich freuen? Bleibt uns für unsere innere Herzenswärme nur die Weihnachtsgans?

Nein! Die Regisseure aus Hollywood und aus den Filmstudios dieser Welt haben seit einigen Jahren ein neues Genre entdeckt. Weihnachtsfilme sind nicht mehr nur Kinder- und Familienfilme, in denen man dicken roten Weihnachtsmännern begegnet. Es gibt jetzt auch romantische Weihnachtsfilme. Liebesfilme, in denen das Thema Weihnachten mit jungen Liebespaaren verknüpft wird. Sie treffen sich an Weihnachten, oder sie nähern sich einander an durch den Winter und kommen schließlich am Weihnachtsabend zum ersten Kuss unter dem Mistelzweig. Weihnachten wird so noch einmal auf andere Weise das „Fest der Liebe“, nämlich der Liebe zwischen Mann und Frau, zwischen erwachsenen Menschen. Drei Haselnüsse für Aschenbrödel hat das schon vorweg genommen: Obwohl es gar kein Weihnachtsfilm ist, reicht die romantische Schneekulisse, dass er immer wieder im Advent angeschaut wird. Und heute füllen sich die Fernsehprogramme eben mit noch mehr romantischen Weihnachts-Liebes-Filmen.

Gespannte Erwartung

Das kann man natürlich auch alles wieder kritisieren, aber lassen Sie uns mal nachdenken darüber, ob da nicht vielleicht ein Körnchen Wahrheit drinsteckt.

Vorhin habe ich gefragt, ob man ein Kind sein muss, um Vorfreude richtig spüren zu können, bis ins tiefste Innerste. Nein, es gibt noch eine Situation, in der das Herz hüpft und zerspringen möchte. Ein Gefühl tiefsten Sehnens, ein Zählen der Tage bis zur Erfüllung — und das ist der Status der Verliebtheit. Der kann Alt und Jung überfallen und bedeutet stärkste Sehnsucht und heißestes Begehren, selbst wenn man noch gar nicht weiß, wie sich dieses Begehren erfüllen wird. Ein Paar hat sich zusammengefunden, sie sind sich einig, aber ach, sie wohnen weit voneinander und sie zählen die Tage bis zum Wochenende, bis sie sich wieder sehen.

Sie fragen sich vielleicht, warum ich Ihnen das alles erzähle. Wir haben heute einen Predigttext, der die gespannte und heiße Liebe eines jungen Paares besingt. Das Hohelied, so heißt das Buch der Bibel, ist ein Liebeslied. Vor allem eine Frau, ihr Name ist Sulamit, singt, und sie sehnt sich nach dem Treffen mit ihrem Geliebten. Etliche Szenen werden in poetischer Sprache beschrieben, wie sie sich suchen, sich verpassen, wie sie sich finden, liebkosen, gestört werden, umeinander werben.

Wie wäre das, einmal den Advent aus dieser Perspektive zu erleben? Wenn der Christus kommt, kann er ein ersehnter Geliebter sein? Hören wir, wie Sulamit flüstert mit ihren Freundinnen! Sie sitzt in ihrem Haus und lugt aus dem Fenster, ihr Herz klopft, als sie sich von ihm betrachtet fühlt.

Horch! Mein Geliebter! / Sieh da, er kommt. Er springt über die Berge, / hüpft über die Hügel. / Der Gazelle gleicht mein Geliebter, / dem jungen Hirsch. / Sieh da, / er steht hinter unserer Mauer, / er blickt durch die Fenster, / späht durch die Gitter.

Hoheslied 2,8-9, Einheitsübersetzung 2016

Aber der Geliebte bleibt nicht still am Fenster. Es ist keine biblische Version von „Horch, was kommt draußen rein“, in der gesungen wird: „geht vorbei und schaut nicht rein“, sondern er macht sich bemerkbar. Er möchte die geliebte Sulamit herauslocken, und sie hört gespannt seine Stimme und berichtet, was er sagt:

Mein Geliebter hebt an und spricht zu mir: / „Steh auf, meine Freundin, / meine Schöne, so komm doch! / Denn vorbei ist der Winter, / verrauscht der Regen. / Die Blumen erscheinen im Land, / die Zeit zum Singen ist da. / Die Stimme der Turteltaube / ist zu hören in unserem Land. / Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte, / die blühenden Reben duften. / Steh auf, meine Freundin, / meine Schöne, so komm doch!“

Hoheslied 2,10-13

Frühlingsliebe im Advent

Frühling, mitten im Advent? Die Schneeflocken fallen, und ich höre, dass der Winter vorbei ist, dass die Blumen blühen, dass die Vögel zurückkommen und die Tauben turteln? Kann ich mich in den Frühling, in den Liebesfrühling und die Frühlingsliebe in dieser Jahreszeit hineinversetzen? Aber da fallen mir so viele Lieder ein, die genau diese Saite anklingen lassen: „Wachet auf, ruft uns die Stimme — Wohlauf, der Bräutgam kommt!“ oder: „Es ist ein Ros‘ entsprungen, aus einer Wurzel zart, und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter“ oder: „Tochter Zion, freue dich!“

Mitten im kalten Winter kommt der Frühling. So was Verrücktes. Es ist der Liebesfrühling der rosaroten Brillen. Stellen Sie sich bildlich vor, wie Sulamit an ihrem Fenster sitzt und den Geliebten beobachtet. Er hüpft wie eine Gazelle über die Hügel. Das ist ein Bild zum Lachen und vollkommen närrisch, ein Bild für Verliebte, die nichts Anderes im Kopf haben. Total verknallt ist Sulamit, und ihr Liebster ist ja ganz ähnlich drauf. Er will sie unbedingt sehen und treffen und aus dem Haus locken. Weil es Gedichte sind, sind die Zusammenhänge manchmal ganz verschwommen und poetisch weichgezeichnet. Ist es verbotene Liebe? Müssen sie sich heimlich treffen? Auf jeden Fall suchen sie die Nacht und die Verborgenheit für ihr verliebtes Treiben, die Felder und Wälder, wo niemand sie beobachtet.

Ist das zu gewagt, diese Geschichte im Advent? Kann man die Liebesgeschichte von Sulamit und ihrem Herzenskönig in einen Zusammenhang setzen zur Erwartung auf den Heiland der Welt?

Nun, immer wieder wurde gefragt, was diese Liebesgedichte überhaupt in der Bibel zu suchen hätten mit ihrem Herzklopfen und ihrer versteckten und auch deutlichen Erotik. Und immer wieder haben Menschen ganz starke religiöse Gefühle beim Lesen und Forschen in diesen Gedichten empfunden. Die großen Mystikerinnen und Mystiker des Mittelalters haben sich in Sulamit wiedergefunden, weil sie solche Liebe für Christus empfunden haben, peinvolle, närrische, kaum stillbare Liebe zu Gott.

Gott als Geliebter?

Und so möchte ich das mal in diesem Advent vorschlagen, anhand dieses Bibeltextes. Wir kennen Gott als König, wir kennen ihn als Vater, wir kennen sie auch als Mutter. Als Kind in der Krippe, Christus als Bruder. Das Bild von Gott als Geliebtem, als sehnsüchtig Erwartetem, ist uns verloren gegangen. In etlichen Bachkantaten kommt es noch vor, damals gab es das noch.

Aber heute? Heute nutzen wir manchmal Bilder, die uns gar nichts mehr sagen. Wir singen im Advent, dass „ein König aller Königreich“ kommt, aber wir wissen ja eigentlich gar nicht mehr, was ein König eigentlich ist. Wir haben seit 100 Jahren keine Könige und Kaiser mehr in Deutschland, und vor kurzem ist Elisabeth II. gestorben, und sie wurde vor allem deshalb gerühmt, weil sie in 70 Jahren Regentschaft keine einzige politische Aussage oder Handlung vorgenommen hat. Wir wissen gar nicht mehr, was ein König eigentlich ist. Aber was Liebe ist, das wissen wir. Sie wird besungen in unserer Gesellschaft überall. Unsere Lieder und Geschichten, Filme und Bücher, sie besingen die Liebe.

Auch die Bibel ist voll von dieser Bilderwelt der Liebe: Gott als geliebter Mann, Israel ist seine Braut, seine Frau, es wird berichtet, wie die Liebe erkaltet und wieder neu aufflammt, wie die Geliebten sich suchen, sich nach einander sehnen. Das ist eine Bilderwelt, die auch für uns moderne Menschen zugänglich ist: Die Liebe zu Gott kann heiß sein, sie kann aber auch erkalten, kann durch eine raue Phase gehen, durch Trennung und Wiedervereinigung. Bei diesen biblischen Bildern liegt eine besondere Spannung darin, dass wir alle eingeladen sind, uns mit der Frau zu identifizieren, mit der Braut. Was bedeutet das für mich? Damit bin ich selbst noch nicht ganz fertig, muss ich zugeben.

Und so ist Advent die Zeit der Erwartung und der Sehnsucht nach dem Geliebten. Wir können in die Rolle Sulamits schlüpfen und uns locken lassen durch das Flüstern, das durch die Wand dringt, hinter der der geliebte Gott verborgen ist. Ein bisschen sehen wir von ihm. Wenn wir still sind, hören wir seine Stimme. Dass Gott die Liebe ist und so in Liebe zu seiner Menschheit brennt, dass er solche verrückten Dinge macht, dass er in seinem Sohn in unsere Welt kommt. Dass er uns herauslocken will aus unserem menschlichen Schneckenhaus, in das wir uns verkrochen haben, weil wir zornig sind auf diese Welt und auf Gott. Weil wir uns fürchten. Weil wir unser Herz sorgsam hüten, dass es nicht außer Kontrolle gerate.

Ja, es ist überlegenswert. Im Advent gibt es nicht nur die Türchen des Adventskalenders, hinter denen Schokolade für die Kinder steckt. Und es gibt nicht nur die verschlossene Tür am Bescherungszimmer, hinter der der Christbaum mit den Geschenken steht. Es könnte auch das Fenster in Sulamits Haus geben, an dem der verliebte Gott steht, und Sulamits Herz klopft vor Vorfreude, dass endlich Weihnachten kommt, die Vereinigung von Gott und Mensch. Weihnachten nicht mit roter Zipfelmütze, sondern mit rosaroter Brille.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsre Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Das Beitragstitelbild mit den Rosen ist von Van3ssa 🩺 Zheki 🙏 Dany 🎹 auf Pixabay

Martin und Martin halten zusammen – durch Krieg und Frieden

Die Friedensdekade wurde in unseren Eisenacher Kirchen begangen mit mehreren Veranstaltungen und Gottesdiensten. Zum ersten Gottesdienst zum Beginn der Dekade hatte ich die besondere Gelegenheit, einen Briefwechsel zwischen Martin Luther und Martin von Tours zu ermöglichen. Die beiden treten in Eisenach für gewöhnlich am ökumenischen Martinstag auf, aber in der Nikolaikirche haben sie sich für die Friedensdekade auf eine Diskussion über Krieg und Frieden eingelassen. Ich habe sie befragt, wie sie angesichts des Ukraine-Krieges urteilen würden über die Frage der Unterstützung der Ukraine und die Frage der Waffenlieferungen.

— — —

Martin und Martin – ein Briefwechsel zum 11. November

Liebe Gemeinde!

Mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine begannen sofort Streitigkeiten unter den Christinnen und Christen in Deutschland. Wie soll man sich verhalten angesichts dieses Krieges?

Ich habe heute zwei Personen der Kirchengeschichte eingeladen und sie gebeten, einen Briefwechsel zu führen. Martin von Tour, der Heilige des 4. Jahrhunderts, der aus Überzeugung sein Schwert niedergelegt hat, um ein Christ zu werden, und Martin Luther, der im Tumult und in den Religionskriegen des 16. Jahrhunderts immer wieder erfahren hat, dass auch die Reformation damals bewaffnet sein musste, um sich verteidigen zu können. Können sie uns heute etwas sagen?

Und nun darf in Eisenach Martin Luther den Anfang machen.

— — —

Lieber Martin!

Sie sagen, dass ein Land das andere überfallen hat. Das gab es zu meiner Zeit immerzu. Daraus kann nichts Gutes werden. Wer Krieg anfängt, der ist im Unrecht. Und es ist billig, dass derjenige geschlagen oder doch zuletzt bestraft werde, der zuerst das Messer zückt. Ich kann etliche Geschichten erzählen, in denen einer den Krieg angefangen hat und mit Gottes Hilfe am Ende geschlagen wurde.

Die Menschen des 21. Jahrhunderts, im Jahr des Herrn 2022, sehnen sich nach Frieden. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es noch so lange dauern würde, bis der Herr kommt und dem Krieg endlich ein Ende macht. Noch 500 Jahre nach meiner Bibelübersetzung streiten sie sich herum und bekriegen sich. Und wie wollen sie den Krieg beenden? Sie rufen nach der Tradition! Die Alten sollen es regeln. Wohlan, Martin. Da wollen wir ihnen mal einen Rat geben, der sich gewaschen hat.

Sie sagen, dass sie nicht wissen, ob sich ein Land mit Waffen gegen den Angreifer wehren darf. Ob es nicht gegen das Gebot unseres Herrn Jesus Christus ist, dass ein Christ eine Waffe führe wider den Feind. Oder dass ein Christ einem Glaubensbruder oder einer Glaubensschwester eine Waffe gebe, dass sie sich verteidigen mag.

Da antworte ich frei: Es ist viel besser, wenn Christen die Waffen führen als dass es böse und wilde Menschen sind! Es muss eine Ordnung geben auf dieser Erde. Das hat Gott so gewollt. Und weil diese Welt voller böser Teufel ist, geht es nicht ohne Strafe und Gewalt ab. Der Staat muss die Menschen, die ihm untertan und anvertraut sind, beschützen, und dafür muss er das Schwert führen. Gute Worte reichen da nicht. Wenn ich alle Wölfe und Schafe in einen Stall sperre und zu ihnen sage, die sollten Frieden halten, dann würden die Schafe wohl Frieden halten, aber sie würden nicht lange leben.

Wir brauchen also Staatsgewalt, Polizei, Gerichte und Gefängnisse, um der Bösen zu wehren. Und so braucht es auch Soldaten und Kriegsknechte, die das Land vor bösen Angreifern beschützen. Und wenn ein Christ daran teilnimmt, versündigt er sich nicht, sondern er führt Gottes Auftrag aus. Was ist ein solcher Krieg zur Verteidigung und zur Abwehr eines Angreifers anderes, als Unrecht und Böses zu strafen? Warum führt man einen solchen Verteidigungskrieg außer darum, dass man Frieden haben will?

Also, das angegriffene Land soll sich verteidigen und mit Wehr und Waffen soll man ihm beistehen.

Damit habe ich alles gut erklärt. Oder, was meinst Du, Martin?

Dein Martin Luther.

— — —

Lieber Martin!

Die Frage der Menschen aus dem 21. Jahrhundert hat auch mich erreicht. Du bist 500 Jahre von ihnen entfernt, ich bald 1700 Jahre. Und dennoch wollen wir uns alle auf Christus besinnen, und auf sein Gebot. Er, der niemals ein Schwert getragen hat, er, der niemals dem Bösen widerstrebt hat, der uns aufgerufen hat, die andere Wange hinzuhalten, der gekreuzigt wurde, ohne sich zu wehren, obwohl er Legionen von Engeln zu seiner Verteidigung hätte rufen können, er kann uns nicht beauftragt haben, ein Schwert oder irgend eine andere Waffe zu führen.

Ich will Dir sagen, lieber Martin, dass ich selbst ja ein Soldat gewesen bin. Wir heißen beide „Martin“. Dieser unser gemeinsamer Name bedeutet nichts anderes, als dass wir dem Mars, dem Kriegsgott geweiht sind. Mein Vater hatte es schon im Sinn, als ich geboren wurde, dass ich ein Soldat werden sollte. Und ich habe viele Jahre mit Waffen gedient, bis mir Christus begegnet ist. Du magst die Heiligengeschichten nicht, das weiß ich, aber jeder kennt meine Geschichte trotzdem. Dem Bettler habe ich meinen halben Mantel geschenkt — der war teuer — und dann im Traum ist mir Christus erschienen, als Bettler mit dem halben Mantel. Da bin ich Christ geworden und habe mich taufen lassen.

Das nächste was ich dann tat, war, dass ich das Schwert niederlegte. Ich war ein tüchtiger Soldat gewesen vorher, und viele hatte ich mit der Schärfe meines Schwertes erschlagen. Da rief mich der Kaiser, als er hörte, dass ich den Dienst quittieren wollte. Er wollte mich nicht gehen lassen und gab gute Worte, fragte nach meinen Gründen. Da sagte ich ihm: „Bis heute habe ich dir gedient, Herr, jetzt will ich meinem Gott dienen und den Schwachen. Ich will nicht mehr länger kämpfen und töten. Hiermit gebe ich dir mein Schwert zurück. Wenn du meinst, ich sei ein Feigling, so will ich morgen ohne Waffen auf den Feind zugehen.“ Da ließ er mich in den Kerker werfen, und erst als er sah, dass ich meine Meinung nicht ändern wollte, ließ er mich gehen.

Unsere römische Armee, sie war die mächtigste der Welt. Niemand konnte ihr widerstehen. Blut hat sie vergossen von einem Ende der Erde zum anderen. Friedliebende Völker haben wir unter falschen Vorwänden überfallen, und als ob das nicht genug wäre, haben die Kaiser untereinander Kriege geführt, und in Friedenszeiten haben wir die unterworfenen Völker niedergehalten. Daran konnte ich nicht mehr teilnehmen. Ein Christ darf keine Waffe tragen, davon bin ich überzeugt.

