Adele Reinhartz macht Schluss mit Johannes

Die Bibel der Anderen – Gottesdienst in Eisenach am 15. Mai 2021

Zum Jubiläum „500 Jahre Bibelübersetzung auf der Wartburg“ bringt die Gottesdienstreihe „Die Bibel der Anderen“ ein Stück Faszinationsgeschichte der Heiligen Schrift in die Eisenacher Nikolaikirche.

Am 15. Mai 2021 war der erste Gottesdienst dieser Reihe: Adele Reinhartz macht Schluss mit Johannes. In diesem Blogbeitrag stelle ich Texte und Audiomaterial aus diesem Gottesdienst zur Verfügung.

Dieser erste Gottesdienst war besonders schwergewichtig. Adele Reinhartz ist Vollblutwissenschaftlerin und ihre Texte sind Fachtexte, die nicht einfach zu lesen sind. Darüber hinaus steht in diesem ersten Gottesdienst die Kritik am Bibeltext im Vordergrund: Ein heiliger Text wird angegriffen, und das aus Gründen, die gar nicht so einfach von der Hand zu weisen sind.

Wir haben uns nach dem Gottesdienst noch intensiv unterhalten. Eines ist mir sehr stark im Gedächtnis geblieben: Gabriele Phieler hat Joh 8,31-44 als Evangeliumslesung vorgelesen. Das ist ein Stück, in dem Jesus „den Juden“ abspricht, Kinder Abrahams zu sein. Diesen Text, den ich schon oft gelesen und darüber hinweg gelesen habe, jetzt in diesem Gottesdienst zu hören und nachher das Glaubensbekenntnis zu sprechen, führte in den Kern des Problems ein: Wie gehen wir mit diesen Texten um, die uns heilig sind, aber Unheiliges enthalten?

Einfache und einlinige Antworten darauf kann es wohl kaum geben. Der erste wichtige Schritt ist, sich den Fragen zu stellen. Ich bin gespannt auf den zweiten die Bibel kritisch angreifenden Beitrag am 4. September mit Robert A. Warrior.

Einführung zu Adele Reinhartz und in das Thema

Adele Reinhartz (*1953) ist Professorin für klassische Altertumswissenschaften und Religionswissenschaft an der Universität Ottawa. Schon in ihrer Doktorarbeit 1983 hat sie am Johannesevangelium gearbeitet.
Sie schreibt: „Ich war verzaubert von seiner vielschichtigen Sprache und von seiner Erzählkunst. Weil ich dieses Evangelium vorher noch nicht ernsthaft betrachtet hatte, richtete ich meine Forschung auf die Rolle der Zeichengeschichten – die Wundererzählungen in Johannes.“

Ihr nächstes Forschungsthema war dann die Rede vom „Guten Hirten“ im Johannesevangelium.
Lange hat sie sich als Wissenschaftlerin so verstanden, dass sie „neutral“ analysieren müsse unter Ausblendung ihres eigenen jüdischen Hintergrundes. Die Studierenden rätselten in ihren Vorlesungen, welcher Konfession sie wohl angehöre, und zeitweise ging das Gerücht um, sie sei eine katholische Nonne.

Sie schreibt: „Doch wie sehr ich auch darauf beharrte, meine jüdische Identität habe keinen direkten Einfluss auf meine akademische Arbeit, mein Umfeld ließ sich nicht überzeugen. Im Lauf der Jahre wurde ich immer häufiger eingeladen, darüber zu sprechen und zu schreiben, was es heißt, eine jüdische Neutestamentlerin zu sein, Jesus aus jüdischer Sicht zu beschreiben und mich zu Themen des gegenwärtigen jüdisch-christlichen Dialogs zu äußern. Anfänglich reagierte ich auf diese Angebote wie ein scheues Kind, das lieber am Rand sitzt, als sich ins Getümmel zu stürzen. Ich hatte das Gefühl, meine KollegInnen hätten mich freundlich, aber bestimmt an der Hand genommen und mich in ein Spiel verwickelt, das ich nicht gewählt hatte. Als ich jedoch einmal dabei war, fand ich das Spiel nicht nur erfreulich, sondern merkte auch, dass es mein Verständnis für das Neue Testament und das Gebiet der Forschung am Johannesevangelium ebenso erweiterte.“

Bald erkannte sie, dass es beim Lesen des Neuen Testamentes eine entscheidende Rolle spielt, ob man den Autoren und ihrer Botschaft zustimmt, sie kritisiert oder ihnen ablehnend gegenübersteht.

