Das ungläubige Staunen des Navid Kermani

Am 12. Juni gab es den zweiten Gottesdienst unserer Reihe Die Bibel der Anderen. Diesmal hörten wir keine reine Bibelauslegung, sondern auf eine Betrachtung christlicher Kunst mit muslimischen Augen. Musikalisch trafen sich im Gottesdienst christliche Kirchenmusik (Anna Fuchs-Mertens und Ricarda Kappauf) und islamische Sufi-Musik (Ibrahim Bajo). Es war ein langer, aber auch sehr berührender Gottesdienst für mich.

Einführung in den Autor und das Buch

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er studierte Islamwissenschaft, Philosophie und Theaterwissenschaft in Köln und in Kairo. Er ist schiitischer Muslim, habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie des 1. FC Köln.

Sein Werk ist sehr vielschichtig und reicht von Romanen über religiös-theologische Abhandlungen bis hin zu politischen und philosophischen Essays. Er hat vielerlei Literatur- und Kulturpreise gewonnen, wurde sogar als Kandidat für die Bundespräsidentschaft vorgeschlagen. Seine Rede 2014 vor dem Deutschen Bundestag zum 65. Jahrestag der Verkündung des Grundgesetzes wurde von der Universität Tübingen zur „Rede des Jahres“ gewählt.

In einer Rede auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 2003 in Frankfurt hat er die Frage gestellt: „Brauchen wir einen interreligiösen Dialog?“ Und seine Antwort könnte heute als eine Blaupause für unsere Gottes­dienst­reihe „Die Bibel der Anderen“ stehen:

Jede größere Theologische Fakultät in Deutschland sollte mindestens einen Theologen aus einer anderen Religion beschäftigen. Dieser Jude oder Muslim oder Baha’i sollte nicht nur die evangelischen oder katholischen Seminaristen unterrichten, er sollte angestellt sein, um über die Bibel und die christliche Theologie zu forschen und zu dozieren. Er sollte in den Gremien sitzen und gleichberechtigt mitentscheiden, und zwar nicht primär aus pädagogischen Gründen, nicht etwa, damit die Christen den Islam oder das Judentum kennenzulernen, sondern damit die Christen sich selbst verstehen. Umgekehrt sollte jeder Koranschüler in Deutschland auch die Bibel studieren, und zwar als regulären Teil der Ausbildung.

Ich wünschte mir, die religiösen Quellentexte würden viel öfter noch als bisher den Kammern der jeweiligen Theologie entwendet und den Ghettos einer einzelnen Religion entrissen. […] Gerade Europa hat, bis in die allerjüngste Geschichte hinein, seine Glaubensvielfalt immer wieder zu zerstören getrachtet. Heute, in einem Europa neuer ethnischer und religiöser Konstellationen, bestünde die Chance zu lernen, dass die Existenz verschiedener Religionen in einer Gesellschaft zwar gewiss auch praktische Probleme mit sich bringt, dass die Vielzahl der religiösen Riten und Texte in der eigenen Umwelt aber auch eine Bereicherung für jeden einzelnen Gläubigen, vor allem für die Theologie darstellen kann.“

Kermani hat in seinem religiösen Werk immer wieder über den islamischen Tellerrand hinaus gearbeitet. Oft arbeitete er auch an der Frage der Ästhetik in den Religionen und fragte nach dem „Schönen“ in religiösen Traditionen und ihren Schriften. 2000 erschien sein Buch Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran.

Sein Buch Ungläubiges Staunen. Über das Christentum vereint beide Aspekte. Aus muslimischer und persönlicher Perspektive betrachtet er in einer Reihe von „Meditationen“ christliche Kunstwerke und auch die biblischen Texte, die hinter ihnen stehen. Was christliche Augen und Ohren schon tausendmal gesehen und gehört haben, erregt bei ihm Anstoß, Bewunderung oder Erstaunen.

Zwei dieser Meditationen wurden im Gottesdienst vorgelesen. Die erste ist betitelt mit Sendung. Kermani betrachtet das Gemälde des italienischen Malers Veronese, das die Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-12) darstellt. Es war ursprünglich in einem Kloster in Venedig und ist heute im Louvre zu sehen als eines der größten Gemälde auf Leinwand, die je geschaffen wurden. Die Szene mutet ganz wie ein venezianisches Festmahl an, bei dem Jesus im Zentrum steht, aber dennoch kaum zu bemerken ist im Gewimmel der Feiernden.

Die zweite Meditation heißt Kreuz. Kermani meditiert über ein Kreuz, das der Künstler Karl Schlamminger aus einem Stück Metall geschaffen hat. Dass Kermani das christliche Kreuzsymbol und seine Verehrung theologisch ablehnt und mit scharfen Worten angreifen kann, hat schon einmal für einen Eklat gesorgt: 2009 weigerten sich Kardinal Lehmann und der frühere Kirchenpräsident der EKHN Steinacker, mit Kermani gleichzeitig den Hessischen Kulturpreis anzunehmen. Dabei ist es kaum verwunderlich, dass ein Muslim das Kreuz ablehnt. Bedeutsam ist vielmehr das „ungläubige Staunen“, das anscheinend dazu führt, dass er nicht vom Nachdenken über das Kreuz lassen kann.

Das Nachgespräch nach dem Gottesdienst und einige Nachgedanken

Nach dem Gottesdienst sammelte sich noch eine kleine Runde auf den bereitgestellten Bänken. Was vor allem berührt hatte und nachklang, war das Thema des Kreuzes im Christentum. Kermani lehnt die Kreuzestheologie rundweg ab:

Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundweg ab. Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir genießen sollen, auf daß wir den Schöpfer erkennen, wie mein Großvater predigte, wenn er von der Terrasse seines Landguts auf den herrlichen Zayanderud hinabschaute, den „Leben spendenden Fluß“.