Du, lieber Martin, hast die Kirche reformiert, und ich wäre an Deiner Seite gewesen, denn auch ich wollte in meiner Zeit, dass die Kirche wieder das einfache Wort Gottes für die einfachen Menschen predigt. Aber vom Krieg und vom Schwert hast Du keine Ahnung. Du hast all das Blut nicht gesehen, das ich gesehen habe, die Schreie der Verwundeten und ihr Stöhnen. Du warst in Sicherheit auf der Wartburg und in der Universität zu Wittenberg!

Aber, sag mir doch, was siehst Du in der Bibel? Sie ist Dir wichtig gewesen. Du hast auf die Bibel getraut, und darauf, dass sie uns Rat und Hilfe geben kann in unseren Streitfällen, und stets trägst Du sie bei Dir. Kannst Du widerlegen, dass Christus der König des Friedens ist? Kannst Du finden, dass der Christ ein Schwert tragen soll?

Dein Martin von Tours.

— — —

Lieber Martin!

Freilich, das will ich gleich zugestehen und Dir versichern: Christus ist der König des Friedens. Ich kenne auch Deine Geschichte, denn sie wurde ja weiter erzählt. Du vergisst, dass Du ein Soldat im Reich der Römer gewesen bist. Da hast Du unter heidnischen Kaisern gedient, die Gottes Recht nicht kannten und böse Kriege geführt haben, um Menschen und Völker zu unterjochen.

Du hast recht darin getan, dass Du unter diesen Umständen den Militärdienst aufgegeben hast. Kein Christ soll Soldat sein in einem ungerechten Krieg. Er soll den Kriegsdienst verweigern und sich lieber einsperren lassen, als dass er die Waffen gegen das Recht erhebt. Wenn er sicher ist, dass sein Fürst einen Angriffskrieg führt, muss er Nein sagen.

Aber Du fragst nach der Bibel, und ich will Dir Rede und Antwort stehen. Schon Vater Abraham hat Krieg geführt gegen Könige. Dann, als die Kinder Israel das heilige Land eroberten, da kämpften sie und töteten viele Feinde. Nur wenn sie im Übermut unschuldige Städte angriffen, wurden sie zurückgeschlagen. Josua diente Gott, indem er das Heer der Israeliten führte.

Aber auch im Neuen Testament unseres Herrn Jesus Christus wird der Kriegsdienst nicht verurteilt. Als die Soldaten zu Johannes dem Täufer kamen und Buße tun wollten, was sagte er ihnen? Es steht geschrieben: „Und es fragten ihn auch Soldaten: Was sollen wir denn tun? Und ihnen sagte er: Misshandelt niemanden, erpresst niemanden und begnügt euch mit eurem Sold.“ Er hat ihnen nicht gesagt, dass sie das Schwert niederlegen sollen und den Dienst aufgeben! Und dann hat er sie getauft, obwohl sie Soldaten waren. Christus hat auch dem Hauptmann von Kapernaum nicht geboten, den Militärdienst aufzugeben, sondern er hat seinen Knecht geheilt, ohne etwas von ihm zu verlangen und hat seinen Glauben gelobt. Damit spricht doch die Heilige Schrift genug klare Aussagen darüber, ob ein Christ Soldat sein könne.

Christus ist dennoch der Fürst des Friedens. So ist auch die Aufgabe der Kirche und ihre Botschaft der Friede. Die Kirche muss zum Frieden mahnen. Sie muss, wenn ein Land das andere überfällt, die Wahrheit bezeugen und die Ungerechtigkeit anprangern. Es kann aber nicht ihre Aufgabe sein, die Überfallenen zur Wehrlosigkeit aufzurufen, denn sonst wäre dem Bösen bald keine Grenze mehr gesetzt. Der Angreifer muss damit rechnen, dass er auf Gegenwehr trifft, sonst wird er ein Land nach dem anderen überfallen.

Was sagst Du, lieber Martin?

Dein Martin Luther.

— — —

Lieber Martin!

Ich habe Deine Nachricht gelesen und viel darüber nachgedacht. Du weißt die Geschichten aus der Bibel, in denen das Volk Gottes Krieg geführt hat, und kennst auch, was der Täufer den Soldaten gesagt hat. Das wurde zu meiner Zeit auch bedacht. Aber bedenke: Als die Jünger mit dem Heiland im Garten Getsemane gewesen sind, und als Petrus das Schwert zog, um sich gegen die ungerechte Festnahme zur Wehr zu setzen — was hat Christus getan? Er hat dem Petrus das Schwert aus der Hand genommen. Und so hat er auch der Kirche und allen Soldaten, die zur Kirche gehören wollen, das Schwert abgeschnallt und sie entwaffnet.

Du hast vom römischen Heer geschrieben, in dem ich gedient habe. Weißt Du, warum wir in der alten Kirche den Kriegsdienst in diesem Heer so verabscheut haben? Weil es eigentlich ein Götzendienst gewesen ist. Die Soldaten beten die Feldzeichen an, jede Abteilung opfert dem Kriegsgott Mars, bevor sie ins Feld zieht. Sie verehren die Kaiser, die sie von Schlachtfeld zu Schlachtfeld führen. Die Waffen sind ihnen heiliger als alles andere. So war zu meiner Zeit der Kriegsdienst ein heidnisches gottloses System, und der Krieg und die Waffen waren die Mittel, mit denen alle Probleme gelöst werden sollten. Das ist der offene Götzendienst.

Wenn die Menschen aus dem 21. Jahrhundert von ihrem Problem mit dem neuen Krieg berichten, dann merke ich, dass die Technik um vieles fortentwickelt ist. Sie haben höllische Waffen, die ich mir gar nicht vorstellen kann. Waffen, die aus der Ferne ganze Städte vernichten können. Beide Seiten, die kämpfen, haben einzig und allein Vertrauen auf die Stärke dieser Waffen. Von ihnen erhoffen sie alle Lösung und alles Heil. Du willst den Angreifer und den Verteidiger unterscheiden — aber sie scheinen mir beide von der Anbetung ihrer Feldzeichen und ihrer Waffengewalt ähnlich besessen wie wir damals in der römischen Armee!

Ich kann mir nicht vorstellen, auf Gott und auf die Waffen gleichermaßen zu vertrauen. Ein Christ kann nur einem Herrn dienen! Es gibt nur ein Evangelium, und Jesus ist einer und derselbe. Wer den Waffen dient, kann den Frieden Christi nicht erlangen.

Bedenke auch das, lieber Martin!

Dein Martin von Tours.

— — —

Lieber Martin!

So will ich Dir noch einmal antworten. Als Christus den Petrus entwaffnet hat, da hat er ihm nur Einhalt geboten in einem Kampf gegen den Willen seines Vaters. Christus war es ja vorherbestimmt, verhaftet und zur Kreuzigung geführt zu werden. Und Christus wird wieder kommen und den endgültigen Frieden bringen, davon sind wir überzeugt und darauf hoffen wir. Aber bis dahin müssen wir in dieser Welt leben und auskommen. Und wir müssen auch mit dem Bösen leben und es in die Schranken weisen.

Aber lass mich noch einmal Rat bei unserm Herrn Jesus Christus suchen. Er hat uns das Gleichnis geschenkt vom barmherzigen Samariter. Ein Reisender fällt unter die Räuber, die nehmen ihm alles ab und schlagen ihn halb tot. Da kommt der Priester und der Levit, und die helfen dem Verwundeten nicht. Schließlich kommt der Samariter und nimmt ihn mit und sorgt für ihn.

Was wäre gewesen, wenn die drei Männer eine Stunde vorher an jener Stelle vorbei gekommen wären, nämlich zu jenem Zeitpunkt, an dem die Räuber gerade ihr Opfer überfallen? Dass der Priester und der Levit nicht geholfen hätten, das ist wohl klar. Aber hätte der Samariter auch still und fein gewartet, bis die Räuber fertig sind und wäre erst dann gekommen, um den Verwundeten zu retten? Oder hätte er nicht aus Nächstenliebe schon eingreifen und der Räuber wehren müssen? Natürlich hätte er das! Hier ist der Kampf gegen die Räuber Nächstenliebe. So auch, wenn große Räuberbanden oder ganze räuberische Heere kommen.

Aber was Du schreibst von den Waffen und dem Vertrauen auf die Gewalt der Waffen und ihre Macht, das muss ich doch bedenken. Wenn einer den anderen überfällt und der Überfallene sich wehrt, so soll es doch niemals so sein, dass der Überfallene an diesem Kämpfen eine solche Lust empfindet, dass er nicht mehr aufhören mag!

Wer seinen Nachbarn angreift, der hat Lust auf Krieg. Und solche Kriegslust ist vom Teufel. Wer sich wehren will, der soll es tun, aber er soll immer im Kopf behalten, dass er nur einen Krieg aus lauter Not führt, und dass er diesen Krieg sofort beenden muss, wenn sich ein anderer Weg auftut. Der Angriffskrieg und der Verteidigungskrieg, sie sind beide böse. Das dürfen wir nicht vergessen. Kein Krieg darf Begeisterung wecken. Auch zur Verteidigung mit Waffengewalt darf ein Fürst erst schreiten, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind.

Da stimme ich Dir völlig zu.

Es grüßt Dich
Dein Martin Luther.

— — —

Lieber Martin!

So will auch ich Dir noch einmal antworten. Nach wie vor glaube ich nicht, dass ein Christ sich an kriegerischen Händeln beteiligen darf. Das ist auch keine Feigheit — denn wie ich schon dem Kaiser sagte: Ich lege die Waffen ab, aber ich kann ganz ohne Waffen auf den Feind zugehen und mein Leben hingeben für den Frieden Christi.

Wir sind verschieden und kommen aus verschiedenen Zeiten. Die Menschen aus dem 21. Jahrhundert haben uns gerufen, dass wir ihnen Rat geben. Ich weiß nicht, ob wir ihnen in ihrer Zeit helfen konnten, und was sie nun tun wollen. Aber vielleicht haben wir schon durch unser bloßes Beispiel geholfen, dass wir beide so unterschiedlich denken und dennoch ein und denselben Christus ehren und auch einander ehren wollen um Christi willen und um seines Friedens willen.

Du sagst, dass die Welt voll Teufel ist — es sind Teufel, die uns arme Menschen die Welt nicht richtig beurteilen lassen. So müssen wir nach unserem Gewissen denken und handeln, ein jeder für sich und einander nie aus dem Gespräch verlieren. So wollen wir sie darum bitten, dass auch sie zusammen halten als Christenmenschen, dass sie Brüder und Schwestern bleiben. — Denn wenn sogar in einem Land, in dem kein Krieg geführt wird, die Christenmenschen übereinander herfallen, weil sie über einen Krieg uneins sind, wie sollen da erst die Frieden finden, die wirklich Krieg mit Waffen führen?

So wollen wir beten und gemeinsam Gott bitten um das, was nottut. Dass der Angreifer von seinem Krieg ablasse und sich zurückziehe, und dass der Verteidiger keine Lust am Krieg und an den Waffen bekomme und in ihnen sein einziges Heil sehe.

So gehab dich wohl und bleibe behütet, lieber Martin.

Dein Martin von Tours.

— — —

Die Texte sind geformt nach den Gedanken Martin Luthers in seiner Schrift Ob Kriegsleute auch in Seligem Stande sein können (1526) und aus den allgemeinen Positionen, die in alten Kirche zur Zeit Martins von Tours vertreten wurden, und von denen ich annehmen konnte, dass Martin sie anhand seiner Biografie auch vertreten haben könnte – eine gute Quelle war mir Die Stellung der Alten Kirche zu Kriegsdienst und Krieg von Wilhelm Geerlings, in: Osnabrücker Jahrbuch Frieden und Wissenschaft IV/1997, Osnabrück 1997.

Bildnachweis: Ausschnitte aus zwei Bildern: Martin Luther 1528, aus Lucas Cranachs Werkstatt, Sammlung Lutherhaus Wittenberg, gemeinfrei. Martin von Tours in der Kirche Veules-les-Roses, 16. Jahrhundert, unbekannter Künstler, fotografiert von Sebastian Sigler, CC BY-SA 3.0 de, Wikipedia.

Was denkt eigentlich ein richtiger Atheist?

Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Ich muss vorausschicken, dass ich dieses Buch wohl nicht aus eigenem Antrieb gelesen hätte. In den Medien war damals, als es herauskam, vor allem das Urteil vorherrschend, es sei ein grobschlächtiges Werk eines kämpferischen Atheisten. Schon der Titel Gotteswahn – im Original God Delusion – zeigt ja an, dass Religion und Glaube an Gott durch den Autor von vorneherein abgelehnt werden. Hans Küng – als Gegenbeispiel – hat in seinem Buch Existiert Gott? zumindest im Titel angezeigt, dass er die Frage nicht von vorneherein für beantwortet hielt. Das ist Dawkins‘ Sache nicht.

Also: Ein Freund hat mir das Buch geliehen, und so sah ich mich aufgefordert, mich durchzuarbeiten. 575 Seiten. Schon auf dem Titel steht: „Ich bin ein Gegner der Religion. Sie lehrt uns damit zufrieden zu sein, dass wir die Welt nicht verstehen.“

Dawkins ist Evolutionsbiologe. Seine früheren Bücher beschäftigen sich mit diesem Thema, und er scheint ein Talent zu haben, auch komplizierte Materie aus seinem Fachbereich für ein größeres Publikum aufzubereiten. Douglas Adams, den ich in meiner Jugend verehrt habe – Per Anhalter durch die Galaxis -, ist einst durch Dawkins‘ Bücher zum atheistischen Glauben gekommen. Das hat Adams‘ Werk aus meiner Sicht nicht gut getan – aber dazu vielleicht später einmal.

Dawkins‘ Buch vom Gotteswahn ist vieles. Es ist eine Argumentation, Missionsschrift, Verteidigungsschrift, Bericht über Erfahrungen und Erlebnisse, auch über Anfeindungen aus dem gottgläubigen Lager. Es ist einigermaßen systematisch aufgebaut, aber immer wieder erlaubt er sich Abschweifungen, wenn ihn seine Leidenschaft in eine Richtung treibt.

Welchen Gott meint er überhaupt?

Auf den ersten hundert Seiten schärft er zunächst sein Ziel. Wenn er den Glauben an Gott bekämpfen will, dann meint er damit den Gott des Theismus. Also den aktiv eingreifenden Gott, der die Welt geschaffen hat, der in Geschichte und Leben der Menschheit handelt, der Gebete erhört und beantwortet, der zu Menschen spricht. Diese Gottesvorstellung ist das Ziel seines Angriffs. Wenn er von „Religion“ spricht, dann meint er genau eine solche Gottesvorstellung. Dass es auch Religionen und auch christliche Gottesbilder gibt, die Gott auf andere Weise beschreiben – z. B. als unerklärbaren Urgrund des Seins, als „Geheimnis der Welt“, als in und mit der Welt verflochtenen Gott, weiß er, aber das schiebt er beiseite.

Im dritten Kapitel ab Seite 108 arbeitet Dawkins die klassischen „Gottesbeweise“ ab. Das macht er sehr schnell und er spart auch nicht mit Spott, wenn er Anselms onthologischen Gottesbeweis und die Argumente von Thomas von Aquin und anderen abräumt. Zu kritisieren ist an diesem Vorgehen, dass er hier an mittelalterliche Denker mit dem Weltbild von heute herangeht. Der onthologische Gottesbeweis funktioniert nur in einem platonischen Weltbild. Deshalb war er im Mittelalter überzeugend. Weil wir dieses Weltbild nicht mehr haben, erscheint Anselms Argumentation heute skurril und absurd. Allerdings lässt er durchblicken, dass genau diese Gottesbeweise, die heute nicht mehr funktionieren, oft in Zuschriften an ihn herangetragen werden.

Die Existenz Gottes als wissenschaftliche „Hypothese“

Ein stärkeres Kapitel ist das vierte mit dem Titel Warum es mit ziemlicher Sicherheit keinen Gott gibt. Wir kommen hier ganz eng an Dawkins‘ Denken als Naturwissenschaftler heran.

Autor Richard Dawkins und Ariane Sherine, die die atheistische Buskampagne in England initiiert hat.
Foto von Zoe Margolis – Atheist Bus Campaign Launch, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5802679

Dawkins macht sich in diesem Kapitel viele Gedanken über Wahrscheinlichkeiten. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Welt so entstanden ist, wie sie ist? Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Gott dahinter steckt? Kann man diese Wahrscheinlichkeiten beziffern oder messen?

Als atheistischer Evolutionsbiologe hat er offensichtlich tonnenweise Briefe und auch Bücher geschickt bekommen, die ihm zeigen sollen, dass so etwas Komplexes wie die Schöpfung niemals „durch Zufall“ entstanden sein kann. Evangelikale Kreise und Sondergemeinschaften wie Jehovas Zeugen sammeln, seit die Evolutionstheorie auf dem Markt ist, „Wunder der Schöpfung“, die so unwahrscheinlich komplex sind, dass ihrer Meinung nach ein gestaltender Geist und Schöpfer dahinter stecken muss. Dawkins zählt etliche solche Beispiele auf, vom Gießkannenschwamm über den Mammutbaum bis zum Geißeltierchen und dem menschlichen Immunsystem. Er wehrt sich dagegen, dass Darwinismus bedeute, das sei alles „durch Zufall“ entstanden. Der Schlüssel ist die „natürliche Selektion“. Hier wird es deutlich, dass Dawkins sich ein Weltbild und eine besondere Brille auf die Wirklichkeit zugelegt hat, das für ihn den Zweck einer Religion vollkommen erfüllt. Er beschreibt immer wieder seine „Bewusstseinserweiterung“:

Indes, wer so denkt, hat sein Bewusstsein noch nicht durch Gedanken an die natürliche Selektion erweitert.