In ihrem Buch „Freundschaft mit dem Geliebten Jünger“ (2001) wagte sie das Experiment, das Johannesevangelium aus vier verschiedenen Perspektiven zu lesen: Wie wäre es, wenn Johannes mein geistlicher Mentor wäre? Wie wäre es, ihn als Kollegen zu haben, den man sachlich kritisieren kann? Wie wäre es, wenn er ein guter Freund wäre? Wie wäre es, wenn er mein Gegner wäre?

Ihr letztes Buch zum Johannesevangelium heißt „Cast out of the Cove­nant“ (2018). Auf deutsch in etwa: „Aus der Synagoge ausstoßen. Juden und Antijudaismus im Johannesevangelium.“

Im Johannesevangelium treten an vielen Stellen „die Juden“ als Hauptfeinde Jesu auf. Im Eisenacher „Entjudungsinstitut“ hat man diese Stellen als urchristlich-originalen Antisemitismus begrüßt und als Grundlage für die „Entjudung“ des Neuen Testamentes benutzt. Später haben christliche Neutestamentler immer wieder neue Wege gesucht, mit diesem Reden über „die Juden“ umzugehen. Eine Theorie, die sehr gerne aufgenommen wurde, ist die, dass das Johannesevangelium von Juden geschrieben worden sei, die an Jesus glaubten und deshalb „aus der Synagoge ausgestoßen“ wurden.

Ein Gegenargument ist die distanzierte Sprache, mit der über „die Juden“ gesprochen wird: „Die Juden“, das sind die Anderen, die nicht an Jesus glauben, und – so ergänzt Adele Reinhartz – die, vor denen man sich fürchten und von denen man sich fernhalten muss.

Adele Reinhartz meint nicht, dass der oder die Autoren des Johannesevangeliums die spätere Entwicklung – zweitausend Jahre Antisemitismus und Judenverfolgung – voraussehen konnten oder gar beabsichtigten. Sie meint aber, dass die Art, wie Johannes über „die Juden“ spricht, bei Christ­Innen ablehnende Distanz und Misstrauen gegenüber ihren jüdischen NachbarInnen erzeugt hat, die zur Feindschaft geführt hat.

Mit ihrem letzten Buch hat sie auch beschlossen, mit Johannes „Schluss zu machen.“

Zum Audiomaterial des Gottesdienstes

Hier finden Sie die aufgenommenen Stücke aus dem Gottesdienst. Der Text von Adele Reinhartz ist aus zwei von ihr 2018 veröffentlichten Texten zusammengefügt, nämlich aus dem erwähnten Buch „Cast out of the Covenant“ und aus einem Internetbeitrag von ihr, „Reflections on my Journey with John“. Die Übersetzung ins Deutsche wurde von mir selbst angefertigt. Sie ist nicht autorisiert und auch keine „wissenschaftliche“ Übersetzung im engen Sinne, sondern wurde für den gottesdienstlichen Gebrauch erstellt. Im Originaltext aus „Cast out“ benutzt sie stets den griechischen Begriff „Ioudaiois“. In meiner Übersetzung habe ich stattdessen „Juden“ eingefügt, weil Reinhartz selbst im nachfolgenden Kapitel weiter erklärt, dass „Jews“ ihrer Meinung die passende Übersetzung für „Ioudaiois“ ist.
Der ganze Gottesdienst wurde auch aufgenommen, wird aber aufgrund der sehr unterschiedlichen Tonqualität hier nicht offen zur Verfügung gestellt, kann aber auf Anfrage zugänglich gemacht werden.

Johannes 8,31-44 – Gelesen von Pfrn. i. R. Gabriele Phieler
Adele Reinhartz macht Schluss mit Johannes – Gelesen von Thekla Bernecker-Degenhardt

Hier noch das Gottesdienstblatt, das auch die von Adele Reinhartz erwähnten Bibelstellen beinhaltet.