Er kann sogar schreiben, dass die Kreuzesverehrung „Gotteslästerung und Idolatrie“ sei. — Freilich formuliert er das nur für sich persönlich, ohne dabei ChristInnen, die das anders begreifen, zu verunglimpfen. Und in seiner Meditation Kreuz konfrontiert er sich selbst mit einem Kreuz, das in seiner Besonderheit und Abstraktion schon bildlos wird, wie Kalligraphie, und deshalb berührt ihn dieses spezifische Kreuz, und er würde es sogar gerne behalten.

Und nun steht seit Tagen ein Kreuz auf meinem Schreibtisch, links neben dem Computerbildschirm, schräg über dem Gebetsteppich, und ist so berückend, so voller Segen, daß ich es am liebsten selbst ankaufen und für immer behalten würde, koste es, was es wolle. Erstmals denke ich: Ich – nicht nur: man – ich könnte an ein Kreuz glauben. Es steht nicht für die Inkarnation in nur einem Menschen, es steht für die Inkarnation als ein Prinzip.

Albrecht Altorfer, Kreuzigung, 1515/16 (Detail)

In unserer Runde ging es viel darum, was das Kreuz für ChristInnen eigentlich bedeutet. Sollte man Kermanis Impuls folgen und den überkommenen „Leidenskult“ reformieren? Sind die Kreuze mit dem blutüberströmten Heiland zu grässlich, um an ihnen festzuhalten? Oder sind sie noch nicht grässlich genug? Hat der christliche Glaube eine besonders tiefe Spiritualität, weil er sich mit Gott im Leiden versenken kann, statt es nur überwinden zu wollen? Ist es Gotteslästerung, zu behaupten, dass Gott ein Toter an einem Kreuz sei, oder eine tiefere Erkenntnis? Wir sprachen über Kindheitserinnerungen mit Kruzifixen, über Kreuzesdarstellungen aus Südamerika, die das Leid der Diktatur widerspiegeln sollen, über das große Kruzifix in der Nikolaikirche, das nach mehreren Veränderungen nun einen Platz gefunden hat.

Eine Frau berichtete mir vorher am Ausgang der Kirche, dass sie ein Kreuz in einer Kirche kenne, aus dem 12. Jahrhundert, da trage der Gekreuzigte keine Dornenkrone, weil das schon dem damaligen Künstler und der Gemeinde zu brutal erschienen sei.

Es scheint doch so zu sein, dass die Kreuzigung Jesu das Hauptproblem der christlichen Urgemeinde gewesen ist, und dass das bis heute nachwirkt. In den Paulusbriefen finden wir ja die Zweifel, die geäußert wurden — wir haben sie auch im Gottesdienst vorgelesen:

Die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir [den gekreuzigten] Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

1. Kor 1,22-24

Trotz der Auferstehung mussten die frühen ChristInnen verarbeiten, dass ihr geliebter Jesus am Kreuz einen grausamen Tod gestorben war. Der Einwand war deutlich: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.“ (Gal 3,13 / Dtn 21,23). Wie kann ein Verfluchter der Gesalbte sein?

Bis heute geht uns diese Urfrage nach in der christlichen Kirche, und bis heute ringen wir um die Bedeutung des Kreuzes — die lange Diskussion in der Kirchenzeitung Glaube + Heimat in den Leserbriefen in den letzten Wochen („Streitpunkt Menschenopfer“) hat doch realistisch die verschiedenen Positionen vor Augen gestellt.

Eine Frage hätte ich am Ende noch an Navid Kermani. Als Schiit, und das war mir in der Vorbereitung des Gottesdienstes gar nicht in den Sinn gekommen, müsste er mit der rituellen und spirituellen Verarbeitung und Inszenierung von grausamem Leiden vertraut sein. Die großen Imame der Anfangszeit, Ali und Hussein, wurden ermordet, teilweise auf bestialische Weise. Husseins Kopf wurde bei Kerbala abgeschlagen und auf einer Lanze umhergetragen. In Indien habe ich erlebt, wie sich Schiiten intensiv bei Festen und im Gebet in dieses Leiden versenken können. Einmal, in einem Sufi-Schrein, sah ich auf den Gebetsplätzen kleine Klötzchen liegen, wie Ton. Man erklärte uns, dass diese Klötzchen aus dem Staub von Kerbala gepresst seien. So wie Husseins Haupt in den Staub von Kerbala fiel, so legt auch der Betende sein Haupt auf diesen Staub, um sein Leiden nachzuvollziehen. Ist es diese Tradition, die in Kermani so ein ambivalentes Verhältnis zum Kreuz entstehen lässt? Vielleicht schreibe ich ihm bei Gelegenheit einmal eine Mail.

Audiomaterial zum Gottesdienst

Das Buch ist natürlich im Handel erhältlich. Insgesamt eine zu interessante Lektüre, um sich nur zwei Stückchen anzuhören.Mit freundlicher Genehmigung des Verlages C.H. Beck stelle ich den Mitschnitt der beiden im Gottesdienst vorgelesenen Texte zur Verfügung: Sendung und Kreuz, gelesen von Superintendent Ralf-Peter Fuchs.

Navid Kermani: Sendung
Navid Kermani – Kreuz

Der gesamte Gottesdienst wurde auch aufgenommen. Er wird aufgrund der unterschiedlichen Tonqualität hier nicht zur Verfügung gestellt – ich kann ihn aber auf Anfrage zugänglich machen.