S. 207

oder hier:

In meinen Augen ist [das anthropische Prinzip nach Susskind] von großer Schönheit – was ich vielleicht nur deshalb erkennen kann, weil mein Bewusstsein durch Darwin erweitert wurde.

Anmerkung S. 204

„Bewusstseinserweiterung“ ist zumindest im Deutschen ein Terminus, den man nur im Religiösen oder im Zusammenhang mit entsprechenden Drogen findet. Dawkins behauptet, dass er durch Darwin ein besonderes Bewusstsein erlangt hat, das es ihm erlaubt, Dinge besser zu erkennen als andere Menschen. Besser als religiöse Menschen sowieso, aber auch besser als Naturwissenschaftler anderer Fächer. (Im konkreten Beispiel mischt er sich in eine Diskussion unter Astrophysikern aus darwinistischer Sicht ein.)

Was kann er nun mit seinem erweiterten Bewusstsein erkennen?

Wenn ihm vorgehalten wird, dass irgendein Tier so komplex ist, dass diese Komplexität nur durch einen Schöpfer erklärt werden kann, dann fragt er einfach zurück, wie wahrscheinlich es denn ist, dass es einen Schöpfer gibt, der noch viel komplexer ist als dieses Tier. Komplexität kann aus seiner Sicht nicht mit mehr Komplexität erklärt werden!

Die ganze Argumentation dreht sich um eine berühmte Frage, auf die fast jeder denkende Mensch von selbst kommt: Wer hat Gott erschaffen? Strukturierte Komplexität ist mit einem gestaltenden Gott nicht zu erklären, denn jeder Gott, der etwas gestaltet, müsste selbst so komplex sein, dass er für sich selbst wiederum die gleiche Erklärung verlangt. Gott stellt eine unendliche Regression dar und kann uns nicht helfen, daraus zu entkommen.

S. 154

Die Vorstellung, der ursprüngliche Beweger sei so kompliziert gewesen, dass er intelligente Gestaltung vollbringen konnte – ganz zu schweigen vom gleichzeitigen Gedankenlesen bei Millionen Menschen -, ist gleichbedeutend mit der Idee, man würde sich selbst beim Bridge ein perfektes Blatt geben.

S. 218

Die Welt – und das ist natürlich Darwin in Reinkultur – muss auf einfache Weise anfangen und dann immer komplexer werden. Ich kann aus dieser Sicht niemals etwas so Komplexes wie einen Gott an den Anfang setzen, ohne noch mehr Probleme zu erzeugen. Wenn ich etwas Komplexes absolut setze und dabei behaupte, dass die Frage, wie es entstanden sein könnte, nicht beantwortbar ist, dann kommt das einem Denkverbot gleich.

So legt er einem imaginären Kreationisten in den Mund:

Wenn ihr nicht versteht, wie etwas funktioniert – macht euch nichts draus. Gebt einfach auf und sagt, dass Gott es gemacht hat. … Bitte arbeitet nicht weiter an solchen Fragen! Gebt einfach auf und beruft euch auf Gott! Lieber Wissenschaftler, steck bitte keine Arbeit in deine Fragestellungen! Gib uns einfach deine Rätsel, die können wir gut gebrauchen. Verspiel nicht dein kostbares Unwissen, indem du es durch Forschung verminderst. Wir brauchen diese prachtvollen Lücken – als letzte Zuflucht für Gott.

S. 185

Mit dem Kreationismus ist im englischsprachigen Raum, vor allem in den USA, eine große Strömung aktiv, die die Schöpfungstätigkeit Gottes in der Natur „nachweisen“ will. Auf vielen Seiten des Buches setzt sich Dawkins mit diesen Leuten auseinander, zerpflückt ihre Thesen und kritisiert ihre Strategien, wie sie Bildung und Schulen unterwandern wollen, um die Evolutionstheorie abzuschaffen und etwas, was sie intelligent design nennen, an ihre Stelle zu setzen.

Aus Dawkins‘ Sicht nutzen sie nur vorhandene „Lücken“ in der Wissenschaft, um dort ihren Gott unterzubringen. Dabei ist ihm bewusst, dass Theologen wie Bonhoeffer einen solchen Lückenbüßergott bereits kritisiert haben (S. 174). Wenn man das Gefecht zwischen religiöser Welterklärung und materialistischer Welterklärung über die Jahrhunderte betrachtet, hat das ja auch etwas für sich: Von dem blitzeschleudernden Zeus ist in dem Augenblick nichts mehr übrig, in dem Menschen begreifen, wie Blitze entstehen. Die Strategie, Gott immer da unterzubringen, wo die Naturwissenschaft vielleicht nur mangels besserer Mikroskope oder Teleskope noch nicht hinzuschauen vermag, ist unredlich und führt zu nichts.

Das Leben, das Universum und der ganze Rest

Und, mag man fragen, wie ist nun das intelligente Leben auf dieser schönen Erde entstanden, wenn kein Gott dahinter steckt? Den Weg von der Entstehung des Lebens hin zum Menschen hält Dawkins mit der Evolutionstheorie natürlich für vollkommen abgedeckt und erklärt. Dass Leben überhaupt entsteht, ist schon schwieriger, und auch dass ein Universum entsteht, dass genau dieses Leben ermöglicht, ebenso. Grenzt es an ein Wunder, dass die Erde eben genau dafür geeignet ist? Und dass im Universum genau die Verhältnisse herrschen, dass eine Erde möglich wird? Oder ist es ein Wunder?

Dawkins löst das Problem mit brachialer Vielzahl. In einem riesigen Universum gibt es eben riesige Mengen an Planeten, und es muss dann halt auch eine bestimmte Zahl geben, die Leben ermöglicht. Und wenn man sich vorstellt – das wird unter Physikern diskutiert – dass das Universum ewig neu entsteht und wieder vergeht, oder dass unendlich viele Universen nebeneinander existieren, dann muss halt auch einmal eines dabei sein, in dem es Leben gibt. Die unzähligen Versuche Darwinscher Selektion können auch auf Planeten und Universen angewandt werden – und dann ist alles kein Problem mehr.

Dass wir hier sitzen und uns fragen, wie wir entstanden sind, kann ja nur geschehen, weil wir hier sitzen:

In ihrer allgemeinsten Form lautet die anthropische Antwort: Wir können die Frage überhaupt nur in einem Universum erörtern, das uns Menschen hervorbringen konnte.

S. 202f.

Wenn ich ein Zahlenschloss mit drei Stellen knacken will, ist die Wahrscheinlichkeit 1 zu 1000, dass ich den richtigen Code auf Anhieb erwische. Wenn ich mir Zeit nehme und alle Zahlen ausprobiere, erwische ich irgendwann die richtige. In der Informatik nennt man das eine brute-force-Attacke. Für Dawkins ist es eine legitime Antwort auf die Frage, warum wir hier sind und zwar so und nicht anders.

Damit ist die „Gotteshypothese“ nicht vollkommen hinfällig, aber für Dawkins eben ziemlich unwahrscheinlich geworden, und auf jeden Fall ist es legitim und vernünftig, sie zu bestreiten. Dawkins behandelt die Existenz Gottes hier immer strikt als wissenschaftliche Hypothese. Löst die Existenz Gottes eine wissenschaftliche Frage? Wenn nein, dann weg damit!

Warum gibt es dann so etwas Verrücktes wie Religion?

Gott ist also abgearbeitet – was hat es mit der Religion auf sich?

Dawkins macht in den Kapiteln 5 bis 9 verschiendene Anläufe, sich dem Phänomen „Religion“ zu nähern. Dabei wird eines klar: Alle religiösen Annahmen sind für ihn schlicht Unfug. Immer wieder scheint das Denken von Bertrand Russel durch, der die Parabel von der himmlischen Teekanne aufgestellt hat: Religiöse Lehrsätze und Dogmen haben für sich genommen soviel Vernunft wie die Behauptung, dass zwischen Mars und Erde eine Teekanne um die Sonne kreise (S. 74).

Für Dawkins ist Religion, soweit es in seinem Buch dargestellt wird, überhaupt nur Denkgebäude ohne Anhalt und Beweis. Religiöse Riten sind sinnlos und absurd. Religion führt zu Unbildung, Dummheit, Gewalt und Fanatismus. Religion „die Wurzel allen Übels“ zu nennen, geht ihm zu weit, aber es ist nah dran. Eine Welt ohne Religion wäre für ihn auf jeden Fall eine viel bessere Welt. Wer behauptet, dass er Gott in seinem Leben wahrnehmen kann, halluziniert oder lügt sich etwas vor. Kein vernünftiger und gebildeter Mensch ist religiös – und wenn er es trotzdem ist, dann gibt es wohl noch unvernünftige Anteile in seinem Geist. Wenn Taliban die Buddha-Statuen zerstören, dann tun sie das aus religiösen Hass. Dass die Buddha-Statuen auch schon religiöse Kunstwerke sind, ineressiert ihn nicht – große Künstler hätten ja sowieso Kunst gemacht, auch ohne Religion.

Weil er Religion so beschreibt, kommt er regelrecht in Erklärungsnot: Warum gibt es so etwas Verrücktes überhaupt?

Diese Abschnitte waren für mich ungeheuer interessant. Natürlich hätte man als gläubiger Mensch viel Anlass, beleidigt und empört zu sein, aber ich konnte es nicht. Ich bin als ostdeutscher Pfarrer ja täglich mit Menschen konfrontiert, die für Religion und Glaube keinerlei Verständnis haben. Sie verstehen es nicht, was das soll. Die wenigsten können das so eloquent erzählen wie Dawkins – so entschiedene und reflektierte Atheisten findet man ja selten. Aber der tiefe Abgrund, der zwischen den Denkungsarten liegt, ist doch ganz ähnlich.

Dawkins kommt am Ende immer wieder auf eine Erklärung zurück, und er begründet das sogar darwinistisch: Religion hätte keine Chance, wenn sie den Menschen nicht in ihrer Kindheit eingetrichtert würde. Evolutionär ist es ein Vorteil, wenn Kinder das glauben, was Erwachsene ihnen erzählen – weil es der Warnung vor Gefahren usw. dient. Aber daher rührt auch die Fehlfunktion, dass Kinder eben auch allen Unsinn glauben und sich dieser religiöse Unsinn über die Generationen fortpflanzt (S. 243).

Je höher die Bildung eines Menschen, und je mehr er die Fähigkeit zum selbständigen Denken erlangt, desto mehr wird er sich von der Religion abwenden. Das ist natürlich starker Tobak für einen gebildeten religiösen Menschen.

Das Christentum lehrt …, dass unhinterfragter Glaube eine Tugend ist.

S. 427

Diese These wirft er immer wieder in den Raum, auch im pädagogischen Zusammenhang. Religiös erzogene Kinder bekämen vor allem diese Moral gelehrt. Unhinterfragter Glaube sei eine Tugend.

Nun, es ist ja noch nicht so lange her, dass man überhaupt meint, Kinder dürften Dinge hinterfragen. Da macht religiöse Erziehung keine Ausnahme. Welche religiöse Erziehung wohl Dawkins genossen hat?

An einer Stelle lässt er uns in seine Biographie schauen. Ein Kaplan hielt in der Schule eine Predigt und erzählte von einem Trupp Soldaten, die sehenden Auges auf Befehl ihres Kommandanten in den Tod marschieren – er hatte sie marschieren lassen und vergessen, das Stopp-Kommando zu geben, und sie liefen in einen fahrenden Zug. Dieser totale Gehorsam sei von dem Kaplan als positives Beispiel ausgemalt worden (S. 243).

Was soll ich sagen? Religiöse Erziehung hat im Laufe der Geschichte verschiedenste Formen angenommen, Formen des Zeitgeistes. Gute religiöse Bildung bedeutet heute, dass Kinder auch auf dem Feld der Religion zugerüstet werden, die Dinge zu hinterfragen. Ein Beispiel aus meiner Biographie: Auf S. 131f. erzählt Dawkins ausführlich über die Widersprüche und Datierungsprobleme der Kindheitsgeschichten Jesu. Er zieht diese Informationen aus atheistischen Zeitschriften, die damit beweisen wollen, dass die Kindheitsgeschichten unhistorisch sind – ich habe dasselbe im Religionsunterricht am bayerischen Gymnasium in der sechsten Klasse gelernt, vom lutherischen Pfarrer. Es hat mich nicht ungläubig gemacht, sondern dazu angeregt, die Bibel weiter zu erforschen.

Der Atheist als Bibelausleger

Was die Bibel angeht, repliziert Dawkins etliche Urteile und Vorurteile, wie sie schon seit dem 19. Jahrhundert herumwandern, ohne größere Sachkenntnis:

Die vier Evangelien, die in den offiziellen Kanon gelangten, wurden mehr oder weniger willkürlich aus einer größeren Zahl ausgewählt. Ursprünglich war es mindestens ein Dutzend, darunter das Thomas-, Petrus-, Nikodemus-, Philipp-, Bartholomäus- und Maria-Magdalena-Evangelium.

S. 134

Die drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas), die wir in der Bibel haben, sind in Wirklichkeit das Zuverlässigste, was wir über die Biographie Jesu sagen können. Es ist faszinierend, dass die Kirchenväter solch ein gutes Urteil gefällt haben im 2. Jahrhundert und sich nicht von den wilden Geschichten der „Apokryphen“ verführen haben lassen!

Die Bibel ist in großen Teilen nicht systematisch böse, sondern einfach nur grotesk. Nichts anderes erwartet man von einer chaotisch zusammengestoppelten Anthologie zusammenhangloser Schriften, die von Hunderten anonymer Autoren, Herausgebern und Kopisten verfasst, umgearbeitet, übersetzt, verfälscht und „verbessert“ wurden, von Personen, die wir nicht kennen, die sich meist auch untereinander nicht kannten und deren Lebenzeiten sich über neun Jahrhunderte erstrecken.

S. 327

Nun, das ist wohl mit der Bibel ähnlich wie mit dem Darwinismus: Man braucht eine bestimmte Art der Bewusstseinserweiterung, vielleicht auch nur Fachkenntnis, um das, was da über die lange Zeit gewachsen ist, in seinen diffizilen Zusammenhängen durchschauen und würdigen zu können! Dawkins gibt allerdings auch zu, dass die Bibel für ihn von wenig Interesse ist – viel Aufwand hat er in diese Abschnitte nicht gesteckt.

Dawkins bekämpft die Kreationisten, weil sie in der Frage nach der Entstehung des Lebens und seiner Vielfalt das Fragen und Nachdenken blockieren würden. Es fällt mir auf, dass es dieses Phänomen auch in der Bibelbetrachtung gibt: Menschen, die die Bibel einfach als ein von Gott gemachtes und inspiriertes Buch betrachten, blockieren ebenfalls viele Fragen, die man an die Bibel stellen kann und behindern wissenschaftliches Denken. An diesem Punkt fühle ich mich Dawkins sogar nahe.

Religionen als „Memkomplexe“

Eine Theorie, die er zur Entstehung von Religion äußert, verdient besondere Aufmerksamkeit. Auf den Seiten 267 bis 283 beschreibt er die Memtheorie. Religionen sind für ihn Cluster von Memen, also Komplexe von Gedanken, Ideen, Bildern und Behauptungen, die sich unter den Menschen verbreiten. Er vergleicht sie tatsächlich mit Viren: Sie pflanzen sich fort, sie gedeihen unter bestimmten Umständen, entstehen zufällig, werden verdrängt oder verdrängen andere Meme. Sie werden im Laufe ihres Daseins gestaltet, manipuliert und ausgebaut.

Das ist eine tatsächlich interessante Analogie zu biologischen Vorgängen. Dawkins hätte sie allerdings noch ausbauen und die „Waffengleichheit“ herstellen müssen: Auch die Evolutionstheorie und der Darwinismus sind ein solcher Memplex, der sich unter den Menschen als „Gedankenvirus“ verbreitet. Er war bis jetzt in großen Teilen der Weltbevölkerung erfolgreich, in anderen nicht. Was ihm bisher kaum gelungen ist, ist die religiösen Memplexe zu verdrängen. Manchmal leisten sie Widerstand, aber oft gehen sie Symbiosen mit dem wissenschaftlichen Denken ein oder existieren davon vollkommen unberührt weiter. Ich habe das ganze Buch gelesen, mich niemals tiefer mit der Evolutionstheorie beschäftigt, sie aber auch niemals ernsthaft bezweifelt oder bestritten, halte mich für einen halbwegs gebildeten Menschen und Christ bin ich auch noch. So what? Da haben wohl mehrere Memplexe in meinem Kopfe Platz und feiern fröhliche Symbiose.

Fazit

Dawkins‘ Buch wurde immer wieder angegriffen, weil es so aggressiv sei. Tatsächlich hat es große polemische Stücke. Mit harten Bandagen kämpft er gegen Fundamentalisten, Abtreibungsgegner, Kreationisten, evangelikale Eiferer und religiöse Pseudowissenschaftler. Er erzählt Geschichten aus dem heutigen Amerika und Großbritannien, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Dass große Teile des amerikanischen fundamentalistischen Christentums eine Gefahr für Amerika und die Welt, gerade auch für vernünftige Christinnen und Christen sind, haben wir in Europa während Donald Trumps Präsidentschaft erst wahrnehmen müssen. Es ist wichtig und richtig, dass Dawkins darauf aufmerksam macht. Und die Leute, die er da aufs Korn nimmt, haben es gewiss verdient. Wer behauptet, dass ein Wirbelsturm eine Stadt trifft, weil dort eine lesbische Komikerin gastiert, verdient Dawkins‘ Spott und auch von uns argumentative Prügel.

Seine Art, wie er die Bibel liest, ist diesem Zeugnis religiöser Menschheitsgeschichte und Gottes Wortes nicht angemessen, trifft aber dennoch einige Punkte, auf die wir bis heute keine Antwort gefunden haben. In diesem Blog habe ich ja selbst die Kritik von Robert Warrior an den Texten über die Vernichtung der Einwohner Kanaans aufgenommen. Darüber muss mehr nachgedacht werden als es bisher geschehen ist.

Untreu wird sich Dawkins an den Stellen, an denen er mit „Autoritätsbeweisen“ operiert. Immer wieder geht es darum, dass dieser und jene auch Atheist gewesen ist, dass die Gründerväter der USA religiöse Skeptiker waren, dass Einstein nicht an einen theistischen Gott glaubte usw. Auch wenn das vielleicht manchen von seinen Gegnern wichtig ist, 100 gottgläubige Nobelpreisträger ins Feld zu führen – mich interessiert das herzlich wenig.

Newton behauptete tatsächlich, er sei religiös, und das Gleiche taten bis zum 19. Jahrhundert fast alle.

S. 138

Da hätte Dawkins wohl mal die Bibelkommentare von Newton lesen müssen. Wir wissen heute über die kritische Religiösität Newtons sehr genau Bescheid.

Eine Sternstunde ist der Abschnitt über den ethischen Zeitgeist (364-377). Dawkins meint, dass trotz allem die Menschheit sich auf dem Feld der Ethik über die Jahrhunderte stetig weiterentwickelt und bringt dafür viele viele Beispiele: „Die ganze Welle bewegt sich immer weiter, und selbst der Vorreiter aus einem früheren Jahrhundert … würde sich hundert Jahre später bei den Nachzüglern wiederfinden“ (S. 376). Das sollte man lesen, denn er hat Recht, und das gibt Hoffnung!

Dawkins beschreibt an einer Stelle ein Erlebnis aus seiner Kindheit:

Als Kind hörte ich einmal ein Gespenst: Eine Stimme murmelte wie bei einem Vortrag oder Gebet. Die Worte konnte ich fast, aber nicht ganz verstehen, und sie schienen mir einen ernsten erhabenen Klang zu haben. Ich hatte Geschichten von Geheimkammern in alten Häusern gehört und fürchtete mich ein wenig. Dennoch stand ich auf und schlich mich in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Beim Näherkommen wurde es lauter, und dann machte es in meinem Kopf plötzlich „klick“. Ich war jetzt so nahe herangekommen, dass ich erkennen konnte, was es war: Der Wind pfiff durch das Schlüsselloch und machte ein Geräusch, auf dessen Grundlage die Simulationssoftware in meinem Gehirn eine männliche, ehrwürdig klingende Stimme konstruiert hatte. Wäre ich als Kind leichter zu beindrucken gewesen, ich hätte möglicherweise nicht nur unverständliches Sprechen ‚gehört‘, sondern auch einzelne Wörter oder sogar Sätze verstanden. Und wenn ich nicht nur leicht zu beeinflussen, sondern auch religiös erzogen gewesen wäre, wer weiß, welche Worte mir der Wind dann zugeflüstert hätte.

S. 127

Ich halte das für eine Schlüsselstelle: Wenn etwas mysteriös und unheimlich ist, fürchte dich nicht! Geh darauf zu, und mit großer Wahrscheinlichkeit wirst du entdecken, dass gar nichts dahinter steckt. Auf diese Weise versucht Dawkins, Gott und die Religion überhaupt zu „entzaubern“.

Ich glaube, dass es tatsächlich viele solcher pfeifender Schlüssellöcher gibt, die uns etwas vormachen können. Wir dürfen nicht auf sie hereinfallen. Denn sie halten uns vom echten Gott ab. Ihm müssen wir auf die Spur kommen.

Ich habe das Buch skeptisch gelesen, fand es spannend und in manchen Teilen richtig faszinierend. An anderen Stellen wiederum empfand ich ärgerliche Langeweile. Es gibt einen guten Überblick darüber, wo und wie man Gott nicht finden kann. Gerade weil ich mit dem Autor weltanschaulich differiere, habe ich es gerne gelesen. Vielen Dank, Herr Dawkins, für die Mühe!

Neuer und alter Judenhass

Predigt zum Israelsonntag am 21. August 2022

Am 21. August 2022 war in diesem Jahr der 10. Sonntag nach Trinitatis, der in den letzten Jahrzehnten in der Evangelischen Kirche als „Israelsonntag“ ein neues Profil gewonnen hat. „Israel“ bezieht sich hier auf das biblische Volk Israel und auf die heutige Judenheit.

Ursprünglich scheint er ein Gedenktag für die Zerstörung Jerusalems gewesen zu sein – das ist ja auch ein Fest, das vom jüdischen Volk jährlich gefeiert wird. In der Evangelischen Kirche lag aber der Schwerpunkt fast immer darin, sich zu erheben über das Volk Israel. Seht, wir haben es besser gemacht als die Juden, wir sind jetzt das neue Volk Gottes. Und lange hat man an diesem Sonntag auch für die Mission unter den Juden gesammelt, damit sie endlich Christen würden.

In den letzten Jahrzehnten, als der jüdisch-christliche Dialog mehr und mehr Früchte trug, ist dieser Sonntag ein Tag geworden, an dem wir in der Kirche nachdenken über unsere Beziehung zum Judentum. Die Kirche hat da keine leichte Aufgabe. Wir haben den größten Teil unserer heiligen Schrift mit den Juden gemeinsam, und wir haben dennoch verschiedene Auslegungen. Gleichzeitig können und sollen wir auch voneinander lernen. Und diese Heilige Schrift sagt unmissverständlich, dass es ein von Gott erwähltes Volk gibt — dass dieses Volk aber nicht wir als Kirche sind, sondern andere Leute, die Juden, die sich uns nicht angeschlossen haben. Da gibt es viel Stoff zum demütigen Nachdenken.

Ich dokumentiere hier meine Predigt zum Israelsonntag, den wir in der Nikolaikirche unter das Thema „Judenhass – Antisemitismus“ gestellt haben. Im Anhang noch ein paar Eindrücke vom Nachgespräch im Mutterhausgarten.

Liebe Gemeinde!

Im letzten Jahr, im Sommer, hat es ein großes Ereignis in Eisenach gegeben auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge. Ein jüdischer Torah-Schreiber ist da gewesen und hat öffentlich ein Stück der Heiligen Schrift abgeschrieben. Er hatte den Auftrag, die fünf Bücher Mose für die Synagoge in Erfurt zu schreiben, und solche offiziellen Schriftrollen für den Gottesdienst werden im Judentum bis heute von Hand geschrieben. Ein Torah-Schreiber wird besonders ausgebildet, weil es ein heiliger Beruf ist. Und ich muss sagen, es war faszinierend, das zu sehen und zu erleben, wie er dort gearbeitet hat. Normalerweise schreibt ein solcher Schreiber zuhause, aber er hat sich dazu bringen lassen, mehrere Termine in Thüringen anzubieten, wo er das öffentlich macht und Fragen beantwortet und die Menschen hinter die Kulissen schauen lässt.

Und es waren viele Eisenacher und Eisenacherinnen da, jeglichen Alters. Sie fragten, und er erzählte von seinem Beruf. Was für uns heute kaum mehr vorstellbar ist in unserer Zeit der Computer: Er hat uns gesagt, dass er den ganzen Text auswendig kann. Dennoch hat er zur Sicherheit eine Vorlage, von der er abschreibt. Und wenn auch nur ein Buchstabe falsch ist, dann kann das nicht mehr korrigiert werden. Die ganze Seite kommt weg und muss neu begonnen werden. Am Ende werden alle Seiten – und das ist dann modern – computertechnisch überprüft, ob auch wirklich jeder Buchstabe und jeder Punkt am richtigen Ort sitzt. Er hat auch offen zugegeben, dass er auch schon Fehler gemacht hat – aber wenn man dann hört, dass er Hunderte Seiten abschreibt und dann nur drei Fehler drin sind, dann ist das schon unglaublich.

Auf diese Weise hat das jüdische Volk die Hebräische Bibel über die Jahrhunderte hinweg bewahrt, ohne dass auch nur ein Punkt verloren gegangen ist. Welch eine Ehrfurcht vor der Heiligen Schrift, vor dem überlieferten Wort Gottes!

Wie ist es mit uns Christen? Steht uns auch so eine Ehrfurcht vor dem gedruckten und geschriebenen Buchstaben gut an, oder ist das überholt? Paulus hat gesagt: „Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig“ – heißt das, wir müssen es mit dem Buchstaben nicht so genau nehmen? Oder ist das doch anders gemeint und ein ganz anderer Zusammenhang?

Jesus sagt in der Bergpredigt einen Satz, der zeigt, dass ihm das, was der jüdische Torah-Schreiber macht, gut gefallen hätte. Es gab damals wohl Leute, die Jesus Vorwürfe machten: Jesus ist zu locker, der will das ganze überlieferte Gesetz auflösen, der kümmert sich nicht um die Reinheit und um den Sabbat. Aber Jesus hält dagegen, und ich lese Ihnen das Stück aus dem Matthäusevangelium aus dem fünften Kapitel:

Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich. Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Mt 5,17-20)

Da wäre sich Jesus mit den heutigen Juden vollkommen einig: Kein Jota und kein Häkchen, also kein Punkt, nicht der kleinste Buchstabe, kein Strich der Heiligen Schrift darf verloren gehen. Niemand darf etwas weglassen. Er spricht vom „Gesetz und den Propheten“, das sind die Bücher Mose und dann noch der größte Teil des Alten Testaments. Das ist die Bibel, die Jesus gekannt und benutzt hat.

Was steht da drin? „Gesetz“ ist eigentlich im Deutschen kein schöner Name. Da denkt man an Paragraphen und an Anwälte und Juristen, an Strafen und Gefängnis. In der Torah, in den fünf Büchern Mose, stehen zwar ganz viele Lebensregeln und Gebote, an die sich Menschen halten sollen – die zehn Gebote zum Beispiel – aber da sind ja auch ganz viele Geschichten drin, aus denen wir etwas lernen können für unser Leben. Da steht, dass Abraham ausgezogen ist, und dass Gott ihm verheißen hat, dass sein Volk groß werden wird. Überhaupt die vielen Verheißungen Gottes für die Zukunft, dass Gott Recht schaffen wird, dass der Retter der Welt kommen wird. Und die Verheißungen, dass Gott mit dem jüdischen Volk einen Bund geschlossen hat, der niemals aufhören wird. Das steht da alles drin.

Antijudaismus – Antisemitismus. Wir haben heute Israelsonntag. An diesem besonderen Tag denken wir an das jüdische Volk und über die Beziehung von Judentum und Christentum nach.

Es gibt im Christentum eine lange Tradition, das Judentum und das Alte Testament abzuwerten. Immer wieder hat man behauptet, das Alte Testament sei alt, es habe seine Gültigkeit verloren, denn Jesus habe ja seinen neuen Bund gebracht. Die Juden, so sagt man dann, die meinen immer noch, man müsse alle diese Gesetze einhalten, aber wir wissen es besser. Wir Christen sind frei. Wir sind die neue Religion, und die Juden, die es noch gibt, sind nur so Überbleibsel aus einer alten Zeit.

Und da hängt es ganz eng zusammen: Die Idee, dass das Alte Testament nicht mehr gültig sei, und die Behauptung, dass das Judentum nicht mehr von Gott gewollt sei. Jahrhunderte lang hat Kirche das behauptet, katholische wie evangelische, und gerade Luther hat da einen großen Teil dazu beigetragen. Er hat einige richtige Hasspredigten gegen die Juden gehalten und entsprechende Bücher geschrieben. Es ist nur gut, dass die lutherische Kirche in dieser Hinsicht nicht auf ihn gehört hat.

Trotzdem hat sich der christliche Judenhass durch die Generationen getragen. Man wollte nicht wahrhaben, dass es ein von Gott erwähltes Volk gibt, das nicht christlich ist. Das durfte es nicht geben – obwohl es doch klar in der Bibel steht: Gott hat das Volk Israel ausgesucht, dass es nach seinen besonderen Geboten lebt, und ihm hat er seine Verheißungen gegeben. In diesem Volk wurde der Heiland geboren. Und dieses Volk soll bleiben, bis an der Welt Ende.

Stattdessen hat man behauptet, dass das Volk Israel verschwinden werde, und als es nicht verschwand, hat man begonnen sich Geschichten auszudenken. Eine lange Reihe böser Geschichten. Die Juden wurden zu Brunnenvergiftern, sie entführen und schlachten christliche Kinder, sie sind gierig und geldversessen, sie sitzen überall an den Schaltstellen. Als sich im 19. Jahrhundert keiner mehr für religiöse Unterschiede interessierte, da ist der Rassismus modern geworden. Natürlich wurde gleich die „jüdische Rasse“ erfunden – ein absurdes Hirngespinst – und weiter ging es. Eine neue Lügenwissenschaft, der Antisemitismus, wurde geboren, und er ist bis heute nicht auszurotten. Der Judenhass setzt immer wieder eine neue Maske auf:

  • Da sind die Rechtsextremisten, die unverhohlen bis heute hetzen, den Holocaust leugnen und Anschläge gegen Synagogen, Jüdinnen und Juden und jüdische Einrichtungen verüben.
  • Aber es gibt auch linken Antisemitismus: Da wird dann behauptet, dass es eine Clique von wenigen Leuten gibt, die das Kapital und die Finanzströme steuert. Das ist natürlich ein Neuaufguss der jüdischen Weltverschwörung. Da wird mit palästinensischen Terroristen zusammengearbeitet und Israel ist nur noch böser Aggressor und Kolonialmacht der ebenso bösen USA.
  • Davon geht die Verbindung zum islamischen Extremismus. Auch der arbeitet sich an den Juden ab. Der islamische Antisemitismus ist aber weniger islamisch, als man meinen könnte: es geht nicht um religiöse Unterschiede, sondern auch hier ist „der Jude“ der Weltverschwörer, der Geldhai mit den Reißzähnen. Israel mutiert zum rassistischen Apartheidsstaat, der einen Holocaust an den Palästinensern begeht. Moderner Antisemitismus benutzt meistens sogenannte Kritik am Staat Israel als Maske.
  • Wollen Sie noch mehr hören? Auch die Corona-Leugner-Szene hat sich in weiten Teilen wieder am Judentum abgearbeitet. Die einen behaupteten, sie seien verfolgt wie die Juden im dritten Reich – die mit den „Ungeimpft-Judensternen“, und am Rande gab es die anderen, für die Corona auch wieder nur eine jüdische Verschwörung war.

In diesem Jahr ist es besonders deutlich geworden. Da wird in Wittenberg das x-te Mal über die Judensau an der Schlosskirche gestritten, das ekelhafte und gotteslästerliche Machwerk, siebenhundert Jahre alt, und einen Monat später sieht man auf der großen Schau modernster Kunst der internationalen Avantgarde in Kassel primitive Karikaturen von israelischen Soldaten mit Schweinerüsseln. Was haben Juden mit Schweinen zu tun, außer dass sie kein Schweinefleisch essen, wie ein großer Teil der Weltbevölkerung auch? Ich weiß es nicht! Der Zusammenhang ist der, dass der Judenhass sich in jedem Jahrhundert eine neue Schweinemaske aufsetzt, damit man nicht merkt, dass es doch immer dasselbe ist.

Was kann Kirche tun? Die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland ist angestiegen. Die meisten werden nach wie vor von Rechtsextremisten begangen. Der Anstieg hat mit Corona zu tun – Menschen sind generell anfälliger für Verschwörungserzählungen geworden – er hat aber auch damit zu tun, dass wir sensibler geworden sind, und dass die Opfer, Jüdinnen und Juden, wieder mehr Sinn darin sehen, diese Angriffe anzuzeigen.

Was kann Kirche tun? So habe ich großspurig auf das Plakat geschrieben für diesen Gottesdienst. Kann Kirche etwas tun?

Kirche muss zunächst einmal bei sich selbst beginnen und die eigene Vergangenheit aufarbeiten. Da ist schon vieles getan worden, aber es ist noch nicht so ganz durchgedrungen. Die Ausstellungen zu Luthers Judenhass sind noch nicht so alt. Vom Entjudungsinstitut hat man noch nicht so lange gehört. Die Bibelauslegung und die entsprechenden Predigten ändern sich langsam. Im jüdisch-christlichen Dialog haben Christen gemerkt, dass auch Juden Bibelkommentare schreiben, und dass vieles, was da drin ist, sehr klug ist und auch aus Jahrhunderte alter Tradition stammt.

Kirche darf auch den jüdisch-christlichen Dialog nicht abreißen lassen. Sie muss in Kontakt bleiben, Solidarität zeigen und immer wieder den jüdischen Gemeinden Rückendeckung geben. Jüdinnen und Juden fühlen sich in Deutschland immer wieder bedroht. Es muss klar sein, dass sie Freundinnen und Freunde haben, die sich einsetzen für sie.

Und ein drittes noch: Es muss uns bewusst sein, dass die alte hebräische Bibel zwei Religionen hervorgebracht hat, die Geschwister sind. Das ist das heutige Christentum und das heutige Judentum. Die Bibel hat verschiedene Möglichkeiten, wie sie ausgelegt werden kann, und sie kann sogar verschiedene Religionen hervorbringen. Das ist eine große Anfechtung, denn wir möchten doch immer die Einzigen sein, Gottes einzig geliebte Kinder. Und dass Gott noch andere Kinder liebt, erfüllt uns mit Eifersucht. Aber er tut es. Das ist vielleicht der komplizierteste Schritt. Dass wir begreifen, dass es nicht darum geht, mit einer Bibelauslegung Recht zu haben. Sondern dass es darum geht, Gottes Kind zu sein.

Nach dem Gottesdienst lade ich Sie ein, dass wir noch zusammensitzen und uns unterhalten – vielleicht können wir Gedanken zusammentragen, was auch wir konkret tun können, als Einzelne und als Gemeinde.

Ich freue mich, dass wir in Eisenach schon einige Schritte gegangen sind auf diesem Weg. Mittlerweile finden verlässlich die Achava-Festspiele bei uns statt mit einem schönen und großen Programm. Da wird Begegnung möglich gemacht. Wir haben auch die Scheu verloren, unsere Vergangenheit zu betrachten.

Jesus sagt: „Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.“ Gottes Verheißung und sein Wille bleiben bestehen. Sein Versprechen, bei uns zu sein und mit uns zu gehen, gilt uns allen, Juden und Christen, bis an der Welt Ende.

Amen.

Nachgespräche und Nachgedanken

Im Mutterhausgarten gab es nach dem Gottesdienst noch die Möglichkeit zu Gespräch, Beisammensein und Nachdenken bei einem Glas Wein, Saft oder Wasser. Es waren viele Gesprächsrunden, und ich konnte gar nicht an allen teilnehmen, weil ich auch schnell in Beschlag genommen wurde von einigen Themen.

Nachfragen und Nachkritik gab es zu dem Phänomen, das ich als „islamischen Antisemitismus“ bezeichnet hatte. Ich hatte gesagt „Israel mutiert zum rassistischen Apartheidsstaat, der einen Holocaust an den Palästinensern begeht.“ Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch haben mittlerweile den Staat Israel als Apartheidssystem eingestuft. Sie tun das aufgrund eines bestimmten Apartheid-Begriffes und aufgrund der Beobachtungen, die sie in den besetzten Palästinensergebieten seit Jahren machen. Das kann man in den entsprechenden Berichten nachlesen. Über diese Berichte ist hart gestritten worden, und auch wir diskutierten darüber, ob der Begriff „Apartheid“ für die israelisch-palästinensischen Zustände angemessen sei. Man kann den Einstufungen der Menschenrechtsorganisationen folgen – ich selbst glaube aber aber nicht, dass es sinnvoll ist, ein bestimmtes historisches Staatssystem in einen Straftatbestand umzuwandeln und diesen dann noch auszudünnen. Zu einem Apartheidssystem passt auch nicht, dass arabische Israelis im israelischen Parlament sitzen und sogar an der Regierung beteiligt sind. In Südafrika durften Schwarze und Weiße nicht einmal in einem Raum miteinander essen.[(1)]

Zu den „lustigen“ Bildern auf der Documenta meine ich: Man kann sehr wohl Gegner des Staates Israel sein, kann diesen auch bekämpfen – aber man muss deswegen keine geldgierigen Juden mit Hakennasen und SS-Runen auf dem Hut malen. Das ist eben genau die Linie zum Antisemitismus.

Ein weiterer Gesprächskomplex drehte sich um die heutige Theologie, die sich mit dem Volk Israel seit Jahrzehnten auf eine ganz neue Weise befasst. Jemand zitierte doch tatsächlich den Apostel Paulus:

Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: „Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.“ Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.

Röm 11,25-28

Kaum war ich in einem Nachgespräch so schnell und so tief in theologischer Diskussion. Den Paulus hier zu analysieren, würde zu weit gehen, auch, alles wiederzugeben, was gesprochen wurde. Für Paulus sind die Juden von Gott „verstockt“, das heißt ja, Gott hat sie absichtlich so geführt, dass sie Christus nicht anerkennen. Ist das nun ein Defizit, was sie später noch aufholen müssen – oder ist es ein eigenständiger Weg zum Heil? Ich meine wohl eher das Letztere – aber für Paulus ist es natürlich eine herbe Enttäuschung, dass sein eigenes Volk nicht seinen Weg mitgeht.

Es war ein intensives Nachgespräch. Wir haben zwar keine Konzepte entwickelt, wie Antisemitismus und Judenhass bekämpft werden können, aber doch intensiv über das Thema diskutiert, gerade an einer Stelle, an der die Bewertung nicht so eindeutig ist. Gegen die Nazis kann jeder sein – aber den Nahostkonflikt aufzudröseln, das ist ein anderes Kaliber.

Armin Pöhlmann

[(1)] Der Beitrag von Human Rights Watch beschreibt das ganz gut, wie aufgrund der Erfahrungen in Südafrika „Apartheid“ zu einem Straftatbestand wurde und dann das Kriterium der ideologisch-rassistischen Begründung fallengelassen wurde. Man hat also einen historischen Begriff erst verallgemeinert und dann ausgedünnt. Beim Begriff „Holocaust“ hat man es ja unterlassen, eine internationale Definition von „Holocaust“ zu verfassen, das unter Strafe zu stellen und dann festzulegen, ab wie vielen Toten man diesen Begriff benutzen kann! Selbst wenn die Beschreibung von „Apartheid“ auf den Staat Israel, wie er sich in den besetzten Gebieten verhält, passt, werden mit diesem Wort noch ganz andere Assoziationen ausgelöst. „Die Juden“ sind dann schnell „die Weißen“, die „People-of-Color“ rassistisch unterdrücken. Mir kommt dann gleich die Debatte um Whoopi Goldbergs Holocaust-Bemerkungen in den Sinn.

Die vierzig Tage des Musa Dagh

Wenn das Böse in Gestalt eines Krieges oder eines geplanten Völkermordes tobt, dann wird Frage akut, ob Gegengewalt angemessen ist – Gegengewalt mit dem Ziel, das Böse einzudämmen, abzuwehren oder auch nur die nackte Haut zu retten. Der Ukrainekrieg hat all diese Fragen in der deutschen Öffentlichkeit nach oben gespült. Die Gedankenspielereien über „gerechte Kriege“ und „gerechten Frieden“ sind schrecklich konkret geworden.

Franz Werfel hat in seinem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh einer Gruppe von Menschen ein Denkmal gesetzt, die den Weg der Selbstverteidigung gewählt haben. Als während des Ersten Weltkrieges im Osmanischen Reich der Völkermord an den Armeniern wie geplant ablief, verschanzten sich an der nordsyrischen Küste mehrere tausend Armenier, also ganze Dörfer mit Männern, Frauen, Kindern, auf einem am Meer gelegenen Berg, dem Musa Dagh. Es gelang ihnen, den angreifenden Truppen stand zu halten, bis sie von französischen Schiffen entdeckt und gerettet wurden.

Aus dieser historischen Begebenheit hat Werfel einen Roman gemacht. Ich habe das Buch nach vielen Jahren wieder zur Hand genommen. Lohnt es sich, diese Geschichte heute noch zu lesen?

Eine Geschichte eines Rückkehrers

Die Erzählung beginnt damit, dass Gabriel Bagradian zurück in sein Vaterhaus kommt. Er stammt aus Armenien, hat aber sein ganzes Leben in Frankreich gelebt und sich dort integriert. Er hat eine Französin geheiratet und Familie gegründet. Er hat zwar einige Versuche unternommen, dass sein Sohn auch Armenisch lernen und die armenische Kultur kennen soll – dennoch ist dem Kind die Heimat des Vaters fremd geblieben und auch Gabriel hat sich selbst von ihr entfremdet. Eigentlich kommt er nur, um das Erbe seines Vaters anzutreten und zu überlegen, was er mit einem Haus in dem Dörfchen Yoghonoluk anfangen soll.

Es ist Krieg. Das Osmanische Reich kämpft an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns gegen die Entente. Gabriel meldet sich pflichtschuldig bei der Behörde und befürchtet schon, eingezogen zu werden – aber nichts passiert. Armenier werden bereits nicht mehr zum Militär zugelassen, weil man ihnen keine Waffen mehr in die Hand geben will. Dieser Grund wird aber geheim gehalten.

Stück für Stück sickern Gerüchte in den Dörfern um den Musa Dagh ein, dass im ganzen Reich Armenier umgesiedelt werden sollen. Diese Umsiedlung wird von den Behörden als Fürsorge für die armenische Bevölkerung dargestellt. Aber die, die den Deportationszügen entkommen sind, wissen Schlimmes zu berichten. In Wirklichkeit geht es nach Osten, in die mesopotamische Wüste. Die Deportationszüge verwandeln sich in Todesmärsche, und wer das Ziel tatsächlich erreicht, wird in kein fruchtbares Neuland geführt, sondern in der Wüste seinem Schicksal überlassen.

Gabriel Bagradian wird in dieser Situation schnell zum „weißen Messias“. Er tüftelt einen Plan aus, wie man den Musa Dagh, jenen Berg, an dem die armenischen Dörfer liegen, befestigen könnte, und stellt diese Strategie der Dorfbevölkerung vor. Die große Mehrheit entscheidet sich, auf den Berg zu ziehen und sich dort zu verschanzen. Ein Rat wird gewählt, der aus dem orthodoxen Hauptpriester Ter Haigasun, einigen Dorfältesten, Lehrern und anderen Notablen besteht.

Die Zukunft ist jedoch vollkommen offen: Werden sie sich verstecken oder verteidigen können, bis die Pogrome vorbei sind? Werden sie besiegt und als Aufrührer getötet werden – und haben sie dabei den Trost, dass sie ihre Haut nicht billig verkauft haben? Oder kann es Rettung von der Seite des Meeres geben?

Eine Minderheit beschließt, den Verteidigungsplan abzulehnen und unter der Führung des protestantischen Pastors in die Deportation zu gehen. Sie wollen – und das begründet zumindest der Pastor christlich – den gewaltlosen Weg gehen und dem Bösen keinen Widerstand leisten. Die beiden Gruppen – und das ist eine Stärke des Romans – zollen sich gegenseitig Respekt für ihren jeweiligen Mut. Dass die Minderheit einem schauderhaften Tod entgegen geht, ist an dieser Stelle nur Ahnung, wird später aber Gewissheit.

Der Hauptteil des Romans sind dann die vierzig Tage, die die armenischen Familien auf dem Berg verbringen. Vierzig Tage scheint eine kurze Zeit zu sein – aber wir sehen im Krieg in der Ukraine, was schon wenige Wochen Gewalt und Bombardement auslösen können in den Seelen von Menschen, die bisher friedlich gelebt haben. Auf dem Berg werden alle an ihre körperlichen, seelischen und geistigen Grenzen geführt. Etliche zerbrechen daran. Alle Gewissheiten werden zunichte gemacht. Die erste Lektion, was ihnen bevorsteht, erfahren die Widerständler, als schon am ersten Tag der größte Teil ihrer Vorräte durch ein schreckliches Unwetter zerstört und fortgespült wird.

Ich muss mich hier nicht in Einzelheiten vertiefen und will natürlich auch nicht zu viel verraten. Es ist ein Abenteuerroman, der angereichert ist mit psychologischer Tiefe. Er ist äußerst spannend zu lesen. Auch wenn man die Geschichtsbücher oder Wikipedia gelesen hat und weiß, dass am Ende ein Schiff zur Rettung kommt, weiß man natürlich nicht, wer gerettet werden wird und wer auf dem Berg bleiben muss. Im Laufe des Lesefortschritts werden viele Grabkreuze auf dem Musa Dagh aufgestellt.

Als ich mich vor vielen Jahren zum ersten Mal in Werfels Roman vertieft habe, habe ich mich als passionierter Karl-May-Kenner sofort heimisch gefühlt. Das nicht ohne Grund: Werfel war selbst Karl-May-Leser und hat von ihm offensichtlich das Handwerk gelernt.[(1)] Bagradian, der mit einem auf dem Flohmarkt erstandenen Strategiehandbuch und improvisatorischem Geschick aus dem Nichts Verteidigungsbollwerke für die Dörfler aufbaut, hat schon etwas Kara-Ben-Nemsi-Haftes an sich.

Es ist freilich ein Kara ben Nemsi, der in die Krise geführt wird mitsamt seiner Familie. Hin- und hergerissen zwischen armenischem Erbe und europäischer Kultur haben sie nicht nur Kämpfe gegen osmanische Truppen, sondern auch mit ihrer eigenen Identität auszufechten. Bagradians Pendeln zwischen westlich-französischer Prägung und orientalisch-armenischem Ursprung wird durch zwei Frauenfiguren symbolisiert, mit denen er in ein regelrechtes Dreiecksverhältnis gerät.

So wie May es auch hätte tun können, zeichnet Werfel ein buntes Panoptikum, wenn er die Menschen in den armenischen Dörfern beschreibt. Eine ganze Armee von merkwürdigen Figuren und Käuzen gibt es da: Der Apotheker, der stolz auf seine Bibliothek ist – voller Bücher, die er gar nicht lesen kann – die Dorflehrer mit ihren eigenen verschrobenen Charakteren, der „Russe“ – ein unkontrollierbarer Vagabund, der in russischen Armeediensten gestanden hat – ein wurzelloser US-Bürger, der sich dazu entschließt, mit auf den Berg zu gehen, obwohl sein Pass ihm freies Geleit sichern könnte, bis hin zu den unheimlichen unberührbaren Friedhofsleuten.

Kein Religionskrieg, sondern Nationalismus

Auf der anderen, osmanischen Seite gelingt Werfel ein Kunststück der Differenzierung. Es sind türkische, osmanische, muslimische Truppen und Politiker, die die Armenier vernichten wollen. Aber Werfel führt die LeserInnen immer wieder hin zu der Erkenntnis, dass diese Art des Völkermordes kein religiöses Hasspogrom ist, sondern ein auf moderne, westlich-effiziente Art geplantes Vorgehen. Der Konstrukteur des Genozids, die nationaltürkische Partei Ittihad, ist rational und kalt:

Ittihad veranstaltete keine urtümlichen Metzeleien mehr, Ittihad machte feinste Politik, Ittihad verwirklichte mit eisernem Willen unvermeidliche Staatsnotwendigkeiten, wobei Ittihad, soweit das irgend möglich war, unnötige Härten zu vermeiden trachtete. Man war modern gebildet. Man war ein Feind der allzu handgreiflichen Methoden, man legte sogar Wert darauf, „Nerven“ zu haben. Infolgedessen warf der Müdir einen kurzen Blick auf das Kunstwerk seiner langen Fingernägel und wandte sich mit jener gefahrgeladenen Freundlichkeit, die alle beamteten Herren über Leben und Tod so trefflich zu gebrauchen wissen, höchst achtungsvoll an Ter Haigasun: „Du weißt, was über euch beschlossen ist.“

Als irritierend habe ich bei der Beschreibung der Ittihad-Vertreter empfunden, dass Werfel sie immer wieder weiblich konnotiert. Da trägt Enver Pascha „hohe Absätze“ und eine taillierte Phantasieuniform. Er „hat einen verlegenen, ja manchmal schüchternen Gesichtsausdruck und einen Augenaufschlag wie ein Mädchen. Mit seinen schmalen Hüften und abfallenden Schultern bewegt er sich fein und anmutig.“ Beim Müdir, seinem Abgesandter, der den Dörflern von Yoghonoluk entgegentritt, wird wiederholt auf seine „sorgfältig manikürten Fingernägel“ hingewiesen. Will Werfel darauf hinaus, dass es gegen männlich-traditionelle Werte ist, einen Massenmord klug und kalt einzufädeln? Daraus werde ich nicht wirklich schlau.

Gegen Ittihad stehen auf der türkisch-muslimischen Seite Vertreter des traditionellen Islam, die den Mord verurteilen und verabscheuen. Sie sind aber zu schwach – und zu passiv? – dagegen etwas zu unternehmen. In der Mitte des Romans gibt es ein Gespräch zwischen dem deutschen Pastor Lepsius und einem türkischen Kontaktmann namens Nezimi:

Nezimi sieht Lepsius mit traurigen Augen an: „Es ist ein Unglück, dass ein Mann wie Sie, der unsere Verhältnisse so genau studiert hat, doch keine Ahnung vom wahren türkischen Wesen besitzt. Wissen Sie, dass die wahren Türken die armenischen Verschickungen noch heftiger verwerfen als Sie?“
Johannes Lepsius horcht gespannt auf: „Und wer sind diese wahren Türken, wenn ich fragen darf, Professor?“
„Alle, die ihre Religion noch nicht verloren haben“, sagt Nezimi.

Diesen innermuslimischen Konflikt spielt Werfel auf allen Ebenen durch: Von politischen und religiösen nationalen Führern bis hin zur dörflichen Landbevölkerung, die sich in Teilen gierig und lustvoll an der Plünderung der Armenier beteiligt, in anderen Teilen aber barmherzig mit den Opfern handelt und entsetzt auf die Vertreibung ihrer NachbarInnen reagiert.

Nicht der Islam, der die Christen mordet, sondern der neue Nationalismus, der eine ethnisch reine Türkei schaffen will, ist der Antrieb für die Gewalt. Es scheint so, dass Werfel damit schon 1933 in Romanform vorgelegt hat, was bis heute als historische Wahrheit gilt.

Ein Zeitungsausschnitt aus dem Neuen Deutschland steckte in meinem antiquarischen Exemplar der Vierzig Tage.

Dunkle Vorahnungen 1933

Der Roman wurde bei seinem Erscheinen 1933 zügig von den Nationalsozialisten verboten. Das hat vermutlich mit einer Initiative der türkischen Regierung zu tun. Doch Werfel beschreibt auch einen eiskalt geplanten Völkermord, wie ihn das Deutsche Reich wenige Jahre später in noch größerem Ausmaß durchführen würde. Schauerlich-prophetisch ist die folgende Passage, in der sich der für den Genozid verantwortliche Enver Pascha und Johannes Lepsius, der die Armenier retten will, unterhalten:

[Enver Pascha:] „Ich werde Ihnen eine Gegenfrage stellen, Herr Lepsius. Deutschland besitzt glücklicherweise keine oder nur wenig innere Feinde. Aber gesetzt den Fall, es besäße unter anderen Umständen innere Feinde, nehmen wir an Francoelsässer, Polen, Sozialdemokraten, Juden, und zwar in größerer Menge, als das der Fall ist. Würden Sie da, Herr Lepsius, nicht jegliches Mittel gutheißen, um Ihre schwer kämpfende, durch eine Welt von äußeren Feinden belagerte Nation vom inneren Feind zu befreien? Würden Sie es dann auch so grausam finden, wenn man die für den Kriegsausgang gefährlichen Bevölkerungsteile einfach zusammenpackte und in entlegene, menschenleere Gebiete verschickte?“
Johannes Lepsius muss sich mit beiden Händen anhalten, um nicht aufzuspringen und hervorzufuchteln:
„Wenn die Regierenden meines Volkes“, ruft er sehr laut, „ungerecht, gesetzlos, unmenschlich“ (unchristlich hat er schon auf der Zunge gehabt) „gegen ihre Landsleute von anderem Stamm oder anderer Gesinnung vorgingen, so würde ich mich im selben Augenblick von Deutschland lossagen und nach Amerika ziehen!“

Tatsächlich ist Werfel in die USA ins Exil gegangen, als die Nationalsozialisten in Österreich einmarschierten.

Fazit

Der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich ist bis heute in der Türkei weder anerkannt noch aufgearbeitet und bringt regelmäßig diplomatische Konflikte hervor. Schon deshalb ist der Roman, der fast neunzig Jahre alt ist, heute noch wichtig. Unabhängig von der historischen Verankerung ist er auch eine Reflexion über Selbstverteidigung, Gegengewalt gegen das Böse, über die Notwendigkeit, sich zu wehren, aber auch darüber, was selbst erfolgreicher Widerstand kostet. Dass Gewalt nicht nur Leib und Leben vernichtet, sondern auch Seele und Geist der Menschen beschädigt und zerstört. Solchen Menschen, die nicht nur Opfer sein, sondern sich wehren und verteidigen wollen, kann der Roman Inspiration und Kraft geben. Er ist aber keine Heldengeschichte – er enthält ebenso die Warnung, dass auch verteidigende Gewalt etwas kostet.

Franz-Werfel-Denkmal in Wien, gestiftet von Armeniern.
Foto: Buchhändler – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3744340

Die vierzig Tage des Musa Dagh sind es wert, dass sie auch heute noch gelesen werden. Wir werden entführt in die Welt des ernsten und historischen Abenteuerromans. Die Geschichte der Armenier im Ersten Weltkrieg ist heute noch so aktuell wie damals, und die spannende Verpackung, die Werfel gewählt hat, tut ihr Übriges. Der Roman kann Völkern und Kulturen, die von physischem Völkermord betroffen waren oder sind, Mut machen. Die Armenier kennen den Roman natürlich – aber auch im Judentum hat er begeisterte Aufnahme gefunden.

[(1)] Vgl. Albrecht Götz von Olenhusen, Franz Werfel und Karl May, M-KMG 133, S. 46.

Downloads

Das E-Book des Romans wurde von Bibliomane im MobileRead-Forum bereitgestellt und kann hier heruntergeladen werden.

Neuerscheinung: Die Debatte

Vor einigen Wochen ist mein Buch erschienen. Die Debatte zwischen Rammohan Roy und Joshua Marshman von 1820 bis 1825. Ein Streit um die Auslegung der Bibel zwischen interreligiöser Begegnung und Unversöhnlichkeit. Die Wurzel dieses Blogs war ursprünglich die Absicht, das Entstehen dieser Doktorarbeit öffentlich zu dokumentieren – naja, man hat ja viel vor im Leben. Aber jetzt bekommen Rammohan Roy und Joshua Marshman hier ihren Platz!

Warum soll Maria Jesus nicht anfassen?

Noch haben wir Osterzeit, da kann ich noch ein bisschen Nachlese betreiben. In diesem Jahr war der Monatsspruch zum Osterfest der Vers 20,18 aus dem Johannesevangelium: „Maria aus Magdala geht und sagt zu den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und berichtet ihnen, was er gesagt hat.“ Maria Magdalena ist diejenige, die die Apostel erst zu Aposteln macht. Sie berichtet ihnen das, was sie der Welt verkünden sollen.

Ich wäre kein evangelischer Theologe, wenn ich den Satz über Maria nicht im Zusammenhang lesen wollte – und als ich das tat, kam eins zum andern:

11Maria aber stand draussen vor dem Grab und weinte. Während sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein. 12Und sie sieht zwei Engel sitzen in weissen Gewändern, einen zu Häupten und einen zu Füssen, dort, wo der Leib Jesu gelegen hatte. 13Und sie sagen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie sagt zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiss nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 14Das sagte sie und wandte sich um, und sie sieht Jesus dastehen, weiss aber nicht, dass es Jesus ist.
15Jesus sagt zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Da sie meint, es sei der Gärtner, sagt sie zu ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sag mir, wo du ihn hingelegt hast, und ich will ihn holen.
16Jesus sagt zu ihr: Maria! Da wendet sie sich um und sagt auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni! Das heisst ‹Meister›. 17Jesus sagt zu ihr: Fass mich nicht an! Denn noch bin ich nicht hinaufgegangen zum Vater. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. 18Maria aus Magdala geht und sagt zu den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und berichtet ihnen, was er ihr gesagt hat.

Übersetzung: Zürcher Bibel

Die Szene ist spannend und gleitet in der Mitte fast in Komische ab. Als Lesende werden wir zuerst Wort für Wort in die Situation hineingezogen, dann schließlich ins Grab, wo die Engel sitzen. Als der mysteriöse „Gärtner“ auftritt, wissen wir schon, dass es Jesus ist, denn Johannes schiebt uns diese entscheidende Information diskret rüber. So können wir zwischen Bangen und wissendem Lächeln beobachten, wie Maria Jesus nicht mit ihren Augen, aber mit ihren Ohren erkennt. Nicht sein Anblick, sondern seine Stimme macht ihr deutlich, dass es Jesus ist.

Das Berührungsverbot und seine Aufhebung

Zu jedem Vers könnte man viel kommentieren, aber ich bin hängengeblieben an den legendären Worten „Fass mich nicht an!“ Sie verursachen Verwunderung. Warum soll sie ihn nicht anfassen?

Der Erklärungen sind schon viele gegeben worden. Diejenigen, die in Jesus und Maria gerne ein Liebes- oder gar Ehepaar sehen wollten, haben hier immer reichlich Stoff gefunden. Wie soll Maria Jesus jetzt nicht mehr anfassen, und wie hat sie ihn denn früher angefasst?

Andere haben in neuerer Zeit anders übersetzt: „Halte mich nicht fest!“, schreibt die neue Einheitsübersetzung. Jesus kann nicht wieder wie früher bei seinen JüngerInnen bleiben, er muss zum Vater gehen, so wie er es vorher schon angekündigt hat (Joh 16,7). Es hat keinen Zweck, ihn festhalten zu wollen. Schließlich sagt Jesus als Begründung zu Maria: „Denn noch bin ich nicht hinaufgegangen zum Vater.“

Wenn man nur eine Seite weiterblättert, dann erscheint Jesus unter den Jüngern, die sich verbarrikadiert haben „aus Furcht vor den Juden“. Und bei der nächsten Erscheinung, als auch der berühmte „ungläubige Thomas“ unter ihnen ist, der nicht glauben will, dass Jesus auferstanden ist, da bietet Jesus freimütig Berührungen an!

Leg deinen Finger hierher und schau meine Hände an, und streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!

Joh 20,27

Als Jesus vor Maria erscheint und sie ihn berühren will, verbietet er es, weil er noch nicht zum Vater hinaufgegangen ist – und als er den Thomas trifft, gilt das nicht mehr.

Nun wage ich ein Gedankenexperiment. Ich stelle mir vor, Jesus ist auferstanden, heraus aus dem Grab. Die Engel setzen sich an die Stelle. Maria kommt hinzu, und sie trifft den frisch Auferweckten. Nach dieser Begegnung muss er wohl zum Vater gegangen sein, und erst dann hat er die anderen Jünger getroffen – jetzt ist nämlich das Berührungsverbot aufgehoben.

Von Null auf Hundert nach der Auferstehung?

Mathis Gothart Grünewald: Die Auferstehung am Isenheimer Altar (Wikipedia, gemeinfrei)

Die Evangelisten der Bibel halten sich ja mit Beschreibungen der eigentlichen Auferstehung weise zurück. Als die Zeuginnen ans Grab kommen, ist alles schon geschehen – das Grab ist leer. Matthäus wagt sich am weitesten vor, wenn er erzählt, wie die Wächter vor dem Grab erstarren, wenn der Stein weggerollt wird (Mt 28,2-4).

Die christliche Kunst hat diese Lücke ausgefüllt. Man betrachte nur den Auferstandenen auf dem Isenheimer Altar. Ein strahlendes Wesen erscheint voller Macht und Kraft und schwebt über dem geöffneten Grab.

Ich möchte gerne, dass, wenn großes Leid geschehen ist, die Spuren sofort wieder verschwunden sind. Ein Jesus, der sofort von Null auf Hundert fährt, wäre der deutlichste Sieg über den Tod. Das widerspricht aber der menschlichen Erfahrung.

Was ist, wenn Jesus nach der Kreuzigung noch nicht so ausgesehen hat? Wenn er noch verletzt und verletzlich war? Ein Mensch, der eine schwere Krankheit überstanden hat, vielleicht im Koma lag, verträgt es nicht, wenn alle auf ihn zustürzen und ihn umarmen wollen. Wenn ein Samenkorn aufgebrochen ist, und der frische Trieb ans Licht kommt, ist es auch nicht klug, gleich daran herumzufingern.

Ich könnte es mir vorstellen, dass Jesus, als er der Maria aus Magdala begegnet ist, noch verletzt und verletzlich gewesen ist. Genauso wie auch sie noch verletzlich und verletzt war von all dem, was geschehen ist. Sie hat ihn nicht erkannt, weil er nach der Kreuzigung und nach seinem Tod natürlich anders ausgesehen hat. Sie hat den immer noch verwundeten Jesus gesehen, den Kraftlosen. Den Jesus, der noch sagt: Leute, bleibt auf Abstand!

Quelle: Image by Famifranquoi from Pixabay

Jesus musste zum Vater gehen, um bei ihm Kraft und Energie zu tanken für die Szenen, die danach kamen: Der Besuch bei den Jüngern, das plötzliche Erscheinen im Raum, das kraftvolle Auftreten und Segnen der Jünger – auch das selbstbewusste Auftreten Thomas gegenüber. Da ist er wieder ganz der Alte.

So stelle ich mir vor, dass Maria Jesus auf eine Weise gesehen hat und ihm begegnet ist, wie kein anderer Mensch jemals später. Jesus hat sich nicht gescheut, ihr gegenüber auch ohne Glanz und Gloria aufzutreten. Es muss wohl doch eine besondere Beziehung gewesen sein.

Elia, der Eiferer

Predigt zum Sonntag Okuli 2022, Nikolaikirche Eisenach — 1. Kön 19,1-13a

Liebe Gemeinde!

Religion und Toleranz — geht das zusammen? Oder ist das ein schwieriges Paar? Wenn ich meinen Glauben und meinen Gott habe, kann ich dann einem anderen auch seinen Glauben und seinen Gott lassen? Darf ich Mittel anwenden, vielleicht sogar Gewalt, um eine andere Religion zu bekämpfen? „In der Religion gibt es keinen Zwang“, so lautet ein islamischer Grundsatz aus dem Koran. Und Luther meinte, dass allein das Wort benutzt werden dürfte, um andere Menschen zum christlichen Glauben zu bringen. Und trotzdem haben beide Religionen eine lange Gewaltgeschichte. Aber nicht nur die, sondern sogar die ewig friedlichen Buddhisten in Myanmar verfolgen Muslime gewaltsam, und sogar Mönche beteiligen sich an Prügeleien.

Alle großen Religionen haben eine Gewaltgeschichte — und vielleicht gerade deshalb verurteilen sie alle die Gewalt. Ist unser Gott nicht ein friedliebender Gott? Sind nicht die Friedensstifter selig? Die Geschichte des Volkes Israel, wie sie in der Bibel steht, ist voller Gewalt. Daraus können wir lernen.

Elia, der Eiferer

Im ersten Buch der Könige lesen wir von einem religiösen Konflikt um den wahren Glauben, der sich hochschaukelt, in eine Gewaltspirale hinein. Im Nordreich Israel wird Ahab König, und seine Frau Isebel bringt aus ihrer Heimat den Kult des Gottes Baal nach Israel — oder vielleicht hat es ihn schon vorher dort gegeben. In Israel fängt der Prophet Elia an zu wirken und er kämpft gegen den fremden Gott. Jahwe, der HERR, der Gott Israels allein, soll im Land angebetet werden. Ahab und Isebel meinen, dass beide Götter ja gut nebeneinander existieren können — Elia ist ein Eiferer, so beschreibt er sich selbst, er eifert für Gott. So kommt es zur Gewalt. Isebel lässt die Propheten des HERRN verfolgen und töten, Elia reagiert mit einem großen Schauspiel vor allem Volk: Er lässt die Menschen sich versammeln und führt eine Art Gottesbeweis durch. Er stellt einen Brandaltar auf dem Berg Karmel auf, die Priester des Baal tun dasselbe — und dann soll der wahre Gott sein Brandopfer selbst anzünden. Am Baalsaltar tut sich nichts — der Altar für den HERRN wird nach einem Gebet Elias durch einen Blitz vom Himmel in Brand gesetzt. Aber der Beweis genügt nicht. Die Priester des Baal werden von der Menge ergriffen, und Elia bringt sie alle um, Hunderte, mit dem Schwert. Er eifert, und er greift zur Gewalt, um Gott durchzusetzen.

Heute, am Sonntag Okuli, geht es um Nachfolge. Wie folgen wir Gott nach, wie folgen wir Jesus nach? Wie wandeln wir in seinen Spuren? Elia ist ein Nachfolger Gottes, Gottes treu ergebener Diener in schwerer Zeit — aber ist er ein Vorbild der Nachfolge? Soll die Nachfolge in Eifer und Radikalität erfolgen? Und wenn ja, in welcher Form?

Elia macht eine Erfahrung, nachdem all das geschehen ist, was ich erzählt habe. Sie steht im 1. Königebuch im 19. Kapitel. König Ahab kommt nach Hause, er hat mit angesehen, wie Elia die Baalspriester umgebracht hat:

Und Ahab erzählte [seiner Frau] Isebel alles, was Elia getan und wie er alle Propheten mit dem Schwert getötet hatte. Da sandte Isebel einen Boten an Elia und ließ ihm sagen: „Bist du Elia, so bin ich Isebel! Die Götter sollen mir dies und das antun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir [dasselbe] antue, wie [das, was] du ihnen getan hast!“

Da fürchtete er sich, machte sich auf und ging fort, sein Leben zu retten. Als er nach Beerscheba in Juda kam, ließ er seinen Diener dort; er selbst aber ging in die Wüste, eine Tagereise weit, und als er hingekommen, setzte er sich unter einen Ginsterstrauch. Da wünschte er sich den Tod und sprach: „Es ist genug! So nimm nun, HERR, mein Leben hin, denn ich bin nicht besser als meine Väter.“ Dann legte er sich unter dem Ginsterstrauche schlafen.

Auf einmal aber berührte ihn ein Bote und sprach zu ihm: „Steh auf und iss!“ Als er sich umschaute, siehe, da fand sich zu seinen Häupten ein geröstetes Brot nebst einem Krug mit Wasser. Da aß er und trank und legte sich wieder schlafen.

Und der Bote des HERRN kam zum zweiten Mal, berührte ihn und sprach: „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg für dich zu weit.“ Da stand er auf, aß und trank und wanderte dann kraft dieser Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis an den Gottesberg Horeb.

Erschöpft

Ohne groß psychologisieren zu wollen — Elia kommt mir fast manisch-depressiv vor. Ein großer Triumph, Gottes Macht bewiesen, die Feinde getötet — da schickt ihm seine Feindin Isebel einen Boten und bedroht ihn — und er knickt sofort ein. Vor Angst läuft er in die Wüste, anscheinend ziellos, und als er nicht mehr kann, setzt er sich hin und will sterben. „Es ist genug! So nimm nun, HERR, mein Leben hin.“

Ein Bote Gottes weckt ihn aus dem Schlaf. Er sagt: „Steh auf und iss!“ Mit einem Mal findet er neben sich Brot und Wasser. Er stärkt sich, dann schläft er wieder. Gott will nicht, dass Elia stirbt. Er soll weiterleben. Er hat noch viel zu tun, aber erst muss etwas geklärt werden. Wieder weckt ihn der Bote Gottes auf. „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg für dich zu weit.“ Welcher Weg? So möchte man fragen. Wohin soll es denn gehen? Es muss erst etwas geklärt werden, und anscheinend wissen beide, Elia und Gott, was das ist. Es geht fast automatisch weiter: Elia isst und trinkt, und dann läuft er weiter. Die Ziellosigkeit hat mit einem Mal ein Ende. Er geht vierzig Tage lang durch die Wüste und erreicht den Berg Horeb.

Am Horeb

Der Sinai/Horeb (Bild: StockSnap auf Pixabay)

Am Berg Horeb, so weiß Elia, ist einmal etwas ganz Großes geschehen. Mose und das Volk Israel waren am Berg auf ihrem langen Zug durch die Wüste. Das Volk Israel war wieder einmal widerspenstig gewesen gegen Gott — und Mose hatte für das Volk gebetet. Er hatte Gott daran erinnert, dass Gott dieses Volk ausgewählt hatte, und da sollte er es doch schonen und nicht immerzu bestrafen. Da hat Mose ein einzigartiges Erlebnis gehabt: Er durfte Gott sehen. Er hat sich in eine Höhle gestellt und Gott ist an der Höhle vorbeigegangen — und Mose konnte ihn im Weggehen sehen. Kein Wort ist da beschrieben, wie Gott ausgesehen hat — Gott ist unbeschreiblich.

Elia kommt nun an diesen selben Berg. Es kommt mir so vor, als ob er Gott herausfordern will. Er sucht das direkte Wort. Und da sucht er diesen Platz auf, die Höhle, in der einst Mose gestanden hatte:

Dort [am Berg Horeb] ging er in eine Höhle hinein und blieb darin übernacht. Und siehe, da erging an ihn das Wort des HERRN: „Was tust du hier, Elia?“

Er antwortete: „Geeifert habe ich für den HERRN, den Gott der Heerscharen! Denn Israel hat dich verlassen; deine Altäre haben sie niedergerissen und deine Propheten mit dem Schwert getötet. Ich allein bin übriggeblieben, und sie trachten darnach, mir das Leben zu nehmen.“

Eifer und Blindheit

Das Treffen mit Gott kommt zustande. Gott ruft Elia, er fragt, was er hier tue. Die Antwort Elias ist lang. Er berichtet, dass das Volk seinen Gott verlassen habe. Die Altäre seien niedergerissen, die Propheten ermordet, er sei der einzig übrige Treue. Das ist die Antwort eines Menschen, der sich vollkommen verrannt hat. Es kann nicht die Rede davon sein, dass ganz Israel Gott verlassen habe, von niedergerissenen Altären lesen wir nichts — und mit dem Schwert getötet hat Elia ebenso eifrig. Er sieht die ganze Welt, alle Menschen nur noch als Feinde an, und sogar wenn er mit Gott spricht, klingt das wie ein einziger Vorwurf. Sein gewaltsamer religiöser Eifer hat ihn in die Blindheit geführt. Er kann die Realität nicht mehr sehen — als ob er in seiner eigenen Welt lebt. Und wenn man es modern und hart ausdrücken will: Es ist die Welt eines religiösen Terroristen.

Mose hatte einst an derselben Stelle für sein Volk gebetet — Elia klagt es an.

Wie antwortet Gott? Wie reagiert er auf diese Art von Glauben an ihn? Bisher hat er das Spiel mitgespielt. Er hat auf dem Karmel den Gottesbeweis erlaubt, er hat Elia vor der Königin Isebel gerettet. Was kommt nun? Er schenkt ihm die Gnade, die er einmal Mose gegeben hat: Elia soll Gott sehen dürfen. Ich lese weiter, das letzte Stück:

Er aber sprach: „Geh hinaus und tritt auf den Berg vor dem HERRN! Gib acht, der HERR wird vorübergehen!“

Und ein großer, gewaltiger Sturm, der Berge zerriss und Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; aber der HERR war nicht im Sturm. Nach dem Sturm ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Nach dem Erdbeben ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer.

Nach dem Feuer das Flüstern eines leisen Wehens.

Als Elia dieses hörte, verhüllte er sein Angesicht mit dem Mantel, ging hinaus und trat an den Eingang der Höhle.

Elia hatte bisher eine bestimmte Vorstellung von Gott. Gott ist der Gewaltige, der Starke. Gott zeigt sich in gewaltigen Katastrophen. Im Sturm, im Erdbeben, im Feuer. All das donnert an der Höhle vorbei. Aber Gott ist nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer. Die Gottesvorstellung der Gewalt und der Zerstörung, die Elia bisher vertreten hat: Gott zeigt sich bewusst nicht so. Wach auf, Elia, berausch dich nicht an der Zerstörung. Gott ist nicht der Zerstörer, der Gewalttätige.

Als Sturm, Erdbeben, Feuer vorbei sind, hört Elia „das Flüstern eines leisen Wehens“ — und da weiß er, dass Gott jetzt gekommen ist. Ohne Eifer, ohne Gewalt, ohne Zerstörung. Wer Gott wahrnehmen will, der darf sich nicht blind und taub vor Eifer machen, der muss sehen und hören können auf die kleinen und leisen Töne. Das scheint Elia nun zu begreifen. Er begreift, dass nun Gott gekommen ist, im „Flüstern eines leisen Wehens“. Er tritt aus der Höhle und begegnet Gott.

Es mag sein, dass es immer wieder Unfrieden und Gewalt gibt um den Gott der Bibel — auch die Bibel ist voll davon. Gott selbst zeigt sich aber als der Leise und der Gewaltlose. Als das Kind in der Krippe. Als der, der am Kreuz stirbt. Das ist die Radikalität Gottes: Nicht der kompromisslose Eifer um den rechten Glauben, sondern die kompromisslose Liebe zu den Menschen.

Amen.

Titelbild: kieutruongphoto auf Pixabay. Vielen Dank für das freie Bild!

Identitti

Mal wieder eine Buchvorstellung

„Geschlecht“ ist ein schillerndes deutsches Wort. Denken wir heute und angesichts der laufenden Diskussionen gewöhnlich an „gender“/Genus/männlich/weiblich, kann Geschlecht doch auch auf die Menschen eines Zeitalters, das ganze „Menschengeschlecht“ oder eben auch auf die Ahnenreihe („das Geschlecht der Merowinger“) und die ethnische Herkunft verweisen – blicken wir nur auf die biblischen „Geschlechtertafeln“, in denen die ganze Völkerwelt als eine große Familie organisiert erscheint.

Geschlecht im Sinne von männlich/weiblich scheint fluide geworden, aber wie ist es mit dem Geschlecht im Sinne der ethnischen Herkunft? Kann ich eine ethnische Herkunft annehmen, mir eine Herkunft aneignen, oder muss sie mir von Geburt gegeben sein?

Das Cover macht was her. Ich habe natürlich mal wieder „nur“ das ebook gekauft. Quelle: Hanser.

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal hat einen ersten Roman geschrieben. Der Titel Identitti gibt das Thema an – es geht um Identität. Es ist ein furioses Debüt, soviel sei gesagt, und es setzt bei den LeserInnen einiges voraus. Die Geschichte ist erzählt aus der Perspektive der Studentin Nivedita, die einen Blog unter dem Titel Identitti schreibt. Seit ihrer Kindheit setzt sie sich mit mit der Frage auseinander, wer sie eigentlich ist – ein Kind einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters, aufgewachsen in NRW. Darf sie sich Inderin nennen, oder ist sie eine „Kokosnuss“, wie ihre Cousine spöttisch befindet, außen braun, aber innen weiß?

Eine Offenbarung wird für sie das Studium bei der indischen Professorin Saraswati im Fach Postcolonial Studies. Saraswati ist das Idol der multikulturellen und der People-of-Colour-Gemeinde und wird Ikone und Rollenmodell für Nivedita. Sie bietet Vorlesungen „nur für Nicht-Weiße“ an und mischt die Identitätsdiskurse und die postkoloniale Theorie auf. Bis zu jenem denkwürdigen Tag, an dem enthüllt wird, dass sie keine Inderin ist, sondern eine waschechte weiße Deutsche ohne jeglichen Migrationshintergrund. Ein Kesseltreiben beginnt in den sozialen Medien, in der Presse und an der Universität. Die StudentInnen fühlen sich betrogen von der Weißen, die sich als Person of Colour ausgegeben hat. Hat die Professorin über ihre Identität gelogen, um sich Vorteile zu verschaffen? Ist es ein Vorteil in einer weißen Gesellschaft, „of Colour“ zu sein? Kann man die ethnische Identität wechseln, so wie es beim Geschlecht schon als möglich vorausgesetzt wird? Oder ist es nicht vielmehr rassistisch, von der Professorin Saraswati zu verlangen, eine rassische Inderin zu sein? Hat sie nicht vielmehr größte Courage bewiesen, als transracial von der privilegierten weißen Identität zu einer Identität als Person of Colour zu wechseln?

Trotz dieser so weit gespannten Debatte ist die Geschichte ein Kammerspiel. Eine Handvoll Figuren agiert und bleibt dabei die meiste Zeit räumlich auf Saraswatis Wohnung beschränkt. In teichoskopischer Manier des klassischen Theaters können sie das, was draußen passiert, in den sozialen Medien lesen. Das Aufkochen und Überkochen des Skandals wird lebendig durch immer längere Twittertiraden, die in den Text eingeflochten sind. Derweilen findet in Saraswatis Haus die Identitätssuche der Heldinnen (und eines männlichen Helden) statt. Und das ganze ist unheimlich witzig geschrieben! Jede, jeder und jedes wird auf die Schippe genommen.

Fasziniert hat mich an dem Buch, dass es die Grenze zwischen Satire und ernster Behandlung des Themas so leicht in beide Richtungen überschreiten kann. Die ganze Klaviatur der postkolonialen Identitätsdebatte über Rassismus, Hautfarben, White Supremacy usw. wird durchgespielt, bis in die absurdesten Verästelungen hinein, sodass man streckenweise denkt, hier werde all das nur ad absurdum geführt zum Amüsement der LeserInnen. Das sind die Strecken, die auch bei eben diesen LeserInnen einiges an Vorwissen und Fachbegriffen voraussetzen. Durch den Ringeltanz der Twittergewitter und der Worthülsen der Identitätspolitik scheint aber immer wieder auf, dass es sehr wohl eine tiefere Substanz und tiefere Fragen gibt. Berührend sind die Stellen, an denen Nivedita versucht, ihrer verehrten Lehrerin die Antwort auf die Frage abzupressen, warum sie sich in eine Inderin verwandelt hat – sie selbst, Nivedita, hat doch selbst die meiste Zeit ihres Lebens versucht, indischer zu sein, als sie in Wirklichkeit ist. Satire, Phantasie, Tiefgang, postkoloniale Reflexion gehen Hand in Hand, machen das Buch witzig und nachdenklich zugleich. In der auftretenden Gestalt der Göttin Kali gibt es sogar Übergänge in den magischen Realismus hinein – wofür ich eine Vorliebe habe.

Mithu Sanyal hat in ihrem Roman viele Elemente ihres eigenen Lebens und bisherigen Schaffens verarbeitet. Sie ist wie ihr Alter Ego Nivedita, wenn Wikipedia zuverlässig ist, ebenfalls polnisch-indischer Abstammung, sie hat einen Shitstorm mitmachen müssen voller Hetze und übler Nachrede. Als Kulturwissenschaftlerin hat sie an kulturellen Fragen und an Sexualgeschichte gearbeitet. Sie muss sich selbst mit der Frage herumschlagen, ob sie sich als PoC verstehen will und kennt Rassismus aus eigener Erfahrung. Die reale Debatte um die Weiße Dozentin Rachel Dolezal, die sich in den USA als Schwarze ausgegeben hat und enttarnt wurde, ist Inspiration für Saraswati und wird im Roman auch zitiert. Das alles kann Sanyal kreativ zusammenrühren und uns als furiose und spannende, witzige und tiefsinnige Geschichte auftischen.

In den Roman hinein dringt auch der rassistische Massenmord von Hanau, der während der Abfassungszeit stattgefunden hat. Die Figuren lesen und hören davon und reagieren darauf, sodass der Roman dadurch eine neue Wendung nimmt. An dieser Stelle bin ich mir nicht sicher in der Bewertung. Die Geschichte beginnt in der Mitte des Romans auf der Stelle zu treten. Das Maximum der Eskalation ist erreicht, die Argumente wiederholen sich. Man fragt sich: Was soll jetzt noch passieren? Alles schon geredet, aber noch so viel Roman übrig? Dann passiert Hanau, und die Wende in der Erzählung kann einsetzen und zum Schluss führen. Hätte Mithu Sanyal das retardierende Moment ihrer Konstruktion auch ohne Hanau überwinden können? Das ist schwer zu sagen und bleibt als Schwäche bestehen.

Am Ende bleibt die Professorin Saraswati viele Antworten schuldig. Warum hat sie sich in eine Inderin verwandelt? Wie konnte sie Inderin werden und sogar noch den Anspruch stellen, dabei völlig authentisch zu sein? Sie flüchtet sich immer wieder in die ihr eigene Überlegenheitspose und gibt nur wenige Einblicke in die Motivationen ihres Transfers. Ob diese Einblicke ihre innere Wahrheit zeigen, bleibt offen. Am Ende fällt sie wieder auf die Füße und führt ihre Karriere weiter, nachdem sie durch das Sturmgewitter gegangen ist. Das ist im Rahmen der Erzählung glaubhaft. Aber hinter die Fassade Saraswatis zu blicken, ist uns nicht erlaubt.

Mata Hari, eine andere rätselhafte Transinderin. Quelle: Wikipedia, gemeinfrei.

Ich, als weißer Mann, frage mich: Ob eine Geschichte derer, die ihre ethnische Identität verändert haben, schon geschrieben ist? Mir fallen da vor allem KünstlerInnen ein wie Mata Hari[(2)] oder Os-ko-mon[(3)], die ihre Rollen so authentisch lebten, dass die Grenzen zwischen Betrug und Identität verschwammen. Genau wie bei Saraswati können wir nicht durch den Schleier dringen. Ist es Spiel? Ist es die Entdeckung einer tieferen, „inneren“ Identität?

Fazit: Der Roman Identitti hat großen Spaß gemacht, zum Lachen gebracht, zum Nachdenken angeregt und einiges Hirnschmalz beansprucht. Viele Fragen werden aufgeworfen und bleiben noch eine Weile im Raum stehen. Man bekommt das Gefühl, dass auch ethnische Identität ein Fass ohne Boden ist, genauso unbestimmt wie so manches andere, das wir als gesichert glaubten.

[(1)] Ich frage mich seit einiger Zeit, ob das Wort „Geschlecht“ nicht deshalb eine inhaltliche Verwandtschaft zum Begriff race aufweist. Der Ausdruck human race ist zumindest mit „das Menschengeschlecht“ gut zu übersetzen.

[(2)] Ein Journalist, der 1905 ein Interview mit Mata Hari führte, berichtete: „Sie ist Holländerin. Sie ist Frau MacLeod.“ Und doch ist sie zugleich Orientalin, „weil sie in Indien geboren wurde. Sie kennt den Ganges und den Benares. Sie hat Hindublut in ihren Adern.“ Sam Waagenaar, Sie nannte sich Mata Hari, Bertelsmann Lesering 1965, Seit 76. Die verworrene Selbstidentifizierung wurde von dem Journalisten akzeptiert.

[(3)] Os-ko-mon, bürgerlich Charles Oskoman, schlüpfte so glaubwürdig in die Rolle eines Yakima-Häuptlings, dass er bei den Karl-May-Festspielen der 30er Jahre zur großen Attraktion wurde. Seinen wahren Ursprung als Mitglied einer Schauspielertruppe hat Albrecht Götz von Olenhusen im Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 2019 jüngst enthüllt.

Sayed Ahmad Khan: Die Weisen aus dem Morgenland

Am 4. Dezember fand der letzte Gottesdienst unserer Reihe „Die Bibel der Anderen“ statt. Diesmal stand der indische Muslim Sayed Ahmad Khan mit seiner Auslegung der Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland im Mittelpunkt – passend zur Adventszeit. Ibrahim Bajo, der schon den Gottesdienst über Navid Kermani musikalisch begleitet hatte, war mit seinem Kanun wieder da, und Christoph Seestern-Pauly an Orgel und Klavier.

Sayed Ahmad Khan (auf einem Gemälde in der Alighar Muslim University)

Sayed Ahmad Khan (1817-1898) war ein indischer Muslim, der bis heute in Indien und Pakistan für seine Schriften zu Politik, Gesellschaft und Religion bekannt ist. Er ist Mitbegründer der Alighar Muslim University, und Universitäten und Hochschulgebäude tragen seinen Namen. Er stammte aus einer angesehenen Familie in Delhi.

In seine Zeit fiel der Untergang des Moghulreiches. Der letzte Moghul wurde nach dem großen Aufstand gegen die Briten 1857 abgesetzt und die früheren einflussreichen Schichten, zu denen auch Khans Familie gehörte, verloren ihre Macht. Khan gehörte zu denjenigen, die sich über ein neues Zusammenleben unter britischer Kolonialherrschaft Gedanken machten. Eine Reform des Islam gehörte für ihn dazu.

Der Koran, die heilige Schrift der Muslime, nennt zwei andere Heilige Schriften, nämlich die „Tora“ (die fünf Bücher Mose) und das „Evangelium“. Damit sind Kernteile der Bibel im Koran anerkannt. Muslime verwenden traditionell die Bibel als zusätzliche Quelle bei ihren Korankommentierungen, aber mit Vorsicht: Die meisten muslimischen Gelehrten nehmen an, dass die Bibel nicht mehr im Original vorliege, sondern verändert oder verfälscht sei. Sayed Ahmad Khan gehörte jedoch zu denjenigen Muslimen, die die Bibel nach wie vor eine zuverlässige Quelle des göttlichen Wortes betrachten.

In den 50er Jahren begann er mit einem Projekt, das bis dahin noch niemand in der islamischen Welt versucht hatte: Er wollte einen Bibelkommentar schreiben und dabei die Bibel aus muslimischer Sicht betrachten. Er konnte leider nur Teile des 1. Buches Mose und des Matthäusevangeliums fertigstellen. Der Matthäuskommentar ist ursprünglich auf Urdu geschrieben und erst vor kurzem ins Englische übersetzt worden. Er ist ganz ähnlich wie ein christlicher Kommentar aufgebaut: Zuerst steht ein Stück Bibeltext, dann folgt der Kommentar dazu, dann das nächste Stück Bibeltext. Aus diesem Mathäuskommentar hören wir im Gottesdienst einen Auszug.

Khan schöpft aus der traditionellen islamischen Überlieferung und Koranauslegung und gleichzeitig aus christlichen Kommentaren. In seinem Kommentar zur Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland kann man sehen, wie er immer wieder verschiedene Möglichkeiten abwägt und daran arbeitet, den besten Sinn aus dem Text herauszuarbeiten. Für christliche LeserInnen mag es faszinierend sein, wie er jüdische, christliche und islamische Heilsgeschichte ineinander webt: So wird Salomo ohne Zögern zum ersten Erbauer der al-Aqsa-Moschee in Jerusalem, und nebenher erklärt Khan, dass die Christen natürlich Zugang zum ewigen Heil haben, weil sie an einen von Gott gesandten Propheten, nämlich Jesus, glauben.

In Sayed Ahmad Khans Kommentar und auch in seinem sonstigen Denken gehören die drei abrahamischen Religionen zusammen und sind untrennbar miteinander verbunden.

Zu der Geschichte der Weisen aus dem Morgenland gehören seit Kirchenvater Origenes (185-253) Spekulationen, was das für ein Stern gewesen sein könnte. Die älteste Theorie ist die von einem Kometen (deshalb hat der Weihnachtsstern auf Bildern meist einen Schweif), dann folgten Theorien über Planetenkonjunktionen und Supernovae. Oft hat man auch versucht, genau zu berechnen, wann welche Himmelserscheinungen um das Jahr 1 herum erschienen sind, und was die Weisen aus dem Morgenland gesehen haben könnten. Sayed Ahmad Khan schlägt dagegen eine Erklärung vor, die Sufismus und christlicher Herzensfrömmigkeit gleichermaßen entsprechen könnte:

Dieses Licht war das Licht der Göttlichen Herrlichkeit. Nicht jeder Beliebige konnte dieses Licht sehen, sondern nur solche Personen, deren Herz von geistlichem Glanz erleuchtet die Fähigkeit gewonnen hatte, eine solch reine Erscheinung wahrzunehmen. Das ist nicht überraschend, denn Gott der Höchste kann nur von den Verdienstvollen gesehen werden.

Literatur: Troll/Ramsey/Mughal (Hrsg.), The Gospel According to Sayyid Ahmad Khan (1817-1898), 2020

Die Weisen aus dem Morgenland

Der Kommentar zum Matthäusevangelium lag bisher nur auf Urdu vor und wurde 2020 ins Englische übersetzt. Ich habe ihn für den Gottesdienst übertragen und bearbeitet.

1 Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: 2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihm zu huldigen.

[Wer sind diese Weisen aus dem Morgenland? Es waren] gelehrte Männer, vom lateinischen magi, woher auch das Wort Magier kommt. Magier hat heutzutage einen abfälligen Beigeschmack, weil man an Zauberer oder Geisterbeschwörer denken mag, aber diese Leute, die da gekommen waren, trugen keinen solch verächtlichen Titel. Sie gehörten vielmehr zu einer uralten Magierklasse. Sie waren Anführer und Vorbilder in ihrer Religion und beschäftigten sich mit Wissenschaft und Sternkunde. Wahrscheinlich waren sie Anhänger von Zarathustra und der Religion der Zoroastrier. Aber Gott, in seiner Gnade, hat ihre Herzen diesen besonderen Weg gelenkt, und deshalb erreichten sie Jerusalem auf der Suche nach dem Erhabenen Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn).

Manche Leute meinen fälschlicherweise, dass diese Weisen aus Arabien gekommen sein. Sie belegen das mit Prophezeiungen aus Psalm 72, Vers 10 –

[Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Gaben, mit Tribut nahen die Könige von Scheba und Saba.]

und Jesajah 60, Vers 6. –

[Eine Menge von Kamelen bedeckt dich, / Hengste aus Midian und Efa. / Aus Saba kommen sie alle, / Gold und Weihrauch bringen sie / und verkünden die Ruhmestaten des HERRN.]

Aber das stimmt nicht, denn dann hätte Matthäus selbst wohl auf diese Prophezeiungen verwiesen. In Wirklichkeit waren diese Leute Magoi, Altiraner, und sie waren aus dem Iran gekommen, der exakt im Osten Judäas liegt. Von ältester Zeit her waren Philosophie, Astronomie und Mathematik im Iran hoch geschätzt und die Menschen dort sehr bekannt für diese Wissenschaften. Deshalb kannte man gerade sie als Magoi.

Jerusalem ist der Name einer Stadt, in der der Erhabene David und der Erhabene Salomo eine Moschee gebaut haben, die wir Muslime al-Aqsa-Moschee nennen. Der Erhabene David (Allahs Segen und Frieden über ihn) eroberte die Stadt von den Jebusitern, die Ungläubige waren. Er machte sie zur Hauptstadt und brachte die Bundeslade dorthin. Diese Moschee ist hochgesegnet. Dorthin richtete sich die Gebetsrichtung aller Schriftbesitzer, und am Anfang war es auch die Gebetsrichtung der Muslime.

[Dass die Weisen davon sprechen, dass sie den Stern des Königs der Juden haben aufgehen sehen,] bedeutet nicht, dass sie den Stern bei sich im Osten gesehen hätten, sondern dass sie im Osten Judäas gelebt haben. Sie hatten den Stern von ihrem Land aus gesehen, also von ihnen aus gesehen im Westen. In Wirklichkeit war dieser Stern dasselbe Licht der Göttlichen Herrlichkeit, das der Höchste Gott erscheinen hatte lassen, um sie zu leiten. Als die Kinder Israels aus Ägypten auszogen, bewegte sich eine Wolkensäule am Tag und eine Feuersäule bei Nacht vor ihnen her und zeigte den Weg. Und so kann es nicht verwundern, dass dieses Licht dasselbe gewesen ist, das auch auf die Hirten geschienen hat in der Nacht der Geburt des Erhabenen Messias. Aus der Entfernung war es für sie wie ein kleiner Stern anzusehen.

Die Weisen waren große Kenner auf dem Feld der Mathematik und Astronomie. Deswegen wussten sie genau, dass dieses Licht, das wie ein Stern aussah, weder ein Stern am Himmel war, noch etwas, dessen Ursprung auf der Erde oder in der Atmosphäre lag, sondern dass es vielmehr ein wunderbares Licht war. Durch ihre Berechnungen hatten sie erkannt, dass dieses Licht über dem Land Juda und alle östlichen Lande scheine. Die Prophezeiungen der früheren Propheten waren wohlbekannt, nämlich dass aus Judäa ein König geboren würde, der über die Kinder Israels regieren solle. Deshalb erkannten diese Weisen, dass das göttliche Licht über Judäa die Geburt des Verheißenen anzeigte.

Wörtlich genommen müsste dieses Licht kontinuierlich zwei Jahre lang geschienen haben, denn als diese Weisen nach Jerusalem kamen, war es immer noch vorhanden. Manche haben eingewandt, dass dieser Stern auch in den Ländern Europas, Asiens und Afrikas sichtbar hätte sein müssen, und dass die dortigen Historiker und Mathematiker das in ihrer Geschichtsschreibung und astronomischen Tabellen hätten vermerken müssen, besonders die Iraner, unter denen die Astronomie weit verbreitet war. Dennoch gibt es kein Zeugnis dieser Begebenheit in irgend einem Lande.

Aber diese Idee, [dass man den Stern auf der ganzen Welt hätte sehen müssen,] ist absurd. Dieses Licht war das Licht der Göttlichen Herrlichkeit. Nicht jeder Beliebige konnte dieses Licht sehen, sondern nur solche Personen, deren Herz von geistlichem Glanz erleuchtet die Fähigkeit gewonnen hatte, eine solch reine Erscheinung wahrzunehmen. Das ist nicht überraschend, denn Gott der Höchste kann nur von den Verdienstvollen gesehen werden. [. . .]

3 Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, 4 und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. 5 Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): 6 „Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.“

Herodes konnte sich nicht vorstellen, dass die Geburt des Königs der Juden mit dem geistlichen Königreich des Erhabenen Messias zu tun haben könnte. Er verstand ihn als weltlichen Rivalen, und deshalb war er erschrocken vor Furcht.

Die Einwohner Jerusalems waren in Aufruhr, entweder wegen ihrer Freude ob dieser Nachricht, oder erschrocken, weil sie sich fragten: „Was wird wohl herauskommen bei dieser Geburt?“ Dann waren sie wahrscheinlich erschrocken, weil sie Herodes’ grausame und tyrannische Art kannten. Es dämmerte ihnen, dass der Tyrann alle Arten der Unterdrückung anwenden würde, wenn er sicher war, dass ein Rivale unter den Juden geboren sei.

[Dass Jesus König der Juden war und über Israel regieren solle,] soll sagen, dass er eine geistliche Herrschaft über die Kinder Israels ausüben würde. Wir Muslime haben aus dieser Prophezeiung geschlossen, dass der Erhabene Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn) gekommen ist, um ausschließlich den Kindern Israels Weisung zu bringen, und nicht den Menschen der ganzen Welt. Aber trotzdem lehrt unsere Religion, dass alle Nichtjuden, die dem Erhabenen Messias glaubten (Allahs Segen und Frieden über ihn), auch das ewige Heil empfangen würden. Denn in unserem muslimischen Glauben kann, auch wenn ein Prophet zu einem bestimmten Volk gesandt wurde, jedermann das ewige Heil empfangen, der ihm glaubt, egal ob er zu diesem speziellen Volk gehört, zu dem der Prophet gesandt wurde, oder zu einem anderen Volk. Wir Muslime glauben fest daran, dass alle Propheten, die seit dem Anbeginn der Welt bis zum Siegel der Propheten gekommen sind, einer Religion angehörten. Demgemäß hat Gott im glorreichen Koran gesagt in der Sure der Beratung: „Er hat euch an Religion verordnet, was er Noach anbefohlen hat, was wir dir offenbart und Abraham, Mose und Jesus anbefohlen haben: Haltet die Religion und spaltet euch nicht in ihr!“[(1)]

Auf dieser Grundlage, gemäß unserer muslimischen Religion, hat der Erhabene Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn), bei seiner Himmelfahrt die Apostel angewiesen: „Machet zu Jüngern alle Völker und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“[(2)]

7 Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, 8 und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und ihm huldige. 9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.

Aus Herodes’ Frage an die Weisen, wann der Stern erschienen sei, wird es deutlich, dass der Tyrann beschlossen hatte, die Neugeborenen zu töten. Er übersah dabei freilich, dass weder Herodes noch irgend jemand anders, sei er auch noch so grausam, diejenigen töten kann, die Gott retten will. Obwohl Betlehem von Jerusalem nicht weit entfernt liegt, versäumte es Herodes, einen seiner Handlanger mit den Weisen zu senden, um nach dem Erhabenen Messias zu suchen. Der Grund dafür scheint zu sein, dass er fürchtete, dass die Juden, wenn sie von seinen dunklen Plänen erführen, Schwierigkeiten machen oder den Jungen verstecken könnten. Dennoch war es ein Wunder durch den Erhabenen Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn), dass so ein mächtiger und starker Feind von solch extremer Dummheit umnachtet wurde.

Es ist natürlich klar, dass Herodes niemals die Absicht hatte, dem Erhabenen Messias zu huldigen. Er war ein Betrüger und belog die Juden. Er suchte Menschen zu betrügen, aber in Wirklichkeit versuchte er, Gott zu belügen. Aber Gott der Höchste kennt die Herzen aller Lügner.

10 Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut 11 und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und huldigten ihm und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Die Führung durch den Stern machte es den Weisen möglich, Jerusalem zu erreichen, den Thronsitz Judäas. Aber als sie das Haus des Jungen nicht fanden, ließ Gott in seiner Güte den Stern vor ihnen herziehen, um ihnen den Weg zum Erhabenen Messias zu zeigen. Er ließ das Licht so weit herabsteigen, dass es vor ihnen herzog, genauso wie die Feuersäule, die den Kindern Israels vorangegangen war, um sie den Weg zu leiten.

Einige Christen behaupten, dass der Erhabene Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn) ein Gott sein müsse, weil sich die Weisen vor ihm niederwarfen [und ihn damit angebetet hätten]. Aber dieses Argument ist weder in den Augen von uns Muslimen stechend, noch in den Augen der kritischen christlichen Wissenschaftler. Wenn der Begriff Niederwerfung genau genommen wird, dann bedeutet er eine respektvolle Niederwerfung, wie sie auch in der frühen Scharia nicht verboten ist. Falls das Wort bedeuten soll „zu den Füßen niederfallen“, wie es in östlichen Ländern vor großen Königen üblich ist, gibt es auch keinen Raum für Zweifel. [. . .] Man kann daraus nicht ableiten, dass die Weisen Jesu Göttlichkeit im Sinne hatten, wie manche früher meinten.

Es ist bekannt, dass nach den altehrwürdigen Bräuchen der östlichen Welt niemand eine wichtige Person besucht, ohne eine Gabe zu bringen. Deshalb haben die Weisen Geschenke für den Erhabenen Messias gebracht. Christliche Gelehrte haben in ihren Kommentaren geschrieben, dass die Weisen Gold und andere Geschenke brachten, und dass dies die Prophezeiungen erfülle, die vom Erhabenen David und vom Erhabenen Jesaja gemacht wurden (Allahs Segen und Frieden über sie). [. . .] Aber in Wirklichkeit haben diese Prophezeiungen keine Verbindung mit dem Erhabenen Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn). Wenn dem so wäre, hätte es Matthäus angezeigt. [. . .] Gibt es denn einem Mangel an Verheißungen durch den Heiligen Geist, die genau auf den Erhabenen Messias (Allahs Segen und Frieden über ihn) hinweisen, sodass man noch weitere suchen müsste, die sich vielleicht auf ihn beziehen lassen?

12 Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Gott der Höchste war genau vertraut mit der Lüge und der Böswilligkeit in Herodes’ Herzen. Er teilte den Weisen durch Engel Herodes’ Betrug und seine bösen Pläne mit und wies sie an, nicht zu Herodes zurückzukehren oder ihm Botschaft vom Erhabenen Messias zu bringen. Deshalb gingen die Weisen nicht nach Jerusalem, sondern kehrten stattdessen auf einem anderen Wege in ihre Heimat zurück.

[(1)]Sure 42,13 (Übersetzung: Zirker); [(2)]Mt 28,18.

Audiodateien

Das Audio gibt den Vortrag wieder, von Klaus Schulz im Gottesdienst gelesen, und den Bibeltext, von mir selbst gelesen. Diesen Bibeltext musste ich nachträglich neu einsprechen und in den Vortrag hineinschneiden, weil die Live-Aufnahme des Gottesdienstes so nicht zu gebrauchen war.

Sayed Ahmad Khan: Die Weisen aus dem Morgenland, gelesen von Klaus Schulz und Armin Pöhlmann.

Nachlese und Nachgespräch

Baklava gemischt 🙂 (Foto: Konditorei Darwish)

Nach dem Gottesdienst versammelten wir uns noch im Seitenschiff. Es gab diesmal eine Süßigkeit: Baklava aus der Kölner Konditorei Darwish. Sie werden in Windeseile geliefert und schmecken köstlich. Der Hauptbestandteil sind Nüsse (Pistazien, Mandeln, Haselnuss u. ä.).

Im Gespräch blieben wir hängen an Sayed Ahmad Khans Erklärung darüber, wie die Weisen sich vor dem neugeborenen Jesuskind „niederwerfen“. Die Lutherübersetzung schreibt tatsächlich an all diesen Stellen „anbeten“: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Oder später: „Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete.“ Und: „Sie sagen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an.“ Es ist tief in unser christliches Weihnachtsliedgut eingedrungen, dass die Besucher das Jesuskind angebetet hätten, auch die Hirten: „O beugt wie die Hirten anbetend die Knie“ (EG 43). Khan verweist darauf, dass im Urtext nur proskyneo steht, also „sich (auf den Boden) niederwerfen“. Das kann Anbetung bedeuten, aber auch das Niederwerfen vor einem Herrscher. Die Lutherübersetzung und die christliche Tradition unterstellen, dass die Weisen und die Hirten das Jesuskind schon als inkarnierten und anzubetenden Gott in der Krippe erkannt hätten, was exegetisch völlig unsinnig ist.[(1)]

Dieser letzte Gottesdienst wurde auch als Anlass genommen, die vergangenen Revue passieren zu lassen. Wir haben uns den Bibeltexten wirklich intensiv gewidmet, auch aus sehr kritischer Perspektive – und das wird vielen im Gedächtnis bleiben.

Wird es eine Fortsetzung oder eine neue Reihe geben? Wir schauen einmal, was das nächste Jahr bringt. Das Jahr 2021 war mit Bibelverkostung, Aperitif-Gottesdiensen, Lebeworten so voll, dass jedes einzelne gar nicht so zur Geltung kam, wie man es gewünscht hätte.

[(1)] Wir können noch weiter gehen: Auch Herodes erklärt in der Lutherübersetzung ganz selbstverständlich, dass er das Kind anbeten wolle. Das unterstellt, dass es im Judentum damals bekannt war, dass der kommende Messias angebetet werden müsse, also Gott sei. Christliche Theologen haben noch im 19. Jahrhundert fleißig behauptet, dass die Gottheit des kommenden Messias zu alttestamentlichen Zeiten selbstverständlich gewesen sei, aber dass die Juden das nach der Erscheinung Jesu geleugnet hätten. Hier geht diese Annahme in den Text unserer Bibelübersetzungen ein. In Mt 28,17 ist die Lutherübersetzung vorsichtiger: Die Jünger „fielen“ vor dem Auferstandenen „nieder“, statt ihn anzubeten – obwohl im Griechischen dasselbe Wort proskyneo steht.